Europas stiller Triumph

KrisenFrey, 31. Oktober 2010, 09:06

Der Sieg von Siemens über Alstom ist ein Durchbruch für den EU-Binnenmarkt

Abseits vom Drama über die permanente Einrichtung des Euro-Rettungsschirms, von dem die Zukunft der Währung abzuhängen scheint, haben die vergangenen Tage eine andere, kaum beachtete Entscheidung gebracht, die fùr Europas Wirtschaft noch viel wichtiger ist: Der französische TGV-Hersteller Alstom ist mit seinem Versuch gescheitert, per Gerichtsbeschluss die Vergabe des nàchsten Eurostar-Zugs an Siemens zu stoppen.

Seit Eröffnung des Eurotunnels zwischen Dover und Calais hat der Bahnbetreiber Eurostar, ein britisch-französisches Joint Venture, immer nur Alstom-Züge gekauft. Frankreich hat dieses Geschäft schon lange als sein Anrecht gesehen - im Widerspruch zum europäischen Binnenmarkt, der gerade bei so großen Infrastrukturaufträgen einen transparenten, fairen Wettbewerb für alle europäischen Produzenten fordert.

Diesmal hat Siemens das eindeutig bessere Angebot gemacht, und Eurostar hat nicht patriotisch, sondern betriebswirtschaftlich gehandelt. Das kostet zwar kurzfristig französische Jobs und Profite, ist aber langfristig auch gut für Frankreich. 

Ein halb-französisches Unternehmen erhält ein besseres Produkt, und ein Teil des Auftrags kann über Umwege wieder in Frankreich landen, weil Siemens kein deutscher, sondern ein europäischer Konzern ist. Wenn der Binnenmarkt funktioniert, profitiert ganz Europa davon.

Der Zorn von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy über diese Verrat an französischen Interessen zeigt, wie wenig der europäische Gedanke in den Köpfen der Entscheidungsträger angekommen ist. Das zeigt sich vor allem am Binnenmarkt, der fast zwei Jahrzehnte nach seiner offiziellen Fertigstellung noch immer eine Baustelle ist.

Selbst europäische Großkonzerne haben Schwierigkeiten, außerhalb ihres Heimatmarktes an lukrative Staatsaufträge zu kommen. Für Klein- und Mittelbetriebe endet der potenzielle Markt oft an den Landesgrenzen, manchmal schon davor.

Das kostet Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze und ist ein entscheidender Grund, warum weder Euro noch die europäische Integration bisher jene wirtschaftliche Früchte getragen haben, die sich die Planer erhofft hatten.

Die EU-Kommission kämpft seit Jahren gegen die informellen und oft illegalen Schranken im Geschäftsleben, die auch Verbraucher zu spüren bekommen.

Wer übers Internet aus Deutschland etwas bestellen will, wird oft mit der Auskunft konfrontiert, "kein internationaler Versand", oder zahlt prohibitiv hohe Versandgebühren. Von Passau nach Salzburg ist ein Paket meist teurer als von Bregenz nach Wien. Wo bleibt da der Binnenmarkt?

Die Zurückweisung der Alstom-Klage durch ein britisches Gericht ist noch nicht die endgültige Entscheidung. Aber Alstoms Chancen, Siemens mit juristischen oder politischen Tricks noch zu stoppen, sind verschwindend klein.

Dies könnte Präzendenzwirkung haben: Wenn Frankreich seinen "nationalen Champion" nicht mehr vor legitimem Wettbewerb schützen kann, dann werden auch andere Auftraggeber sich dem Druck der Politik widersetzen und europaweit einkaufen. Und wenn das geschieht, könnten auch andere Handelsschranken, die es längst nicht mehr geben dürfte, nach und nach gelockert werden.

Dass der Franzose Michel Banier derzeit Binnenmarktkommissar ist, kann als Glück gesehen werden. Wer wenn nicht er kann seine Landsleute überzeugen, dass wirtschaftlicher Nationalismus selbstzerstörerisch ist?

Ohne solchen perfiden Protektionismus könnte der größte volkswirtschaftliche Raum der Welt sein Potential viel eher ausschöpfen und sowohl mit den USA als auch mit den aufstrebenden Màchten China und Frankreich besser konkurrieren. Und was noch viel wichtiger ist: Jeder einzelne Europäer hätte einen hòheren Lebensstandard und bessere Chancen auf einen guten Arbeitsplatz.

Ein Hoch auf Siemens, Eurostar und die Gerichte, die für Fairness sorgen. (Eric Frey, derStandard.at, 31.10.2010)

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Posting 1 bis 25 von 161
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MartiniS
00
19.11.2010, 19:03
Welcher Triumph?? Das ist doch nur ein Beweis für das Versagen Europas!

Offensichtlich sind Europäer völlig überfordert damit einen Binnenmarkt auch umzusetzen. Einen Binnenmarkt denn es schon lange gibt.....

Einheitliche Standards im Eisenbahnverkehr sind in Europa offensichtlich ebenfalls unmöglich.
Die Europäer sind einfach völlig überfordert damit.....

Hans Hansen
00
4.11.2010, 10:27

Wirtschaftsnationalismus oder Schutz des eigenen sozialen Models?

good vibration
00
2.11.2010, 07:06

hoffentlich ist der ICE besser dimensioniert als seine Klima-Anlagen...

lingam
01
1.11.2010, 16:19
mit den aufstrebenden Màchten China und Frankreich

wen er wohl damit meint?

NewAtair
00
2.11.2010, 15:02

Die nicht funktionierenden Klimaanlagen vom ICE waren von der Alstom ^^

Allio a la Long
00
15.11.2010, 21:06

Die waren von Liebherr.

Wennso Weitergeht...
00
1.11.2010, 16:16
"aufstrebenden Màchten China und Frankreich"

you made my day

/. nerd
 
40
1.11.2010, 13:37
Der Triumph des Schmiergelds über andere Formen der Freunderlwirtschaft

Cornwell
00
1.11.2010, 14:28

Dass ein britisch-französisches Joint-Venture sich für einen nicht-französischen Hersteller entscheidet ist ein klares Indiz für Freunderlwirtschaft? Aha.

Wie würden Sie es dann bitteschön nennen, wenn sich Erwin Pröll für seinen Neffen als Bundeskanzler entscheidet?

°°__°°
00
21.11.2010, 12:23

jeder hat seinen preis.

/. nerd
 
61
1.11.2010, 14:37
Dass die Firma Siemens auftritt

ist ein klares Indiz für Schmiergeld.

It'tksirkrk
57
1.11.2010, 12:27
Es gibt keine Gleichheit im Markt.

Auch wenn uns das die Anhänger von Kapitalismus und Marktwirtschaft noch so sehr vorbeten, es stimmt halt einfach nicht. Waren und Kapital bewegen sich viel leichter durch ein kleinteiliges, vielsprachiges und mit gewachsenen Regionen versehenes Europa als Menschen.

Die Montagearbeiter aus einem spanischen Werk haben nichts davon wenn in Polen mehr Arbeitsplätze entstehen. Wer erwartet, daß die Menschen als wurzellose Verschubmasse den Interessen des Kapitals dienen sollen, betreibt nur das Geschäft der Eliten.

Wirtschaftsordnungen und Wirtschaftsräume haben sich an den Interessen der Menschen zu orientieren. Globalisierung nutzt im Zweifel immer dem Kapital und nicht den Menschen.

Libertarian76
00
2.11.2010, 08:53

"Die Montagearbeiter aus einem spanischen Werk haben nichts davon wenn in Polen mehr Arbeitsplätze entstehen."

Polnische Arbeiter kaufen sich vielleicht einen SEAT oder machen Urlaub in Spanien.

Jo eh...
04
1.11.2010, 15:12

"Die Montagearbeiter aus einem spanischen Werk haben nichts davon wenn in Polen mehr Arbeitsplätze entstehen."

Oh doch. Bessere und/oder billigere Produkte. Sonst würd man dort nämlich nicht produzieren. Arbeiter sind auch Konsumenten!

Christ Kind
30
1.11.2010, 15:37
nein hat er nicht

der spanische Monteur verliert seinen Job, da der nach Polen abwandert, er wird daher auch nicht mehr soviel konsumieren. Und Polen wird als naechstes aufschreien, wenn deren Jobs in "noch_niedriger_Lohn" Laender abwandern.

Traumpass - Spieler
01
1.11.2010, 16:41

doch hat er. der spanier findet wieder einen neuen job.
nicht immer so statisch denken! :)

Fisch^^Fisch
06
1.11.2010, 13:09

Der Waldviertler hat auch nicht direkt was davon wenn im Drautal ein neues Werk entsteht.

Und jetzt?

/. nerd
 
20
1.11.2010, 15:54
Das Drautal hat aber die gleiche Sozialgesetzgebung und die gleichen Kollektivverträge wie das Waldviertel

Es gibt da also keinen Standortwettbewerb mittels Lohn- und Steuerdumping.

Solche Kleinigkeiten kann man schon mal übersehen, wenn man im Auftrag der IV postet oder schon ausreichend gehirngewaschen ist.

Cornwell
10
1.11.2010, 14:26

...oba des ist jo ein guter Österreicher und kein Auslllända...

Cornwell
24
1.11.2010, 12:44

"Globalisierung nutzt im Zweifel immer dem Kapital und nicht den Menschen."

Das ist so nicht richtig.

1. Wenn Arbeitsplätze verlagert werden, gehen sie nicht verloren, sondern sie werden einfach von anderen Menschen ausgeübt. Industriearbeitsplätze sind nicht weg, sie sind nur abgewandert. - Und das ist gut so: warum sollen wir Schuhschachteln herstellen, wenn wir stattdessen hochwertige Autos produzieren können und die Schachteln im Gegenzug von den Chinesen zu einem Spottpreis einkaufen können?

2. Es kommt ganz auf den Menschen an von dem sie ausgehen. Überspitzt formuliert: Wer in Europa mobil und gut gebildet ist, profitiert. Wer ewig in seinem eigenen Dorf bleiben will, der muss Landwirt bleiben und auf Gott vertrauen.

Woodpecker
10
1.11.2010, 13:45
Globalisierung und die Kosten

Bei all der Globalisierung wird nur zu gerne vergessen, daß die auf wackeligen Beinen im Ölschlamm steht.
Lange bevor der endgültig versiegt, werden die Schachteln aus China viel viel teurer, und auch die Tomaten aus Spanien oder Holland. Und die hochwertigen Autos (die auch aus Teilen aus der ganzen Welt zusammengeschraubt werden) laufen und verkaufen sich auch nicht so richtig ohne Treibstoff.
Mittlerweile bauen die Chinesen nicht mehr billige Schuhschachteln, sondern eher Elektroautos - mit denen kommst aber nicht weit genug aufs Land zum "Rüben ausfassen", wenn dann die Supermärkte auch nichts mehr zu bieten haben werden ...

Cornwell
03
1.11.2010, 14:23
Wo ist das Problem?

Wenn spanische Tomaten durch die Decke gehen, kauft man eben heimische, wenn diese billiger sind.

Wenn sich Marktpreise anpassen, passt auch der Konsument sein Verhalten an. Nur weil er bestimmte Produkte jetzt bevorzugt, heißt das ja noch lange nicht, dass er dieselben Produkte ad infinitum weiterkauft, egal wie sich die Rahmenbedingungen ändern. Wäre das so, würde er ja jetzt auch nicht chinesische Produkte kaufen, da er es in der Vergangenheit auch nicht tat.

Treibstoff: wer braucht fossilen Treibstoff, nehmen wir eben einen anderen Antrieb. Der menschliche Geist war bisher immer erfinderisch und hat sich auf neue Anforderungen eingestellt, warum sollt es diesesmal anders sein?

Heavyweather
01
1.11.2010, 13:50

Wir werden es überleben...

oregus
22
1.11.2010, 12:17
...am ende zählt die qualität...

freier binnenmarkt hin oder her, am ende zählt die qualität; und meines wissens gibt es mit dem TGV wesentlich weniger "dramatische troubles", als mit den ICEs der DB!
bei den TGVs hat man den tentativen ansatz, sprich, bereits bestehenden garnituren könnnen immer problemlos "aufmodernisiert" werden, während die ICEs, wenn veraltet, komplett neu gebaut werden müssen, und somit in der anschaffung doch wesentlich teurer sind!
fakt ist die qualität, und nicht das "dumping"....

Settembrini
01
1.11.2010, 11:24
Hilfe, brauche Input!

Dieser arme arme Euro, wird er es wohl schaffen? Dabei kostet ein Euro bald 1,50 Dollars. Die Chinesen halten ihre Währung künstlich tief, der Dollar ist real tief. Und der Euro soll so in Gefahr sein? Warum in Dreiteufelsnamen können wir nicht auch unseren Euro ein bisserl tiefer ansetzen, damit unsere Exporte besser gehen. Gibts da irgendwelche börsenorientierte Zusammenhänge, die eine Rolle spielen? Und wenn ja, warum nicht zur Hölle mit der Börse? Ich bitte um Input, warum wir nicht einfach den Euro abwerten.

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