Spielregeln für 30 Nationen gesucht

1. November 2010, 17:58
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Für ein besseres Miteinander in der Otto-Loewi-Straße in Wels sollen neue Regeln sorgen

Ein Streifenwagen parkt vor dem Haus Otto-Loewi-Straße 15. Die Hausbetreuerin führt die Polizistin und ihren Kollegen in den Eingangsbereich. Der Boden ist mit einem weißen schmierigen Film überzogen. "Jemand hat den Feuerlöscher von der Wand gerissen und damit im Stiegenhaus herumgesprüht", berichtet die gebürtige Mazedonierin. Während sie redet, fällt ihr Blick auf den Fahrradständer vor dem Haus. Ein neues Kinder-Mountain-Bike liegt auf dem Boden, es fehlen Vorder- und Hinterrad. "Solche Sachen passieren immer wieder", klagt die Hausbetreuerin, die selbst auch in der Anlage der Wohnungsgenossenschaft Lawog in Wels wohnt.

Auf den ersten Blick wirkt die Anlage mit 364 Wohneinheiten freundlich und gepflegt. Vierstöckige weißverputzte Häuserblocks auf der einen Straßenseite, gegenüber sechsstöckige Blöcke, dazwischen viel Grün und Spielplätze. Dennoch: Kaum jemand will mehr dorthin ziehen, wegen der vielen Ausländer aus mittlerweile 30 Nationen. Rund ein Drittel der 1220 Bewohner sind laut Lawog Nichtösterreicher, weitere 25 Prozent haben Migrationshintergrund. 20 Wohnungen stehen derzeit leer, 2009 entgingen der Genossenschaft 200.000 Euro Mieteinnahmen. Interkulturelle und soziale Spannungen haben die Siedlung in Verruf gebracht.

Modellprojekt "Wohnqualität und Integration in Wels"

"Der Magistrat weist immer nur Ausländer zu uns, das kann nicht gutgehen", beschwert sich eine langjährige österreichische Mieterin. Jetzt wollen das Land Oberösterreich und die Lawog diesen Fehler wieder ausbügeln. Sie starteten das Modellprojekt "Wohnqualität und Integration in Wels". Die Bewohner sollen "Spielregeln für ein friedlicheres Miteinander" aufstellen. Als Erstes erhielten sie Fragebögen zur Wohnsituation. Im Oktober fanden dann sogenannte Stiegenhausgespräche statt. "Ich hab nichts mitgekriegt", sagt ein Kosovare, der seit 14 Jahren dort wohnt. "Aus meinem Haus waren nur noch zwei andere da", meint die Welserin.

Reden, so scheint es, wollen die langjährigen in- und ausländischen Bewohner ohnehin nicht. Für sie ist das Zusammenleben durch die Hausordnung geregelt. Nur diese werde nicht eingehalten. Erst letzte Nacht habe sich der Kosovare bei den neuen Mietern, "einer Familie mit sechs Kindern", ein Stockwerk über ihm wegen der lauten Musik beschwert.

"Wer sich nicht an Hausordnung hält, fliegt"

Seit die Lawog die Hausmeister abgeschafft habe, gehe es deutlich ungesitteter zu. "Ich traue mich nach 19 Uhr nicht mehr in den Keller", klagt die Welserin. Vor allem die größeren Kinder träfen sich dort. Aber wo sollen sie auch hin? Aus dem Sandkastenalter sind sie herausgewachsen, die Spielplätze sind daher uninteressant. Es fehle ein Fußballplatz, das ergab auch die Auswertung der Fragebögen. "Da drüben ist Platz", der Kosovare zeigt auf eine Rasenfläche zwischen der Straße und den vierstöckigen Wohnblöcken. "Einfach einen Zaun herumziehen, und geht schon - bis 21 Uhr, nicht länger."

Sanktionen und Kontrollen durch Hausmeister, so lauten die Spielregeln, die man in der Otto-Loewi-Straße von den Bewohnern zu hören bekommt. "Wer sich nicht an die Hausordnung hält, fliegt raus", darin sind sich der Kosovare, die Österreicherin und die Mazedonierin einig. Die Lawog vergebe die Wohnungen deshalb schon nicht mehr unbefristet, sondern nur für drei Jahre, erklärt die Hausbetreuerin. (Kerstin Scheller, DER STANDARD-Printausgabe, 2. 11. 2010)

  • Freifläche gibt es in der Wohnanlage zwar genug, nur nicht zum Fußballspielen.
    foto: hermann wakolbinger

    Freifläche gibt es in der Wohnanlage zwar genug, nur nicht zum Fußballspielen.

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