Das Todesurteil gegen Tarik Aziz stößt auf Widerspruch
In medialen Beschreibungen von Tarik Aziz fehlt nie die Anmerkung, dass er als "das freundliche (auch: zivilisierte, diplomatische) Gesicht" des Regimes von Saddam Hussein diente, dessen Langzeit-Außenminister und Vizepremier er war. Ob das erklärt, warum sich nun etliche europäische Regierungen für sein Leben einsetzen? Dem Vatikan zumindest liegt er auch als Christ am Herzen. Aber es ist unbestreitbar, dass das Unbehagen, mit dem internationale Experten seit Jahren die Regimeprozesse in Bagdad beobachten, im Fall Tarik Aziz' besonders stark ausgeprägt ist.
Der kranke 74-Jährige - die Meldung, dass er im Koma liege, dementieren die irakischen Behörden - wurde für die "Verfolgung religiöser Parteien" zum Tode verurteilt. Eine genauere Spezifizierung von Aziz' Rolle ersparte sich der Richter, der ein Angehöriger der Dawa-Partei von Premier Nuri al-Maliki ist. Die Dawa war es, die 1980 einen Anschlag gegen Aziz verübte - einer der Auslöser dafür, dass sich im Irak die Repression gegen religiöse Schiiten, hinter denen der Iran gesehen wurde, noch verschärfte.
In anderen Prozessen hatte Aziz zwei Haftstrafen ausgefasst: 15 Jahre wegen der Hinrichtungen von Händlern, die 1991, im ersten Sanktionsjahr, der Preistreiberei für schuldig befunden wurden, und sieben Jahre für Verbrechen gegen die Kurden in den 1980er-Jahren. Vom Vorwurf der Beteiligung an der Niederschlagung von Schiitenaufständen 1999 wurde er freigesprochen. Da war sein Stern tatsächlich schon im Sinken gewesen. 2001 wurde einer seiner Söhne wegen Korruption verurteilt, der Vater behielt zwar sein Amt als Vizepremier, galt aber als marginalisiert.
Der politische Weggefährte Saddams seit den 1950ern wurde als Mikhail Yuhanna 1936 in eine chaldäisch-christliche Familie in Bagdad geboren, wo er studierte und als Journalist die Baath-Revolutionen 1963 und 1968 mittrug. Als Außenminister wurde der auch auf Englisch eloquente Zigarrenraucher und Whiskytrinker ab 1983 und besonders vor dem Golfkrieg 1991 über den Irak hinaus bekannt.
Nach dem Fall des Regimes im April 2003 stellte er sich - die Nummer 43 auf der Fahndungsliste - der US-Armee. Wie Saddam war Tarik Aziz bis zum Schluss davon überzeugt, dass Washington das Baath-Regime in Bagdad als Bollwerk gegen Teheran verstehe. Den abziehenden US-Truppen rief er kürzlich in einem Interview nach, sie würden "den Irak den Wölfen ausliefern". Gudrun Harrer (DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2010)