Von der Forschung in den Markt lautete der Schwerpunkt der 8. Österreichischen Photovoltaik-Fachtagung in Wien
"Solwing" heißt das außerirdisch aussehende Gerät, das vergangene Woche für ein paar Tage vor dem Gebäude der Wirtschaftskammer Wien zu sehen war. Hinter diesem futuristischen Namen verbirgt sich eine sogenannte nachführbare Sonnenstromanlage: Sie richtet sich automatisch so aus, dass ihre Fotovoltaikpaneele immer ideal zur Sonneneinstrahlung stehen, womit die beste Stromausbeute gewährleistet sein sollte. Neu daran ist zum einen die Leichtbauweise des Untergestells und zum anderen, dass sie dem Lauf des Zentralgestirns mehrachsig nachgeführt werden kann. Das heißt, die Fotovoltaikanlage ist flexibler als ihre Kollegen und damit eine Weltneuheit.
Entwickelt hat die Konstruktion Franz Hilber, Geschäftsführer der österreichischen Firma Hilber Solar. Er betont deren Praxistauglichkeit: "Die Anlage sollte in rund einer Stunde aufgebaut werden können." Man benötige dazu nur einen 19-Zoll-Schraubenschlüssel. Rund 20.000 Euro soll sie ab Werk kosten und den Jahresstrombedarf einer vierköpfigen Familie decken, aber - in Serie geschaltet - auch für größere Anlagen attraktiv sein.
Während vor der Wirtschaftskammer die Sonnenstromanlage ihren Dienst versah, diskutierten drinnen auf der zwei Tage dauernden 8. "Österreichischen Photovoltaik-Fachtagung" Experten aus ganz Europa einschlägige Forschungsprojekte, Innovationen und Zukunftsthemen wie intelligente Stromnetze und Städte. Aber auch, wie man österreichische Entwicklungen wie die "Solwing" erfolgreich auf dem Markt positionieren könnte.
Denn Österreich könnte den Anschluss an diesen boomenden Wirtschaftszweig verpassen, so die Sorge von Hubert Fechner, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energien an der FH Technikum Wien und der Veranstaltung. Tatsächlich wächst der Fotovoltaik-Markt jährlich um etwa 40 Prozent. Der Weltmarktumsatz betrug 2009 rund 28 Milliarden Euro. "Selbst die Krise konnte die Entwicklung der Fotovoltaik nicht bremsen" , sagte Fechner vor der Tagung, die von Verkehrsministerium, Stadt Wien und der Bundesverband Photovoltaik Austria veranstaltet wurde. "Entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstanden und entstehen hunderttausende Arbeitsplätze" , sagte Fechner. "Bis 2020 könnten auch hierzulande 21.000 Personen in dieser Branche beschäftigt sein."
Raus aus der Förderecke
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass sich der Weltmarkt bis 2020 verfünfzehnfachen wird. Förderungen seien zwar ein Mittel, um den Markt anzukurbeln, sagt Fechner. Er will die Fotovoltaik aber mittelfristig nicht mehr in der Förderecke sehen: "Die Technologie wird billiger und für den Endnutzer interessanter." Hans Kronberger, Vorstand des Verbandes Photovoltaik Austria, ergänzte: "Die Frage wird in den nächsten Jahren nicht mehr lauten, wie teuer sind erneuerbare Energieträger, sondern wie teuer ist es, sie nicht umfassend zu nutzen." Er spielte damit auf die zunehmende Bedeutung "nicht kapitalisierbarer" Primärenergieträger wie Wind und Sonne an. Nur sie seien in der Lage, Versorgungssicherheit und Preisstabilität zu garantieren.
"Das ursprüngliche Thema einer ökologisch verträglichen Energieversorgung erweitert sich auf eine ökonomisch verträgliche Energieversorgung." Wieder wird ein Szenario für 2020 bemüht: Mehr als ein Drittel des heimischen Strombedarfs wurde 2008 aus Öl, Kohle, Gas und Atomkraft erzeugt. Bis 2020 können diese Quellen durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Wie Fotovoltaik und Solarthermie in den Städtebau integriert werden könnte, damit beschäftigt sich die deutsche Architektin Dagmar Everding. Sie leitet das Forschungsprojekt "Leitbilder und Potenziale eines solaren Städtebaus" .
Man müsse zum einen die Technologien optimieren und zum anderen die bauliche Umwelt betrachten, die die neue Technologie schließlich aufnehmen soll, sagte die Stadtplanerin auf der Tagung. "Das Potenzial für Solartechnik an Dächern und Fassaden ist jedenfalls gewaltig." (max/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 11. 2010)