Liebesgrüße von der Seidenstraße

2. November 2010, 18:06
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Melanie Malzahn untersucht eine tote Sprache anhand romantischer Schriften

Um mehr über tocharische Grammatik zu erfahren, würde die Sprachwissenschafterin Melanie Malzahn genüsslich viele Liebesbriefe lesen - selbst wenn sie nicht an sie gerichtet sind. Leider gibt es nur eine einzige so romantische Quelle für diese ausgestorbene Sprache.

Interessant ist Tocharisch für die Forschung, weil es sich um einen eigenständigen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie handelt und weiteres Material für die Erschließung der Grundsprache liefert. Das wenig bis gar nicht erschlossene Textmaterial übt eine ungeheure Anziehung auf die Forscherin vom Institut für Sprachwissenschaften der Uni Wien aus: "Ich betreibe Grundlagenforschung, die für viele verschiedene Disziplinen wie Buddhismuskunde, Geschichte, Sanskritphilologie usw. wichtig ist." Nach einem Apart-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde ihr nun auch ein Start-Preis des Wissenschaftsfonds FWF zugesprochen.

Mit ihrer eigenen fünfköpfigen Arbeitsgruppe will sie binnen sechs Jahren sämtliche erhaltenen Schriftdokumente im Internet publizieren, übersetzen, kommentieren und in einer Datenbank leicht zugänglich machen. "Die Erforschung des Tocharischen ist ja auch deshalb so schwierig, weil die Texte zum Großteil unpubliziert in Museen weltweit verstreut oder nur als Foto verfügbar sind. Wenn die Edition abgeschlossen ist, werden wir Fragen an das Material stellen können, die bisher gar nicht oder nur mühsam zu bewältigen waren."

Gesprochen wurde Tocharisch entlang der Seidenstraße im Tarimbecken (Provinz Xinjiang, China). In der Taklamakan-Wüste blieben relevante Texte für die Nachwelt konserviert. Neben dem besagten Liebesbrief auch andere Briefe und Dokumente sowie literarische Texte: Aussprüche des Buddha, Klosterregeln und auch medizinische Texte. Vor rund 100 Jahren wurde die Sprache entziffert. Wann sie genau ausgestorben ist, bleibt hingegen im Dunkeln. Schriftliche Dokumente gibt es bis ungefähr ins 12. Jahrhundert nach Christus. Sprache und ihren Wandel findet die Hamburgerin faszinierend, "weil Sprache einerseits ein kulturelles Phänomen ist, andererseits nach Regeln funktioniert, welche die Sprachwissenschaft aufdecken möchten".

Das Studium der Sprachwissenschaften begann Malzahn an der Uni Hamburg, wechselte aber bald an die Uni Wien: "Weil das Institut für Sprachwissenschaft eines der besten weltweit ist, die Studiengebühren aber (noch) nicht so hoch sind wie in den USA." Hier ließ sich die 37-Jährige vom Tocharischen anstecken, inspiriert durch einen weltweit führenden Spezialisten, der einige Male zu Gast war. 2010 hat sie sich in Indogermanischer Sprachwissenschaft mit mehr als 1000 Seiten über "The Tocharian Verbal System" habilitiert.

Forschungsaufenthalte in Harvard, an der University of California in Los Angeles sowie am Institut de France in Paris nutzte die Wissenschafterin in den vergangenen Jahren, um Kontakte zu knüpfen, neue Forschungsansätze kennenzulernen und zu diskutieren. Dabei half es sicher, dass sie sieben lebende Sprachen unterschiedlich gut beherrscht. Wohlgemerkt neben rund einem Dutzend ausgestorbener Sprachen und Dialekte, die sie nicht nur lesen, sondern auch verstehen und interpretieren kann. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2010)

  • Melanie Malzahn erhielt einen Start-Preis.
    foto: privat

    Melanie Malzahn erhielt einen Start-Preis.

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