Was die Ethik verlangt und die Medizin darf

Die ethische Dimension bei Gesichtstransplantationen oder die Verwendung von fetalen Gehirnzellen für Parkinson-Patienten sorgt für ein angespanntes Verhältnis zwischen Biomedizin und Gesellschaft - eine Forschungsplattform der Uni Wien will vermitteln

Sieht so die Medizin der Zukunft aus? Künstlich nachgezüchtete Organe aus echtem, lebendigem Gewebe, die sich wie Originalteile zur Reparatur eines defekten menschlichen Körpers einsetzen lassen; Kinder, die garantiert ohne genetische Makel zur Welt kommen; perfekte Pillen zur Heilung jeglicher Art seelischen Leidens: Dies mag alles noch wie Science-Fiction klingen, doch Wissenschafter auf der ganzen Welt arbeiten längst an der Verwirklichung solcher und noch kühnerer Visionen. Wer weiß, vielleicht sind in fernen Zeiten auch Gehirntransplantationen möglich.

Hitzige Debatten

Manche Forscher träumen sogar davon, durch gezielte Eingriffe im Erbgut den Tod zu besiegen. Keine Alterung mehr, kein langsames Dahinsiechen. Eine schöne neue Welt?

Auf diese und ähnliche Fragen gibt es keine allgemeingültige Antwort. Was dem einen als Verheißung erscheint, gilt dem anderen als Frevel oder das Ende des Menschlichen. Hitzige Debatten sind die Folge. Die Forschung, vor allem die biomedizinische, kann sich unmöglich in einen rein rationellen Elfenbeinturm zurückziehen. "Gesellschaft und Wissenschaft sind untrennbar miteinander verbunden", betont der Soziologe Herbert Gottweis im Gespräch mit dem Standard. Fragen des Lebens seien deshalb auch immer sehr politische Fragen, so der Forscher. Man müsse sich ihnen stellen. Mithilfe der Sozial- und Geisteswissenschaften.

Gottweis ist Leiter der interdisziplinären Forschungsplattform "Life-Science-Governance" (LSG) an der Universität Wien. Deren Aufgabe ist das Schlagen von Brücken zwischen den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen - sie soll vermitteln und mögliche Konfliktlösungen aufzeigen. "Die Menschen erwarten, dass es irgendwann Therapien gegen Parkinson, Krebs und andere schwere Krankheiten gibt", sagt Gottweis. Wie aber die Entwicklungsarbeit auf dem Weg dorthin zu regulieren sei, welche Grenzen einzuhalten seien, darüber herrscht kein Konsens.

Dennoch müssen klare Regeln aufgestellt werden, sonst drohen skurrile Zustände. In den USA zum Beispiel sei durch mangelnde Gesetzgebung ein "Wilder Westen" der Reproduktionsmedizin entstanden, weiß Gottweis zu berichten. "Ein Beispiel dafür sind blonde und blauäugige Mädchen an Top-Universitäten wie Stanford, die ihre Eizellen zu Höchstpreisen verkaufen."

Die konkreten Themen, die Gottweis und seine Kollegen bearbeiten, sind mannigfaltig. Ein noch neues Projekt betrifft die Verwendung von fetalen Gehirnzellen zur Behandlung von Parkinson-Patienten. Auch hier geht es um die Erstellung eines ethischen Handlungsrahmens. Die Hintergründe bergen emotionale Sprengkraft - schließlich geht es darum, unter Parkinson leidenden Personen Zellgewebe aus den Gehirnen abgetriebener Föten zu transplantieren, um so die Krankheit aufzuhalten.

Die LSG wird nicht nur erörtern, wie die Bevölkerung auf das Thema reagiert, sondern auch die Betroffenen selbst intensiv begleiten. "Es ist nicht ganz klar, wie sich die Patienten in dieser Situation erleben", erklärt Gottweis. Mit anderen Worten: Wie fühlt sich jemand, der Gewebe von abgetriebenen Föten im Gehirn hat? Eine durchaus existenzielle Frage.

Das LSG-Projekt zur fetalen Gehirnzellentransplantation wird fünf Jahre dauern. Klassische, langfristige Forschungsarbeit eben. "Wir bringen eine empirische Komponente in die Ethik mit ein", betont Plattformleiter Gottweis. Es sei entscheidend zu wissen, was die Leute eigentlich denken, und den Finger am Puls der Gesellschaft zu haben. "Man darf nicht an den Realitäten vorbei theoretisieren."

Manchmal sollen sich Sozialwissenschafter allerdings brandaktuellen Themen stellen, ohne dass solide Daten vorliegen. Viele machen das nicht gerne. Die LSG aber greife brennende Probleme auf und könne aufgrund ihrer Erfahrung mit ähnlichen Themen schnell Stellung nehmen, sagt Gottweis.

Suche nach Positionen

Die Wiener Experten pflegen einen regen Austausch mit Kollegen aus aller Welt. Einer davon ist der berühmte US-Ethikforscher Art Caplan von der University of Pennsylvania, ein Vordenker vor allem auf anwendungsorientierten Fachgebieten. "Manche Menschen denken, dass alles, was Ethiker tun ist: Nein sagen", sagt der Wissenschafter lachend.

Wie schwierig, auch gefühlsmäßig, die Suche nach moralisch vertretbaren Positionen gleichwohl sein kann, weiß Caplan aus direkter Erfahrung. So änderte er zum Beispiel seine ursprünglich ablehnende Haltung gegenüber Gesichtstransplantationen. Zu groß sei das Behandlungsrisiko, nicht nur der Operation selbst, sondern auch der erforderlichen lebenslänglichen Einnahme von immunsuppressiven Medikamenten, die krebsauslösend wirken können, befand Caplan anfänglich.

Menschen mit verheerenden Verletzungen im Gesicht sind schließlich nicht unmittelbar vom Tod bedroht, anders als Patienten mit Nierenversagen oder einem totalen Funktionsausfall der Leber. Warum also Gefahr laufen?

"Was meine Meinung änderte war, dass ich einige dieser Menschen persönlich kennenlernte. Ihre Lebensqualität war so gering. Sie waren isoliert, hatten keine Freunde. Ich war beeindruckt." Vom Leid. Doch mit der Akzeptanz einer solchen biomedizinischen Technik tauchen zahlreiche neue ethische Fragen auf, betont Art Caplan. Wer kommt als Spender infrage, wer als Empfänger? In der bisherigen Transplantationspraxis handelt es sich durchwegs um Organe, die emotionell unbeladen sind.

Beim Gesicht ist das ganz anders. Nicht nur der Spender sollte deshalb vorher explizit sein Einverständnis erklärt haben, empfiehlt Caplan, sondern auch dessen Familie.

Ein weiteres potenzielles Problem: Was passiert, wenn eine Gesichtstransplantation fehlschlägt? Weil die Operation so schwer ist, gibt es keine zweite Chance. Der Patient ist danach praktisch nicht mehr lebensfähig. Darf man in einem solchen Fall aktive oder passive Sterbehilfe leisten?

Medizinerteams, die auf komplexe Transplantationen spezialisiert sind, sind laut Caplan kaum auf diese Art von schwerwiegenden Konsequenzen vorbereitet. "Aber man braucht eine Exitstrategie." Und dazu müsse man vorher alles ins Auge fassen, was auch schlimmstenfalls passieren kann. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 11. 2010)


Am 7. Dezember wird Art Caplan auf Einladung des LSG in der Alten Kapelle des Wiener AKH ausführlich über seine Arbeit zum Thema Gesichtstransplantation berichten.

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