Ein intensiver Kulturschock

2. November 2010, 15:00
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Von den Erfahrungen, die eine Konfrontation mit anderen Kulturen mit sich bringt, berichtet das Buch "Look, I´m a foreigner"

Wie erhält man am einfachsten die Aufmerksamkeit in einem fremden Land, in dem die Einwohner einem nur wenig Beachtung schenken? "Look I am a Foreigner" - mit diesem Satz machte Fritz Morgenthaler, einer der Begründer der Ethnopsychoanalyse auf sich aufmerksam, nachdem er tagelang vergeblich in einem New Yorker Restaurant Kaffee mit Milch und ohne Zucker bestellen wollte. Dieser Satz sollte ihm nicht nur seinen ungezuckerten Kaffe verschaffen, sondern in zahlreichen Situationen auch interessante Begegnungen mit Fremden bescheren.

Das Frauenbild jamaikanischer Männer

Der Leser begibt sich mit den unterschiedlichen Beiträgen in "Look I am a Foreigner" auf eine äußere und innere Forschungsreise, die einerseits die Neugier befriedigt, manchmal allerdings auch Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die den Reisenden begegnet auf eindringliche Weise vor Augen führt. Eine Weltreise, die über fünf Kontinente geht und so unterschiedliche Themen und Phänomene wie Bürgerkriegsfolgen in Lateinamerika, das Altern in Ostafrika, Traumabewältigung in Ruanda oder die Frauenkultur in Jamaika behandelt.

Die Forscherin Ursula Kaufleitner, die in einer Frauenhilfsorganisation auf der Karibikinsel arbeitete, durchlief in ihrer Zeit abwechselnde Phasen der Abgrenzung und Anpassung. Geprägt von den eigenen (österreichischen) Wertmaßstäben, sollte sie das Frauenbild der jamaikanischen Männer bei ihren Untersuchungen persönlich verunsichern. Die Annäherungsversuche der Jamaikaner lösten bei Kaufleitner Irritationen und Frustrationen aus. Zurück in Österreich sollte sie allerdings feststellen, sie die offene und humorvolle Art der jamaikanischen Kultur schätzen und lieben gelernt hatte.

Verschiebung der Selbstwahrnehmung

Die Berichte des Sammelbandes sind voller persönlicher Erlebnisse und Geschichten aus (zunächst) fremden Kulturen. Die Ethnopsychoanalyse rückt das eigene Erleben der Forscher in den Vordergrund. Die anfängliche "Irritation", die oft durch die Begegnungen unterschiedlicher Menschen entsteht, wird als etwas Ertragreiches und Erstrebenswertes angesehen. Somit liegt hier nicht nur ein Fachbuch vor, sondern auch ein interessanter Erfahrungsbericht der AutorInnen, die ihre - manchmal widersprüchlichen - Gefühle und Reaktionen, die das Auseinandersetzen mit dem Fremden auf sehr persönliche Weise schildern. So wie die Erlebnisse der österreichischen Viet Kieu (Überseevietnamesin) Julia Ha, die biographische Interviews mit vietnamesischen Frauen in ihrer alten und neuen Heimat Österreich geführt hat. Die Herausforderungen, mit denen sie im Laufe der Zeit konfrontiert war, führten zu überraschenden Erkenntnissen: Ihre Selbstwahrnehmung sollte sich je nach Position und Stellung in der jeweiligen Community ständig verändern. Die Frage der Identifikation führt dabei zu interessanten Fragestellungen, mit denen sich viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sich mit einer neuen Heimat arrangieren müssen, auseinandersetzen.

In einer Zeit, in der das Bedürfnis nach Individualität in unserer Gesellschaft besonders stark ausgeprägt ist, ist es nur schwer vorstellbar, dass jemand einfach nur "normal" sein möchte. Der Wunsch "nicht in zwei Welten aufzufallen", wie es die Autorin ausdrückt, hat zur Folge dass man sich verschiedene Identitäten aneignet. Man fühlt sich österreichisch, wenn man mit Österreichern zusammen ist und fremd, wenn man mit den vermeintlich Fremden zusammen ist. (Armand Feka, 02. Oktober 2010, daStandard.at)

 

Look I am a Foreigner. Interkulturelle Begegnung und psychosoziale Praxis auf fünf Kontinenten", Drava Verlag 2010

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    foto: drava verlag
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