"Die europäischen Linken sind so lahm"

2. November 2010, 14:34
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Die Innsbrucker Schriftstellerin und Professorin Elia Eisterer-Barceló sprach mit daStandard.at über Political Correctness und den Erfolg rechter Parteien in Europa

daStandard.at: In ihrer Vorlesung haben Sie sich letztens über Political Correctness lustig gemacht. War der europäische politische Diskurs der letzten Jahre politisch zu korrekt?

Elia Eisterer-Barceló: Ja, eindeutig. Der Diskurs war auch zu seicht. Rechte Politiker haben Probleme brutal klar angesprochen und, obwohl mir das nicht gefällt, haben die Leute das angenommen und diese Parteien Zugewinne gefeiert. Wenn man Dinge zu politisch korrekt anspricht wird alles so grau, so hellblau und nicht einfach schwarz oder blau. Unser Bundeskanzler zum Beispiel, mir fällt gerade nicht mal sein Name nicht ein...

Faymann...?

Elia Eisterer-Barceló: Ja, genau, ich habe für ihn gestimmt und kann mich nicht mal an seinen Namen erinnern. Schrecklich.

Warum glauben Sie also haben neue rechte Parteien in ganz Europa solchen Erfolg?

Elia Eisterer-Barceló: Darüber denke ich auch ständig nach. Seit zehn Jahren sind die europäischen Linken so zahnlos, so lahm. Vielleicht haben sie auch schon viele ursprüngliche Ziele erreicht, wie zum Beispiel, dass wir Anspruch auf Urlaub oder Krankenversicherung haben. Sie scheinen derzeit sehr orientierungslos zu sein und davon profitieren die Rechten, die ganz genau wissen was sie wollen und das auch vermitteln.

Was müssen die Linken anders machen?

Elia Eisterer-Barceló: Sie müssen viel deutlicher sagen was sie wollen, sonst glauben die Leute sie haben keine Ahnung. Sie sollen sich Lösungen für gesellschaftliche Probleme überlegen, dafür werden sie ja auch bezahlt. Sie sollten agieren anstatt zu reagieren. Jedenfalls müssen sie sich schnell etwas überlegen, ich will nicht in einem rechten Land leben.

Barcelona oder Lleida haben Burka-Verbote durchgesetzt, auch der spanische Senat stimmte für ein Verbot der Vollverschleierung. Ist auch in Spanien eine emotionale Islam-Diskussion wie in anderen europäischen Staaten an der Tagesordnung?

Elia Eisterer-Barceló: In Spanien ist es nicht so heiß. Es gibt viele Marokkaner, die aber nicht für so viel Diskussionsstoff sorgen, wie Muslime in Österreich. Mir kommt auch vor, dass ich in Spanien überhaupt weniger Kopftücher sehe als früher.

Spanien hat eine jahrhundertelange islamische Tradition. Nimmt dies bei den Menschen die Angst vor einer Präsenz des Islams in Spanien?

Elia Eisterer-Barceló: Nein, denn seit den katholischen Königen sind die Mauren (und die Juden) immer "Feinde" gewesen. Vor allem unter Franco war alles nicht-katholische der Feind. Seit der transición (Übergangsphase vom Franquismus zu Demokratie) ist Spanien viel toleranter, was man auch daran erkennt, dass Homosexuelle sehr große Rechte haben und Migranten Bürgermeister werden können.

Weltweit gesehen hat Spanien die zweithöchste Netto-Migrationsrate. Allein 2007 kamen über 920.000 Einwanderer nach Spanien. Spielt Einwanderung eine große Rolle in der Tagespolitik?

Elia Eisterer-Barceló: Vor allem bei den kleinen rechten Parteien. Wobei es in Spanien so ist, dass die lateinamerikanischen Einwanderer oft mehr Probleme bei der Integration haben als die marokkanischen. Per Gesetz ist es für die Lateinamerikaner leichter nach Spanien zu kommen, da ihre Ahnen spanisch waren und sie somit mehr Rechte auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft haben. Viele zum Beispiel bolivianische Frauen lassen die Kinder bei ihren Großmüttern in Bolivien und kommen alleine nach Spanien. Wenn ich in Spanien bin, ist es für mich ein „Kulturschock", dass fast alle Kellner heutzutage Südamerikaner sind.

Sie selber waren "Ausländerin" in Österreich. Ist es anders AusländerIn in Spanien oder in Österreich zu sein? Wie reagieren Menschen in diesen zwei Ländern auf Fremdes?

Elia Eisterer-Barceló: In Spanien ist es leichter. Vielleicht sind spanische Freundschaften nicht so tief wie österreichische, dafür kommt man aber als "Fremder" schneller mit den Menschen in Kontakt und man fühlt sich schneller akzeptiert. Zu Beginn der 80er-Jahre haben die Österreicher Spanien außerdem ja so als Dritte-Welt-Land im Bewusstsein gehabt.

Sie leben seit 1981 in Innsbruck. Hat sich die gesellschaftliche Stimmung gegenüber Einwanderern in dieser Zeit verändert?

Elia Eisterer-Barceló: Absolut! Die Leute sind heute viel lockerer und ich finde Innsbruck ist auch viel schöner geworden. Es gibt thailändische, mexikanische, indische oder spanische Restaurants, es gibt heute viel mehr Leben in der Stadt als vor dreißig Jahren. Ich habe es mitbekommen, dass man vorher, sobald man gemerkt hatte, dass jemand Ausländer war, in die Du-Form gewechselt war, also ob alle Ausländer dumm wären. Das ist heute anders.

Elia Eisterer-Barceló wurde 1957 in Elda bei Alicante geboren und lebt seit Beendigung ihres Studiums in Innsbruck. Sie schreibt phantastische Romane und Erzählungen und wird als eine der wichtigsten spanischsprachigen Science-Ficition-AutorInnen betrachtet. Seit 1981 arbeitet Eisterer-Barceló an der Innsbrucker Universität als Lehrbeauftragte für Spanisch und Hispanische Literatur.

  • "Sie sollten agieren anstatt zu reagieren. Jedenfalls müssen sie sich schnell etwas überlegen, ich will nicht in einem rechten Land leben."
    foto: stefanie graul

    "Sie sollten agieren anstatt zu reagieren. Jedenfalls müssen sie sich schnell etwas überlegen, ich will nicht in einem rechten Land leben."

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