Der Küniglberg und die Wissenschaft

1. November 2010, 18:00
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Der ORF-TV-Religions-Chef leitet seit kurzem auch die Wissenschaftsredaktion - macht nichts, denn viel bescheidener kann das TV-Angebot in Sachen Wissenschaft und Medizin ohnehin kaum mehr werden

Wenn man ganz streng ist, könnte man behaupten, dass es das Ressort "Wissenschaft" am Küniglberg ohnehin nicht gibt. Aber diese Behauptung wäre echt pedantisch und unfair, weil doch jeder weiß, dass die Abteilung "Bildung und Zeitgeschehen" mit immerhin 30 (in Zahlen: dreißig) Redakteuren eigentlich die Wissenschaftsabteilung ist. Bloß: Warum heißt sie dann so? Und wie viel davon ist wirklich "Wissenschaft"?

Diese Abteilung ist in den letzten Wochen kurz ins Gerede gekommen, weil nach dem Golden Handshake der bisherigen Leiterin, Gisela Hopfmüller-Hlavac, ausgerechnet der Religionschef vom Küniglberg, Gerhard Klein, die Leitung von "Bildung und Zeitgeschehen" mitübernommen hat. Hauptbegründung: Irgendwo im ORF muss man schließlich zum Sparen anfangen, und warum nicht bei der Wissenschaft.

Die APA hat unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung einige prominente heimische Wissenschafter dazu befragt. Helga Nowotny etwa, Wissenschaftsforscherin und Präsidentin des European Research Council (ERC), fühlte sich an Nachrichten "aus dem medialen Imperium Berlusconis" erinnert. "Doch dann wurde mir klar, dass es wahrscheinlich nicht so sehr ideologisch, kommerziell oder politisch motivierte Hintergründe sind, sondern bestens zum Land der 'Unüberwindlichen' passt", so Nowotny in Anspielung auf Karl Kraus' gleichnamiges Drama mit den Figuren Hinsichtl und Rücksichtl.

Experimentalphysiker Anton Zeilinger schloss sich Nowotny an: Ob diese Entscheidung etwas mit dem "nicht unverkrampften Verhältnis von Wissenschaft und Religion" zu tun hat, "wage ich als gelernter Bürger dieses Landes der Unüberwindlichen zu bezweifeln", so Zeilinger. Nachgerade "bestürzt über diese Entwicklung" zeigte sich der Sozial- und Kulturanthropologe und Wittgenstein-Preisträger Andre Gingrich. Andere öffentlich-rechtliche Sender im deutschsprachigen Raum würden den Wissenschaften mehr Raum widmen, weil dies den europäischen Erfordernissen und Zielvorstellungen vom Aufbau einer wissensbasierten Gesellschaft entspreche.

Ein organisierter Protest seitens der Wissenschaft blieb indes aus - obwohl man aus Eurobarometer-Umfragen eigentlich weiß, dass das Fernsehen bei der Bevölkerung das mit Abstand beliebteste Medium ist, um wissenschaftliche Informationen zu bekommen. 61 Prozent schauen in der EU regelmäßig oder gelegentlich entsprechende TV-Programme. (In Österreich sind es übrigens bloß 45 Prozent.)

In den Medien regten sich immerhin einzelne kritische Stimmen. Nur Georg Hoffmann-Ostenhof im "profil" fand - angesichts der lupenreinen katholischen Karriere von Gerhard Klein, der vor seinem Eintritt in den ORF Religionslehrer war, theologischer Assistent der Erzdiözese Wien und Geschäftsführer der katholischen Medienakademie - klare Worte: "Man stelle sich vor, es trudelt die Meldung ein, im türkischen staatlichen Rundfunk werden die Abteilungen Wissenschaft und Religion unter der Leitung eines Islamgelehrten fusioniert. Wie würde hierzulande doch über den gefährlichen Vormarsch des Islamismus am Bosporus gezetert."

Immerhin wurde von ORF-TV-Wissenschaftsredakteur Andreas Novak, der als Verteidiger seines neuen Chefs vorgeschickt wurde, prompt im STANDARD dementiert, dass es in der ORF-Wissenschaftsabteilung statt der Redaktionssitzung künftig eine Morgenandacht geben könnte. In der Zwischenzeit hat auch Gerhard Klein, dem immerhin ein guter Ruf als Religionschef vorauseilte, sich selbst per Pressekonferenz zu Wort gemeldet - und wies die Vorbehalte gegen seine Doppelfunktion aus der Wissenschaftscommunity zurück.

Die konkrete Begründung dafür blieb aber ähnlich unklar wie dafür, die Wissenschaftsabteilung stärken zu wollen. Da freilich gäbe es dringenden Nachholbedarf, denn außer "Newton" und einem gewissen Ausbau der aktuellen Wissenschaftsberichterstattung lief am Küniglberg in der Ära Hopfmüller denkbar wenig, das man im ORF-TV unter "Wissenschaft" rubrizieren könnte.

Als eines der wenigen konkreten Vorhaben nannte Klein den Ausbau der Dokumentationsleiste - aber ist das auch schon Wissenschaft? Immerhin: Die Budgets zwischen Religion und Wissenschaft werden getrennt bleiben. "Know-how-Transfer" und inhaltliches Zusammenarbeiten erhoffe er sich aber. Man darf gespannt sein, wie Beispiele für den Know-how-Transfer von Religion zur Wissenschaft und vice versa aussehen werden.

Und dann wird am 13. November auch das Gesundheitsmagazin "Bewusst gesund" starten, das dem neuen Wissenschaftschef "in den Schoß" gefallen sei, aber gleich einer der Schwerpunkte als neuer Hauptabteilungsleiter sein werde. Inhaltlich zeichnet er gemeinsam mit Moderatorin Ricarda Reinisch-Zielinski verantwortlich. Die Gattin des Krebsexperten ist übrigens - nur für die, die es nicht wissen sollten - Leiterin des Gesundheitskompetenz-Zentrums im ORF.

Expertenauftritte soll es vom Wiener Internisten Siegfried Meryn geben, kündigte Klein an. Dass dieser auch Mitglied im ORF-Stiftungsrat und im Publikumsrat ist, ist für den Wissenschaftschef kein Hindernis für regelmäßige Fernsehauftritte des Mediziners. Zumal Meryn für seine TV-Auftritte außerdem kein Geld kriegt und so seinen Beitrag zum Gesundsparen der Wissenschafts- und Medizinberichterstattung des Küniglberg leistet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gerhard Klein hat sich um Bildung und Religion gleichermaßen zu kümmern.

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