Das "Schwarzzelt" der Nomaden

31. Oktober 2010, 16:34
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Filmpremiere: Österreichisches Team auf den Spuren einer verschwindenden Tradition in der Türkei

"Genuine Fake Watches" preist selbstironisch ein Schild in der westtürkischen Stadt Selçuk nahe den weltberühmten Ruinen von Ephesos an. Nur wenige Kilometer außerhalb der Touristenmetropole ist es mit dem Massenauflauf und all seinen Folgeerscheinungen vorbei - hierher, zu den ehemaligen Yörük-Nomaden, verirren sich nur selten Gäste. Darunter ist dafür jemand wie Kristina Ambrosch, Architekturforscherin aus Wien, die immer wieder auf Besuch gekommen ist. Auf einer dieser Reisen hat sie ein Filmteam mitgenommen, um eine Tradition zu dokumentieren, die kurz vor dem Vergessenwerden stand: den Bau eines sogenannten "Schwarzzelts".

Dieser aus Ziegenhaar gefertigte Zelttyp, der unter anderem auch in der Bibel erwähnt wird, kann auf eine 5.000-jährige Geschichte zurückblicken; Schwarzzelte wurden von Nomaden von Nordafrika bis nach Tibet gebaut. Obwohl die dunkle Farbe nicht unbedingt Assoziationen von luftiger Frische weckt, erweist sich das Traditionsprodukt als überraschend effektiv: Die angestaute Wärme wird durch das lockere Gewebe nach außen abgegeben - im Zeltinneren, so heißt es im Film "The Black Tent", lässt sich ein Abkühlungseffekt von 20 bis 30 Grad unter der Außentemperatur erzielen.

Ein mit einfachen Mitteln erzeugtes und zu hundert Prozent nachhaltiges Produkt erweist sich damit als effektiver als viele hochtechnologisch erzeugte Pendants. Warum das Schwarzzelt zumindest aus dieser Region verschwindet, lässt sich nur mit soziohistorischen Faktoren erklären. Wie in vielen anderen Regionen auch ist bei den Yörük der Übergang einer einstmals nomadischen Gesellschaft hin zur Sesshaftigkeit abgeschlossen - was mit dem Verschwinden alter Traditionen und Fertigkeiten einhergeht. Unter welchen politischen Rahmenbedingungen dies im speziellen Fall stattgefunden hat, wird in dem 45-minütigen Film, der auch weitgehend auf Interviewpassagen verzichtet, allerdings nicht gestreift. Im Vordergrund von "The Black Tent" steht der architektonische bzw. materialwissenschaftliche Aspekt.

Handwerkliche Meisterleistung

Wir erleben den Bau eines Schwarzzelts von den Preisverhandlungen beim Kauf der Wolle über faszinierende Bilder aus einem Weberdorf bis zum bemerkenswert schnell ablaufenden Aufbau, an dem simultan ein gutes halbes Dutzend Menschen im Einsatz ist, mit. Keineswegs ein alltäglicher Vorgang, im Gegenteil: In der Region ist es das erste neue Schwarzzelt seit 30 Jahren. Dementsprechend der logistische Aufwand: Ein Tischler muss gefunden werden, der den Dachfirst anfertigen kann, ehemalige Zeltbau-MeisterInnen, die längst ein sesshaftes Leben führen, werden aus der ganzen Gegend zusammengetrommelt, um ihr Können noch einmal zu demonstrieren.

Ähnlich wie LinguistInnen ausschwärmen, um aussterbende Sprachen noch rechtzeitig in Tonaufnahmen zu bewahren (und damit im günstigsten Fall sogar einen Anstoß zu deren Rettung geben), hat sich auch das Team der Projektforschung Schwarzzelt die Aufgabe gestellt, eine sterbende Tradition zu dokumentieren. Eine Tradition übrigens, die im Bedarfsfall jederzeit wieder aufgenommen werden kann: Auf der Website des Films gibt es auch eine Möglichkeit, bei den im Film vorkommenden Yörük-Familien den Bau eines Zelts in Auftrag zu geben. (red)


Link
The Black Tent

Filmpremiere am 4. November, 19 Uhr im Wiener Top Kino.
Weitere Vorstellungen: 19.11., 24.11., 2.12., 15.1. und 21.1.
Eine DVD des Films erscheint im November.

  • Kühlung mit einfachen Mitteln und handwerklichem Geschick: Das Innere eines Schwarzzelts.
    foto: projektforschung schwarzzelt

    Kühlung mit einfachen Mitteln und handwerklichem Geschick: Das Innere eines Schwarzzelts.

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