Und nach dem Essen aufs Laufband

2. November 2010, 12:54
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Der Fischhändler und Wirt Erkan Umar wohnt gleich ums Eck seines Geschäfts am Wiener Naschmarkt

Der Fischhändler und Wirt Erkan Umar wohnt gleich ums Eck seines Geschäfts am Wiener Naschmarkt. Michael Hausenblas erfuhr, dass zu Hause fast nie gekocht wird.

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"Dass ich diese Wohnung bekommen habe, war ein Riesenglück - wie so oft, wenn man grad auf Wohnungssuche ist. Ein Stammgast hat mir davon erzählt. Das ist nun gut vier Jahre her. Von meinem Geschäft und dem Restaurant brauch ich zu Fuß keine zwei Minuten nach Hause. Die Wohnung hat 110 Quadratmeter und liegt im vierten Stock eines Jahrhundertwende-Hauses direkt am Naschmarkt. Ich schaue allerdings nicht auf die Wienzeile raus, sondern nach hinten. Dadurch ist die Wohnung ziemlich ruhig. Und sie hat zwei Ebenen. Unten wird gewohnt, oben gibt's ein Schlafzimmer und eine Dachterrasse.

Als Kind hab ich in Istanbul oft europäische Filme angeschaut. Da kamen immer wieder Wohnungen mit Dachterrassen in Wien, in Paris und in Rom vor. Seit dieser Zeit träume ich von einer eigenen Dachterrasse. Ich glaube, wenn man sich etwas wirklich aus ganzem Herzen wünscht, dann kriegt man es irgendwann auch. Kurzum: Die Wohnung ist ein Glücksfall, noch dazu, da der Naschmarkt ja so extrem 'in' geworden ist.

Im Prinzip lebe ich allein hier. Meine Töchter, die beide schon groß sind, kommen mich manchmal besuchen. Die Wohnung ist übrigens gemietet. Man weiß ja nie, wie sich das Geschäft entwickeln wird. Wenn's mal schlecht laufen sollte, wohne ich halt auf 40 Quadratmetern.

Eigentlich wohne ich nicht nur hier oben in der Wohnung, sondern auch unten am Naschmarkt. Manchmal komm ich mir vor wie ein Zug, der zwischen Geschäft, Restaurant und Wohnung hin- und herdampft. Alles hier ist meine Wohnung.

Am Morgen presse ich mir einen Granatapfel aus, esse ein paar Nüsse, gehe ins Restaurant frühstücken und danach ins Fischgeschäft arbeiten. Mittags bin ich wieder im Restaurant, schau mir an, wie es läuft, begrüße die Gäste. Dann geht's ab nach Hause und für eine Stunde aufs Laufband. Manchmal setz ich mich auch in die Infrarotkabine. Nach einer kalten Dusche freu ich mich dann schon wieder auf den Markt: Abrechnung im Geschäft, Restaurant bis ein Uhr früh, je nachdem, wie fit ich grad bin. So geht's mehr oder weniger die ganze Woche.

Wenn es sich ausgeht, fahr ich am Wochenende manchmal in die Steiermark oder ins Burgenland. Aber mein Leben findet zum Großteil hier statt. Ich liebe dieses Viertel: die Häuser, den Ausblick, die Lage! Das Ganze ist wie eine Kunstkulisse, ohne aber künstlich zu wirken. Es gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Außerdem läuft hier ein Superschmäh - besonders unten an unserem Eck.

Zu Hause höre ich gern Musik, lese ein Buch, trinke hin und wieder eine Flasche Champagner auf der Dachterrasse. Den Fernseher hab ich vor kurzem in den oberen Stock gestellt. Da komm ich nicht so sehr in Versuchung. Was den Stil betrifft, steh ich auf einen orientalischen Touch. Auch dunkle asiatische Möbel haben's mir angetan. Souvenirs stell ich auch gern auf. Und Elefanten! Wenn ihr Rüssel nach oben zeigt, bedeutet das Glück. Die Bilder im Wohnzimmer stammen von einer Malerin, die ich in Bodrum kennengelernt habe.

Apropos Einrichtung: Als ich das Restaurant aufgesperrt hab, hatte ich zu Beginn so wenig Geld, dass wir Plastiksessel aus dem Schanigarten im Lokal stehen hatten. Gekocht wird in der Wohnung fast nie. Wozu auch? Sogar meine Kaffeemaschine hab ich weggeben, als ich gemerkt hab, dass ich immer nur noch das Wasser im Tank auswechsle.

Meiner Idealvorstellung vom Wohnen kommt das hier jedenfalls sehr nahe. Und einen Garten brauch ich auch nicht. Wenn ich's mir noch besser ausmalen müsste, dann hätte ich gerne noch ein riesiges Panoramafenster in Richtung Karlsplatz. Vielleicht wär's auch nicht schlecht, wenn die Wohnung auf nur einer Ebene läge. Man muss ja ans Älterwerden denken." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.10.2010)

ERKAN UMAR wurde 1962 in Istanbul geboren. Nach Abschluss der Handelsakademie in der Türkei übersiedelte er 1980 nach Ternitz in Niederösterreich. Er arbeitete zunächst in einer Textilfabrik, dann als Zimmermann, Tankwart und war anschließend acht Jahre lang Nachtschichtarbeiter bei Semperit.

1996 übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder Gökhan einen Stand am Wiener Naschmarkt und eröffnete darin eine eigene Fischhandlung. 2004 kam ein Restaurant hinzu. Mittlerweile beschäftigt Umarfisch am Naschmarkt 15 Mitarbeiter.

  • Erkan Umar in seiner Wohnung hoch über dem Wiener Naschmarkt: Die Lage 
ist perfekt, nur manchmal wünscht er sich ein großes Panoramafenster.
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Erkan Umar in seiner Wohnung hoch über dem Wiener Naschmarkt: Die Lage ist perfekt, nur manchmal wünscht er sich ein großes Panoramafenster.

    (Foto: Lisi Specht)

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