Von Lebenden, Toten und Untoten

2. November 2010, 13:55
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Der US-Sender AMC landet mit der Zombie-Serie "The Walking Dead" einen weiteren Hit - Von Ekkehard Knörer

Am Anfang des großen Goldenen US-Fernsehserienzeitalters, als das die Nullerjahre rückblickend erscheinen müssen, stand HBO mit für den Sender produzierten, in staffelumspannenden Spannungsbögen durcherzählten Originalwerken wie den “Sopranos”, “The Wire” oder “Six Feet Under”. Der Bezahlsender nutzte die Chance, die das eigene Segment des stark ausdifferenzierten amerikanischen Fernsehmarkts bot: Mäßiger Quotendruck (bezahlt wird nur das Programmpaket insgesamt), Freiheit von Unterbrecherwerbung sowie von der sonst allgegenwärtigen Zensur: Bei HBO wurde und wird auf höchstem Anspruchsniveau geflucht (“Sopranos”, “Deadwood”), gefickt (“Rom”, “Boardwalk Empire”), gestorben und getötet (“Six Feet Under”, “Sopranos”, “The Wire”) - und in erster Linie natürlich erzählt.
 
Die unerhörten Ambitionen hatten ihre Auswirkungen auch auf die mit viel größerem Publikum hantierenden frei empfangbaren Sender, die mit “24” oder “Lost” oder “House” in beeindruckender Weise dagegenhielten und -halten. Zunächst weniger beachtet blieben die Sender des wichtigsten verbleibenden, des mittleren Segments: die meist auf bestimmte Nischen spezialisierten Programme des vom Kunden im Gesamtbouquet erworbenen “Basic Cable”-Pakets. Da findet sich etwa Syfy (früher SciFi), die mit “Battlestar Galactica” einen wahren Meilenstein der Science-Fiction-Film- und Fernsehgeschichte produzierten (das Spinoff “Caprica” ist soeben nicht ganz überraschend verstorben).
 
Sehr unerwartet ist nun aber in den letzten Jahren mit AMC ein Player aufgetaucht, der früher für ganz andere Sachen als Originalserien bekannt war. Vergleichbar mit dem aus allerdings sehr viel volleren Archiven schöpfende TCM (Turner Classic Movies) war AMC (Kürzel für American Movie Classics) lange Jahre eine werbefreie Abspielstation für klassische Filme aus den Jahren des Hollywood-Studiosystems. Eine erste Originalserie (“Remember Wenn”) wurde in den Neunzigern produziert, zunächst ohne große Aufmerksamkeit zu erregen; man gab es dann wieder auf. Bis zum Jahr 2007, in dem - ein paar weitere Programmverschiebungen später - eine zuvor von HBO abgelehnte Serie des “Sopranos”-Kollaborateurs Matthew Weiner an den Start ging: “Mad Men”, detailgenaues Porträt der 60er Jahre im New Yorker Werbemenschenmilieu.
 
Der Rest ist Geschichte, bzw. glücklicherweise Gegenwart: Es wurde in den vergangenen drei Jahren immer nur besser, AMC hat HBO als Sender mit den großartigsten Serien inzwischen von der Spitze verdrängt. HBO-Neustarts wie “Treme” von “Wire”-Macher David Simon oder die von Martin Scorsese koproduzierte Prohibitionsserie “Boardwalk Empire” enttäuschen, wenngleich auf sehr hohem Niveau. “Mad Men” dagegen hat mit den bislang vier Staffeln so ziemlich alles an Emmys abgeräumt, was man abräumen kann. Der AMC-Serien-Zweitling “Breaking Bad” (Plot: todkranker Chemielehrer wird Crystal-Meth-Produzent) katapultierte seinen Hauptdarsteller Bryan Cranston mit drei Emmys in Folge zum Starruhm. Auch die dritte Serie “Rubicon”, deren erste Staffel soeben abgeschlossen ist, ist eine in Dialog wie Darstellung und Inszenierung oft brillante Verschwörungs- und Terrorismusgeschichte von, für und mit denkende(n) Menschen - ein überzeugend entschleunigter Gegenentwurf zum “24”-Spannungs-Aktionismus.

Trailer zu "Rubicon"
 
Die Quoten aller drei Serien waren und sind trotz hervorragender Kritiken schwach (“Rubicon” ist noch nicht in eine zweite Staffel verlängert) bis kaum mehr als mäßig. Am vergangenen Sonntag scheint AMC jedoch der große Publikumsdurchbruch gelungen: Der Pilotfilm zur Zombie-Serie “The Walking Dead” von Frank Darabont nach den Comics von Robert Kirkman hatte über fünf Millionen Zuschauer (mit Wiederholungen bisher sogar acht), das Vielfache einer durchschnittlichen “Mad Men”-Folge. Tatsächlich plant AMC mit “The Walking Dead” so etwas wie die Welteroberung. Die Serie ist unmittelbar zum oder nach dem US-Start über den Partner Fox International in 120 Märkten weltweit präsent - auch auf dem zu Sky gehörenden Fox Channel in Deutschland, der in Österreich übers Internet empfangbar ist: die Pilotfolge wird hier am kommenden Freitag um 21.45 Uhr ausgestrahlt.
 
Was die Qualität angeht, schließt AMC mit “The Walking Dead” an die bisherigen beeindruckenden Produktionen nahtlos an. Souverän versammelt der Pilotfilm die Topoi des Zombie-Genres, revolutioniert dabei nichts, sondern nutzt die Zeichen und Räume, die die Tradition entwickelt hat, zur vertiefenden Ausgestaltung. Wie alle anderen AMC-Serien (mit Ausnahme vielleicht von “Breaking Bad”) setzt auch “The Walking Dead” auf radikale Entschleunigung und die dadurch mögliche intensive Atmosphärenmalerei und facettenreiche Figurenzeichnung.  
 
Das spritzende Blut und der Griff des Bilds in die Eingeweide fungiert dabei als fast abstrakte Genremarkierung, der das Offenhalten von Räumen fürs Überleben menschlicher Mini-Gemeinschaften gegenübersteht. Die grandioseste Szene der ersten Folge zeigt einen durchs Gras kriechenden Rumpf- und Rest-Körper: Die Hauptfigur, der Deputy Sheriff Nick Grimes, nähert sich mit untilgbarem Mitleid diesem Wesen und adressiert es als den, der er/sie/es einmal war: "I’m sorry this happened to you", sagt er, bevor er dem Elend mit der Waffe ein Ende macht. Es zeichnet sich mit der ersten Folge schon ab: “The Walking Dead” will die Untoten-Chiffre nicht in politischer Allegorie ausbeuten, sondern versteht sich als Darstellung von Grenzfällen des Menschlichen und Unmenschlichen im Genre-Format.

CARGO - Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at/Kultur bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Der US-Sender AMC landet mit der Zombie-Serie "The Walking Dead" einen weiteren Hit.
    foto: walkingthedead

    Der US-Sender AMC landet mit der Zombie-Serie "The Walking Dead" einen weiteren Hit.

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