Markante Ereignisse

15. August 2003, 21:09
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Zweifellos trug sich vor wenigen Tagen das markanteste Ereignis zu, das Graz in seinem Ehrenjahr bisher - wenn auch außer Programm - zu verzeichnen hatte: Karen Stone, die erfolgreiche Intendantin der Grazer Bühnen, will zu Saisonschluss - drei Jahre früher als vorgesehen - das Weite suchen. Grund: Unter den durch die geplante Ausgliederung der Grazer Bühnen neuen (finanziellen) Bedingungen sieht sie sich nicht mehr in der Lage, ihre künstlerischen Ziele zu verwirklichen.

Früher war allerdings gerade das Gegenteil der Fall. Da waren es nicht die Intendanten, die Reißaus nahmen, sondern es waren mündige Kulturpolitiker und vor allem auch eine gnadenlos kritische Presseszene, die so manchen Intendanten in den Sechziger-und Siebzigerjahren ganz gegen seine Absichten aus seinem Sessel hebelten.

Damit es der Kulturhauptstadt auch weiterhin an bemerkenswerten Vorkommnissen nicht mangle, möchte auch ich einen freilich nur bescheidenen Beitrag leisten und etwas tun, was meiner Erfahrung nach noch keinem Journalisten eingefallen ist: die Lektüre einer Konkurrenzzeitung empfehlen.

Üblicherweise ist ja das Gegenteil der Fall: Eine Postille lässt keine Gelegenheit aus, der anderen zu jedem sich bietenden Anlass eins auszuwischen. Davon kann ich persönlich ein besonders spaßiges Liedchen singen. In meinen frühen Tagen - vor vier Jahrzehnten bei der "Kleinen Zeitung" - ist mir ein schrecklicher Unterlassungsfehler passiert.

Ein schelmischer Mitarbeiter schrieb in einer Konzertkritik in Klammer den schrecklichen Hinweis "nicht Arschenschleck!", weil sich dieser Ausdruck unseligerweise auf den Namen eines Ausführenden reimte. Ich, schlampig wie stets, überlas diese Teufelei natürlich, und nächsten Tag stand sie in der Zeitung. Der Skandal war perfekt.

Das war für die Konkurrenz natürlich ein aufgelegter Elfer, den sogar der besonnene Harald Kaufmann in der "Neuen Zeit" nur allzu gerne verwandelt hätte. Allein, er hatte eine arge Schusshemmung. Denn tags zuvor wurde in seinem sonst hoch seriösen Kulturteil bei der Erwähnung eines Herrn namens Pfniß von einem tückischen Setzer der Buchstabe f durch ein e ausgetauscht. Nun konnte sich der journalistische Grande nicht sicher sein, dass ich - sollte er mit dem einen Körperteil kommen - nicht mit einem noch delikateren zurückschlage. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.2003)

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