Sprengstoff für die gläserne Decke

2. November 2010, 17:49
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Was Frauen an einer steilen Karriere in der Wissenschaft hindert, ob ihnen spezielle Programme helfen und wie sich Stereotype auf Hormone auswirken: Eine Tagung zu Gender und Wissenschaft suchte nach Antworten

Es war der Zorn, der Athene Donald dazu brachte, sich mit Frauen in der Wissenschaft zu beschäftigen. "Die Idee, dass es Frauen an etwas mangelt, dass sie konkurrenzfähiger werden müssen oder lernen, besser zu verhandeln, um an Spitzenpositionen zu kommen, ist vollkommen falsch", sagte die Experimentalphysikerin aus Cambridge in ihrem Vortrag zur Eröffnung des Österreichischen Wissenschaftstages. Das Symposium, das alljährlich rund um den Nationalfeiertag von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und vom Wissenschaftsministerium ausgerichtet wird, widmete sich heuer dem Thema "Wissenschaft und Gender".

Der Zorn vieler Wissenschafterinnen - über Benachteiligungen in einer vielfach von Männern dominierten ForscherInnen-Community, über fest eingebrannte Stereotype, etwa dass "Frauen eben nicht für Naturwissenschaften geschaffen" seien, wie es der ehemalige Harvard-Präsident ausdrückte -, der Zorn hat sich längst nicht gelegt, wie die international besetzte Tagung zeigte.

Knapp 100 geladene hochrangige Wissenschafterinnen und Wissenschafter (wobei Erstere nur leicht in der Überzahl waren) fanden sich am Semmering ein, um vor allem jene Löcher in der "leaky pipeline" zu finden, durch die Frauen während ihrer wissenschaftlichen Laufbahn "verloren" gehen, und Strategien zum Stopfen dieser Löcher zu identifizieren. Denn trotz der Tatsache, dass Mädchen bessere Schulerfolge aufweisen und Frauen die Mehrheit der Studierenden stellen, sind sie an Spitzenpositionen noch äußerst rar. Gerade 19 Prozent der ProfessorInnen an Österreichs öffentlichen Unis sind weiblich, erst seit kurzem ist die erste Rektorin im Amt.

Londa Schiebinger, die zweite Eröffnungsrednerin und Wissenschaftshistorikerin an der Stanford University, hat sich in einer Reihe preisgekrönter Arbeiten mit dem Ausschluss von Frauen aus der Wissenschaft beschäftigt. Es könne nicht gelten, wenn bei der Vergabe von Spitzenposten gesagt werde, dass es keine guten Frauen gebe, sagte Schiebinger. "Man muss die Frauen proaktiv dort suchen, wo sie schon sind", plädierte Schiebinger dafür, Frauen vor allem in jenen Fächern zu pushen, wo sie schon jetzt gut vertreten sind - quasi als Sofortmaßnahme, um die Zahl weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Ein Konzept, das einigen Widerspruch provozierte.

Der Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel warnte etwa vor dem "Stigmatisierungseffekt, der eine fatale Wirkung haben kann". Das Wissenschaftssystem müsse Balance halten zwischen der Erreichung von Gender-Zielen und immer höheren Leistungsansprüchen, sagte der Leiter des deutschen Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung. Er berichtete, dass im Zuge der deutschen Exzellenzinitiative, die auch ein Gender-Konzept beinhaltet, die Zahl der neu rekrutierten Professorinnen nur marginal gestiegen sei.

Paradoxe Frauenförderung

Ein paradoxer Effekt von speziellen Frauenförderprogrammen sei, dass sie Wissenschafterinnen zwar in mittlere Positionen bringen würden, dann aber wenig Aufstiegsmöglichkeiten böten. Zudem müssten die wenigen Frauen, die es in Top-Positionen geschafft hätten, auch noch als "Quotenfrauen" sämtliche Gremien besetzen, wodurch wiederum die Forschungsarbeit leiden würde.

Dieser Überlastung könne entgegengewirkt werden, konterte Londa Schiebinger, indem Frauen extra Forschungssabbaticals oder verminderte Lehrtätigkeit eingeräumt werde. "Die geringe Zahl von Frauen in der Forschung limitiert die Objektivität und Exzellenz", betonte sie und sprach sich für eine durchgängige Anwendung von Methoden der Gender-Analyse in der Wissenschaft aus. Dies würde Türen für neue Innovationen öffnen, nicht nur in der Medizin, wo auf Männer abgestimmte Medikamente lebensbedrohliche Folgen für Frauen haben können, auch in allen anderen Forschungsgebieten, wo lange der Mann als Norm galt - zum Beispiel in der Unfallforschung mit Crashtest-Dummies.

Welche Unterschiede es nun wirklich zwischen den kognitiven Fähigkeiten von Männern und Frauen gibt, beleuchtete der Neurobiologe Markus Hausmann von der britischen Durham University. Fest stehe, dass es Unterschiede in allen Gehirnregionen gibt, sowohl die Größe als auch die neuronale Struktur und die funktionelle Hirnorganisation betreffend - auch wenn die tatsächlichen Effekte auf Leistungsunterschiede eher gering ausfallen dürften. "Stereotype spielen aber auch biologisch auf allen Ebenen eine Rolle. Sie beeinflussen sogar den Hormonspiegel", sagte Hausmann.

Testosteronspiegel

In Experimenten fanden er und seine Kollegen heraus, dass selbstsichere Frauen bei bestimmten Aufgaben besser abschnitten als unsichere. Zudem lösten Männer Aufgaben deutlich besser als Frauen, wenn zuvor bei den Testpersonen Stereotype aktiviert wurden. "Der Testosteronspiegel stieg um 60 Prozent, was ein Wettbewerbsverhalten stimulieren und die Hirnorganisation verändern könnte", schilderte Hausmann.
Auch wenn die Relevanz dieser Studien von manchen Wissenschafterinnen angezweifelt wurde - einig war man sich, dass stereotype Einstellungen von Lehrkräften bis hin zu Gutachtern für die Vergabe von Forschungsgeldern bewusst gemacht werden müssen, um die gläserne Decke für Wissenschafterinnen zu sprengen. Heftig debattiert wurde auch das Forschungsklima, das Frauen subtil isoliert und in dem Kinder noch immer ein Karrierehindernis darstellen.

Zumindest was die Zukunft betrifft, gaben sich die KonferenzteilnehmerInnen zuversichtlich: Steigende Zahlen von Studentinnen auch in den Naturwissenschaften würden sich früher oder später auch in den oberen Ebenen niederschlagen. Die nächste Gelegenheit für mehr Frauen an der Spitze ergibt sich schon im kommenden Frühjahr: 2011 laufen an den meisten Unis die Amtsperioden der Rektoren aus. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2010)

  • Nicht nur in der Unfallforschung hat es lange gedauert, bis weibliche 
Crashtest-Dummies berücksichtigt wurden, auch an der Forschungsspitze
 ist die Zahl der Frauen noch äußerst klein.
    foto: picturedesk.com

    Nicht nur in der Unfallforschung hat es lange gedauert, bis weibliche Crashtest-Dummies berücksichtigt wurden, auch an der Forschungsspitze ist die Zahl der Frauen noch äußerst klein.

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