Aviva Ronnefeld verzerrt Baudelaire

2. Mai 2003, 21:15
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Die Zeitschrift "Der Pudel" widmet sich dem lyrischen Genre

Daniel Wisser ist einer der Menschen, von denen es in zwanzig Jahren heißen wird, dass sie im Wien Anfang des Jahrtausends spektakuläre Sachen gemacht haben. Später werden ihn alle gekannt haben wollen, jetzt kennen ihn wenige. Projekte wie das "Erste Wiener Heimorgelorchester" und die herzzerreißenden "Lassos Mariachis", die jüngst mit ihrer CD "Amigos" für Aufsehen sorgten, sind in seinem Umfeld entstanden, er selbst, einer der originellsten Lyriker des Landes, führt unverdrossen Simmerings einzige Literaturzeitschrift, Der Pudel, Zentralorgan für poetische Außergewöhnlichkeiten.

Es sind dünne Heftchen mit DDR-Charme, am besten unter www.derpudel.at zu kriegen. Jede Ausgabe widmet sich einem lyrischen Genre, von Anagrammen (zum Beispiel von Felicitas Freise, Gerhard Jaschke, Wilfried Öller und Heidi Pataki im soeben erschienenen Heft 9 des Pudel) über Wissers eigene Gedichte bis zu diversen Spielarten "methodischer Dichtung".

Einer der radikalsten Versuche ist der Pudel 8 mit dem Titel Malediven; die Berliner Künstlerin Aviva Ronnefeld hat das ebenso absurde wie reizvolle Wagnis unternommen, Baudelaire mit der Rechtschreibprüfung rücksichtslos ins Deutsche - oder sollte man sagen, ins Expressionistische? - zu übertragen. Die Blumen des Bösen-Originale bleiben unverletzt (da unübersetzt und uninterpretiert), so wird der Dreifuß (trépied) zum Treueid, die Frische (fraicheur) zum Freiherr, die Aufrichtigkeit (L'honnêteté) zum Lohnzettel. Dadurch entsteht eine postmoderne Zeitgenossenschaft, die unserem Verhältnis zu den alten, zertrümmerten Formen gleichermaßen Ausdruck verleiht und es spiegelt.

Aviva Ronnefeld ist eine humorvolle Interpretatorin der Word-Rechtschreibprogramme, aber auch jenes tieferen Thesaurus, der in unserem Unterbewusstsein sortiert. Die religiös-sexuellen Wackelbilder überzeugen ebenso wie die wilden Aufschreie des Einzelgenies, dem man versehentlich auf die Zehen tritt - streckenweise mit weltpolitischen Implikationen. "Si tu n'as fait la rhétorique / Chez Datan, le rusé doyen / jette! tu n'y comprendrais rien / Ou tu me croirais hystérique." wird dekonstruiert zu: "Sitzt nass fast da Rhetorik / Chef Satan, leg Russen Dosen. / Jede! Tu nie Bombern den Reis rein / Ute, übe KoreanerHysterie!" (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.5.2003)

Von
Martin Amanshauser

Die "Pudel"-Hefte sind zu beziehen unter derpudel@acw.at

  • Artikelbild
    montage: derstandard.at/derpudel
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