Die Schlacht um den Euro beginnt erst

Thomas Mayer, DER STANDARD, 2. November 2010, 01:19

Nach den Festlegungen des Europäischen Rates beim EU-Gipfel in Brüssel auf ein Bündel von Maßnahmen, die die Stabilität des Euroraumes festigen sollen, hoffen die Staats- und Regierungschefs auf eine gewisse Beruhigung der turbulenten Lage in der gesamten Union

Nach den Festlegungen des Europäischen Rates beim EU-Gipfel in Brüssel auf ein Bündel von Maßnahmen, die die Stabilität des Euroraumes festigen sollen, hoffen die Staats- und Regierungschefs auf eine gewisse Beruhigung der turbulenten Lage in der gesamten Union.

Auf der einen Seite sollen nun bis Mitte nächsten Jahres die Mechanismen des Wachstums- und Stabilitätspaktes definitiv verfeinert und verschärft werden. Damit – so die Überlegung – könnte es mittelfristig gelingen, die in der Krise seit 2008 entstandenen gewaltigen Differenzen zwischen den Staaten bei ihren makroökonomischen Grunddaten wieder zu verringern. Der Rat soll gemeinsam mit der EU-Kommission als eine Art neuer „Wirtschaftsregierung“ wirken und die Mitgliedsländer behutsam auf einen gemeinsamen wirtschafts- und finanzpolitischen Pfad führen. Genau das ist im ersten Jahrzehnt des Euro gehörig schiefgegangen.

Derzeit hat man mit Schwankungsbreiten zu kämpfen, wie es sie seit der Vorbereitung auf die Währungsunion in den 1990er-Jahren nicht mehr gegeben hat. Einige EU-Länder wie Griechenland oder Irland kämpfen mit brutalen Sparpaketen gegen eine Neuverschuldung weit jenseits von zehn Prozent der gesamten Wertschöpfung (BIP) an. Andere hingegen steuern schon wieder auf Überschüsse zu. Nicht viel besser sieht es bei der Gesamtverschuldung aus.

Während sich Schlüsselländer wie Deutschland mit kräftigem Wachstum weiter vom Durchschnitt absetzen, stecken andere – wiederum Griechenland – in fortgesetzter Rezession. Die Arbeitslosigkeit bleibt etwa in Spanien ein riesiges Problem, vor allem bei den Jungen, ebenso die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Viel besser sieht es dabei im Norden aus, und auch in Deutschland. Österreich liegt bei all dem, jenseits des innenpolitischen Streits um das Budget in Wien, im guten Spitzenfeld.

Früheres und beherzteres Eingreifen durch die gemeinschaftlichen Institutionen der EU soll gemäß den verschärften Regeln im Stabilitätspakt die Problemstaaten auf den richtigen Weg bringen.

Auf der anderen Seite hat man sich im höchsten politischen Gremium Europas, zumindest grundsätzlich, auf eine kleine EU-Vertragsänderung geeinigt, die ein besseres Krisenmanagement (den sogenannten Krisenmechanismus) bringen soll. Das soll in Form eines milliardenschweren Hilfs- und Garantiefonds für weit überschuldete Staaten geschehen, die auf den Märkten kein Kapital mehr auftreiben können oder ihre Anleihen nur mit hohen Risikoaufschlägen platzieren können. An diesem „Mechanismus“ (de facto ein europäischer Währungsfonds, der die Tür zu einer Transferunion aufstoßen würde, in der die wohlhabenden Länder den verarmten unter die Arme greifen) soll auch die privaten Investoren, die Banken, umfassen. Auch sie sollen an notwendigen Sanierungsmaßnahmen beteiligt werden, indem sie im Falle einer geordneten Staatsinsolvenz an den Kosten beteiligt werden, sodass nicht nur die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Soweit die Theorie. All diese Beschlüsse verfolgten vor allem einen Zweck, zeigte sich eine erschöpfte deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Brüssel nach dem Gipfel optimistisch:  dass eine Währungskrise wie 2010 nicht wiederkomme, dass eine solche Krise nicht mehr nur vom Steuerzahler allein getragen werde und dass unser Geld, der Euro, wieder sicherer wird.

Schön wär’s. Aber gerade die scharfen Auseinandersetzungen, die die Regierungschefs sich darüber beim Gipfel lieferten, wie auch der Umstand, dass es Deutschland nur mit äußerster Kraftanstrengung (bis hin zu Drohungen, nicht mehr so ohne weiteres mit Aber-Milliarden einzuspringen) gelungen war, dazu am Ende Einigkeit im Klub der Mächtigen herzustellen, deutet eher auf das Gegenteil hin. Die Schlacht um die Zukunft des Euro, der Währungsunion und einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU-Staaten ist noch lange nicht gewonnen. Sie hat vermutlich gerade erst begonnen. Dazu drei Beispiele.

Erstens, der Euro-Hilfsfonds. Anders, als es die gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschefs vermuten lässt, gibt es dazu unter den Staaten (und auch mit der Europäischen Zentralbank) in Wahrheit nach wie vor überhaupt keine klare Linie und keine Einigkeit, wie der „Krisenmechanismus“ im Detail ausschauen soll bzw. ob er durch die angestrebte „begrenzte“ Reform des EU-Vertrages überhaupt machbar sein wird.

So ist es zwar leicht zu dekretieren, dass „die Märkte“ (Bundeskanzler Werner Faymann spricht in diesem Zusammenhang meist von „den Spekulanten“) an den Aufräumarbeiten in hochverschuldeten Staaten beteiligt werden müssen. Da sind sich Politiker rasch einig, denn das klingt gut, kommt bei den Wählern vermutlich auch gut an. Viel schwieriger ist es aber zu beschreiben, wie das im realen Leben geschehen soll, ohne noch mehr Finanzturbulenzen auszulösen.

Ein verbales Scharmützel zwischen Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und EZB-Chef Jean-Claude Trichet beim EU-Gipfel zu diesem Thema zeugt davon. Trichet hatte die versammelten Politiker darauf aufmerksam gemacht, sie sollten etwas vorsichtiger sein. Eine zu starke Betonung der Rolle der Privatinvestoren beim Sanieren von Schuldenstaaten könnte zum Gegenteil dessen führen, was beabsichtigt ist: dass diese sich zurückziehen, dass die betroffenen Staaten von den Märkten mit noch höheren Risikoaufschlägen belegt werden, diese auf ihren Anleihen erst recht sitzen blieben, die Euro-Staatengemeinschaft und die Zentralbank am Ende noch tiefer in die (Steuer)Taschen greifen müssten. Ein Wutausbruch Sarkozys gegen Trichet folgte. Er machte ihn darauf aufmerksam, dass es die Politiker seien, die vor die Wähler treten müssten, nicht die Notenbankchefs. Sprich: Trichet solle sich nicht aufspielen.

Zweitens: Die EU-Vertragsreform. Mit Ausnahme von Merkel waren offenbar alle anderen Regierungschefs zunächst der Meinung, man könne den Euro-Rettungsfonds ganz ohne Änderung der Verträge über 2013 hinaus fortführen. Dazu solle einfach der im Mai beschlossene Rettungsschirm von 440 Milliarden aus den Eurostaaten (60 kamen von der EU, weitere 250 vom Internationalen Währungsfonds) verlängert werden. Die deutsche Kanzlerin wies darauf hin, dass die deutsche Regierung dies auf gar keinen Fall tun werde und könne, weil die große Gefahr bestehe, dass der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das als verfassungswidrig werten werde. Jeglicher Euro-Schirm ohne die wirtschaftliche Großmacht Deutschland wäre aber absurd, das Ende der Währungsunion die unabwendbare Folge.

Also verständigte man sich auf ein „vereinfachtes Verfahren“ zur Änderung des EU-Vertrages, wie es im Lissabon-Vertrag auch vorgesehen ist für den Fall, dass es keine Kompetenzverschiebung von der nationalen zur EU-Ebene gibt. Artikel 122, der wechselseitige Hilfe der Staaten im Falle von Naturkatastrophen erlaubt, solle durch den Passus einer Gefährdung der gesamten Währungsunion als Katastrophenfall ergänzt werden. Artikel 125, der Zahlungshilfe eines EU-Landes für ein anders prinzipiell verbietet, soll unverändert bestehen bleiben.

Dabei hätte das Europäische Parlament kein Mitspracherecht. Die Rechtsdienste des Rates halten das für möglich, glauben auch, dass damit keine Volksabstimmung in einem Mitgliedsland nötig wäre (und damit die Gefahr des Scheiterns an der Bevölkerung eines Landes). Manche Rechtsexperten zweifeln aber daran, dass dies alles so einfach möglich sein wird. Und der deutsche Bankenverband hat bereits Widerstand gegen die Beteiligung Privater am Krisenmechanismus angekündigt. Kurzum: Am Ende dürfte ein auf diese Weise zustande gekommener EU-Vertrag beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und nationalen Gerichtshöfen landen. Bis 2013, dem Jahr des Auslaufens des Rettungsschirmes, könnte das Verfahren kaum abgeschlossen sein.

Das dritte Beispiel, das weiterhin Anlass für Skepsis bietet, ist der Stabilitätspakt selbst, dem die Regierungschefs durch Reform nun angeblich scharfe Zähne geben wollen. Zwar sind im „präventiven Bereich“ einige echte Verbesserungen vorgesehen. So sollen Staaten früher als bisher ihre Budgetpläne vorlegen und Korrekturen durch die EU-Institutionen mehr berücksichtigen müssen. Neben der Verschuldung sollen Wettbewerbsfähigkeit, „Blasenbildungen“ etwa im Immobilienbereich oder übergewichtete Sektoren wie die Finanzwirtschaft berücksichtigt werden. Aber beim entscheidenden Hebel – den „automatischen“ Sanktionen gegen jene Staaten, die nachhaltig gegen die Euro-Regeln verstoßen – ist man erst recht wieder zurückgeschreckt: Wie bisher sollen solche Sanktionen (Geldbußen) erst durch Beschluss der Staaten verhängt werden anstatt „automatisch“ nach Vorliegen bestimmter Fakten. EU-Kommission und EU-Parlament, die der Reform im gemeinschaftlichen Verfahren zustimmen müssen, haben ihren Widerstand bereits angekündigt.

Man darf also davon ausgehen, dass die Auseinandersetzungen um den Euro und um die gemeinsame Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik in den kommenden Monaten fortgesetzt werden. Der Streit um die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet durch den deutschen Bundesbankchef Axel Weber ist dafür ein weiteres Indiz (siehe dazu meinen Bericht auf derStandard.at/wirtschaft ). Vom Durchbruch ist man noch weit entfernt. Einmal ganz abgesehen davon, dass sich erst noch herausstellen muss, ob die Restrukturierungsmaßnahmen in den größten Euro-Krisenländern real auch wirklich funktionieren. Die Ratings für Portugal und Irland haben sich unmittelbar nach dem EU-Gipfel jedenfalls sofort verschlechtert.

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11 Postings
Ggg14
00

Das was hier passiert ist, dass den Staaten schön langsam ihre Schulden um die Ohren fliegen, und zwar allen.

Mit dem Euro hat das alles genau genommen herzlich wenig zu tun.

MARTIN FREUKES
 
00
16.12.2010, 10:30
Der Eure der 2 Geschwindigkeiten

Die Idee vom Euro ist gut, die Umsetzung ist ein total Verlust. Das es ein Europa der 2 Geschwindigkeiten gab und gibt wusste man schon vor der Einführung der gemeinsamen Währung. Anstatt den schwächeren Ländern den Kurs zu zeigen das man nur mit harter Arbeit und eigener Iniziative sich den hohen Standart erarbeitet, wurden Millionen in diese Länder gepumpt. Der Höhenflug des Euro begann und keiner dachte an eine Nachhaltigkeit der Märkte. Die Blasen platzten und die alten nicht gemachten Aufgaben wiegen Heute schwerer denn je. So kann sich der Euro gegenüber anderen Märkten nur schwer durchsetzen. Der Devisenkrieg zwischen Amerika, Asien setzt den Euro noch mehr unter Druck, dass haben einige Politiker in Brüssel noch nicht verstanden.

Vanderbild2
00
18.12.2010, 20:00

stimmt vieles was in der EU nicht so gelaufen ist wie wir uns das vorstellten,
nur was sollen wir jetzt tun?
weiterraunzen und uns selbst bemitleiden,soll es
überhaupt erwähnenswert sein wenn sich 2 politiker
miteinander streiten, dafür werden sie bezahlt,
das war von anfang an vorprogrammiert dass das eine "schwere geburt" wird,sollen wir aus der EU austreten, was dann???wir wären in ca 10 jahren
das armenhaus europas,also gilt die devise des
fuchses der sagte: " es ist nur ein "überlauf"
als ihn der jäger das fell abzog,und derweil ist es bei
uns bei weitem noch nicht so das wir nur benachteiligt wurden.ich bin sicher es wird gut gehen,wenn ich auch zeitweilig zweifel spüre,
aber, neuer tag, neues glück,wir schaffen das.

Gebhard von Bluecher
02
25.11.2010, 15:24
zu spät

jetzt rächen sich die gravierenden handwerklichen Fehler, die bei Begründung der Währungsunion gemacht wurden. Einige Staaten präsentierten sich wie Lebemänner und stehen quasi vor dem Offenbarungseid - andere hingegen erzielen enorme Handelsbilanzüberschüsse, von denen nur sehr wenig bei den Werktätigen ankam. Werden wir nun in eine dauerhafte Transferunion gezwängt, dann werden die Arbeitnehmer hierzulande ausgiebig zur Kasse gebeten, sozusagen für jahrelangen Verzicht auf Lohnzuwächse noch zusätzlich bestraft. Wie auch immer - die Politiker und Verantwortlichen sind fein raus, eben mal weg den Ruhestand zu geniessen.
Es bleibt der Scherbenhaufen

Ggg14
00

Wenn die Löhne hier entsprechend des Produktivitätszuwachses steigen würden, wäre ein Transfer in Zukunft nicht mehr nötig.

In Wirklichkeit haben wir schon Geld transferiert, nämlich indem wir die Gewinne aus den "Exporten" nicht den Arbeitnehmern gegeben haben, sondern damit die Käufer unserer "Exporte" finanziert haben.

Walter Bimini
00
24.11.2010, 04:55
und ist doch schon verloren. r.i.p.

hsl
00
19.11.2010, 10:49
Buchtipp: The Greek financial Crisis and the EU; Germany's dilemma and basic principles to improve the Economic and Monetary Union

Wie lange wird Deutschland noch bereit sein, die Defizitstaaten zu stützen? Welchen Einfluss nehmen die US-amerikanischen Rating Agenturen und der US dominierte Internationale Währungsfonds? Sind die Spekulanten Ursache oder Wirkung der aktuellen Krise? Welche politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Maßnahmen soll die Europäische Kommission treffen? Der Leser erhält einen detaillierten Einblick in die Entscheidungsprozesse der beteiligten EU Institutionen, und die Positionen der EZB und des Internationalen Währungfonds. Das Buch beschreibt mögliche Anpassungen des EU Rechts im Bereich Wirtschafts- und Währungsunion und Stabilitäts- und Wachstumspakt und erklärt wie Hedge fonds gegen den Euro spekulieren

A_Schläsinger_vu_Brassel
30
5.11.2010, 17:57

Könnte man nicht in den Niederlanden, Luxemburg, Österreich und Deutschland den "Germanischen Gulden" einführen?

Wäre sicher stabiler und auch sicherer.

Ottinger
00
15.12.2010, 13:10

Aber nur mit Ariernachweis.

iohui
20
2.11.2010, 21:05
na bumm. die verschwendungssucht und mißwirtschaft der öffentlichen verwaltung als naturkatastrophe.

es wird noch viel schlimmer werden.
in der eu verwaltung weiss die linke nicht was die rechte tut, die stehen sich selber am allermeisten im weg, total betriebsblind, untergraben ihre eigenen ziele und das mit der dynamik übelster beamtenmentalität.

Ggg14
00
3.11.2010, 14:35

Sie sind Insider? Oder habenS das in der Krone gelesen?

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