Unter Bergbauernplutzern

2. November 2010, 19:12
29 Postings

Dass der ORF gut beraten ist, in sein Kerngeschäft zu investieren, beweist ein Marktanteil von 25 %

Satz des Abends: "Mir is' wurscht, wer bei mir sauft." Gesprochen hat ihn Maria Hofstätter Montagabend in "Die Hebamme". Wobei "bei mir" in diesem Fall wörtlich zu verstehen ist. Hofstätters deftige Wortwahl als Mutter, die zusätzlich ein fremdes Kind nähren sollte, trifft den Kern der Umstände, in denen Frauen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Stadt und Land ihre Babys zur Welt bringen mussten. In einer Männerwelt, die zwischen katholischer Scheinfrömmigkeit, verlogener Doppelmoral einerseits, rücksichtslosem Fortschrittswillen und bedingungslosem Glauben an die neu aufgekommene Apparatemedizin geprägt war.

Ein "schauriges Bauerndrama" in bestem Sinne war also zu sehen. Hier stimmte fast alles: Brigitte Hobmeier war eine hinreißende Hebamme und verrichtete mit spröder Entschlossenheit ihren Dienst zwischen Bergbauernplutzern und Arztschnöseln. Selten wurden die abscheulichen Seiten der bergbäuerlichen Lebenswelten im Fernsehen dichter in Szene gesetzt. Das drückte sich vor allem in kontrastreichen Bildern von Land und Leuten aus.

Lediglich der bayerische Dialekt in den Tiroler Bergen überraschte, Hofstätter redete gar Wienerisch. In puncto Glaubwürdigkeit ergeben sich bei solchen Unschärfen Defizite.

Dass der ORF gut beraten ist, in sein Kerngeschäft zu investieren, beweist ein Marktanteil von 25 Prozent. Die Strategie der permanenten Publikumsunterschätzung fruchtet auf Dauer nicht, wie die Beispiele der gnadenlos absaufenden Shows "Powerplay" und "Helden von morgen" zeigen. Insofern hätte sich "Die Hebamme" ein anspruchsvolleres Folgeprogramm als die unsägliche Arztschnulze "Die Alpenklinik" verdient. Verschenkt. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 3.11.2010)

  • Brigitte Hobmeier als Hebamme.
    foto: orf

    Brigitte Hobmeier als Hebamme.

Share if you care.