Lachen und weinen zugleich

29. Oktober 2010, 20:52

Jon Stewart gilt als Nachrichtenstar - Dabei behauptet er, nur Komiker zu sein - Kein Widerspruch in den USA heute

"Jetzt ist der Moment" , sagt Barack Obama, "an dem wir unsere Abhängigkeit von Öl beenden können."

"I believe we can fly", singt Jon Stewart dazu und sagt: "Jetzt ist wirklich der Moment - ganz im Unterschied zu 2006!"

Ein zweites Video wird eingespielt. "Dieses Land", sagt George W. Bush, "kann seine Abhängigkeit von Öl beenden!"

"Jawohl!" , pflichtet Stewart bei. "Aber wäre es nicht leichter, wir hätten eine langfristige Energiestrategie entwickelt, bevor wir zwei Kriege und inzwischen auch noch ein riesiges Leck im Golf vom Mexiko hatten?"

Das nächste Video ist zu sehen. "Wir brauchen eine langfristige Energiestrategie", sagt Bill Clinton - wir haben jetzt das Jahr 2000.

Und so geht es weiter. Insgesamt acht Präsidenten, bis zurück zu Richard Nixon Anfang 1974, führt Jon Stewart per Videoausschnitte in seiner Fernsehshow vor, die alle selbstbewusst das Ende der Abhängigkeit vom Öl proklamierten. Er schaut erstaunt nach links und rechts, spielt mit seinem Bleistift, überlegt. "Wenn du mich einmal reinlegst, dann schäm dich. Wenn du mich zweimal reinlegst, dann schäme ich mich. Wenn du mich achtmal reinlegst ... bin ich ein gottverdammter Idiot?! Am I a %&$§ing idiot?! Ich muss ein Idiot sein!"

Jon Stewart, der TV-Unterhalter, hat die Lacher im Studio auf seiner Seite. Jon Stewart, der ernstzunehmende Kritiker, hat ein politisches Argument, hübsch als Satire verpackt, bei einer nach Millionen zählenden Zuschauerschaft angebracht. Die mächtigen Regierungschefs stehen nackt da, ihre Worte sind Hülsen, ihre Ankündigungen Geschwätz.

So weit ein typischer Ausschnitt aus "The Daily Show with Jon Stewart", einer der überraschendsten Erfolgsgeschichten des letzten Jahrzehnts im US-Fernsehen. Sieben Prozent der Amerikaner sehen sie regelmäßig (2002, im dritten Jahr der Show, waren es nur zwei Prozent); unter den 18- bis 29-Jährigen sind es heute 13 Prozent.

Es sei nur eine Comedyshow, betonte Stewart die längste Zeit - sie läuft im Kabelkanal Comedy Central, wochentags immer am späten Abend. Und es seien doch nur getürkte Nachrichten, "fake news", zu sehen. Doch die Sendung bekam mittlerweile mehrmals den renommierten Peabody-Preis und andere Medien-Auszeichnungen verliehen - für ihre Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen.

Stewart selbst wurde vom Time Magazine 2005 in die Jahresliste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen. Und letztes Jahr ließ das Magazin ermitteln, wer als der vertrauenswürdigste Nachrichtensprecher des Landes gilt. Es war er - vor den Moderatoren der "wirklichen" Nachrichten.

Sein Ruf als ernstzunehmender Vermittler des politischen Geschehens hat sich mittlerweile so sehr gefestigt, dass er selber ihm gefolgt ist und im Augenblick in eine neue Rolle schlüpft. Um den Schreiern an den politischen Rändern Paroli zu bieten und um den großen Tea-Party-Aufmarsch von Glenn Beck im letzten August zu kontern, hat Stewart für heute, Samstag, eine "Rally to restore sanity" in Washington ausgerufen.

Mehr als hunderttausend werden Prognosen zufolge seinem Ruf, Vernunft wieder herzustellen, folgen bzw. dem Ruf seines Sender-Kollegen Stephen Colbert, der eine zeitgleiche und scheinbar gegenteilige "Rally to keep fear alive" leiten wird. (Die Colbert Nation ist die als konservative Sendung verkleidete Fortsetzung der Stewart'schen Programmphilosophie.)

Was war geschehen, dass Entertainer als Horte der Vernunft und zuverlässige Informationsquellen dastehen können?

Wachsende Begehrlichkeiten

Nachrichten waren nie "objektiv". Doch lange Zeit galt in der Medienwelt das Bemühen, die journalistische Arbeit einigermaßen freizuhalten, von den Begehrlichkeiten der Geschäftsseite wie auch von den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie. Den News wollte man vertrauen.

Als die Feuermauern zwischen Business und Reportern einzustürzen begannen, ungefähr ab den 1970er-Jahren, wuchsen die Begehrlichkeiten. Infotainment war geboren. Die Nachrichten orientierten sich an Quoten, die Inhalte wurden flockiger, die Sprecher mussten attraktiver werden. Walter "that's the way it is" Cronkite, jahrzehntelang vertrauenswürdigster Nachrichtensprecher des Landes, hätte heute keine Chance mehr.

Was einmal ausgewogen war, verwandelte sich in Schimpfduelle zwischen als rechts und links bzw. liberal punzierten Meinungsexperten, sogenannten Pundits. Oder ein ganzer Sender wurde kurzerhand zu einem Medium für eine politisch klar definierte Zielgruppe. Fox News etwa spricht seinem Slogan "fair and balanced" Hohn und macht Schau für die Republikaner, insbesondere die Tea Party.

Kulturelle Entwicklungen sind keine Einbahnstraßen. Unweigerlich wuchsen Kräfte gegen die Ausdünnung brauchbarer Informationen heran, im Fernsehen vor allem in satirischer Form. Saturday Night Live, die Mutter ganzer Generationen von Komikern, brachte bereits vor Jahrzehnten Parodien auf Nachrichten - allerdings vor allem um der Lacheffekte willen.

In dieser Situation kam Jon Stewart buchstäblich auf die Bühne. Der 1962 als Jonathan Stuart Leibowitz geborene New Yorker verdiente seine erste Sporen in Kabaretts und bei MTV, bis er 1999 seine eigene Sendung bekam.

Mit der Daily Show fand er die Formel, seine Überzeugungen (politisch bezeichnete er sich einmal als unabhängig bis sozialistisch) mit seinem Showtalent zu verknüpfen. Die Sendung beginnt meist mit einem satirisch kommentierten Überblick über die laufenden Nachrichten von anderen TV-Sendern, oft von Fox, manchmal weit in die Vergangenheit ausholend (siehe oben, Ölabhängigkeit). Es folgen eigene News-Parodien, in denen Pundits mit absurden Titeln wie "Senior Paintball Analyst" auftreten - wieder Seitenhiebe auf die allgegenwärtigen Experten mit ihren 30-Sekunden-Wortspenden.

Im dritten Teil der Schau hat Stewart einen Gast. Die Gespräche, die er führt, werden von Medienkritikern für ihre Mischung aus Unterhaltung und echter Auseinandersetzung geschätzt.

Manche dieser Experten sehen in Stewart überhaupt den Pionier neuer medialer Formen. Als postmodern bezeichnen die einen, wie er mit ironischen Übertreibungen und vor allem mit Zitatenmontage operiert, Politik und Pop-Kultur vermischt. Für neomodern halten andere seine Bemühungen, Verantwortung und Vernunft in den öffentlichen Diskurs zurückzuholen.

Auf Augenhöhe mit Obama

Ein beachtliches Beispiel lief vergangenen Mittwoch über die Bildschirme. Stewart hatte Obama als Gast. Er hofierte ihn nicht, vielmehr kam es zu einem (nicht immer) ernsthaften Austausch auf Augenhöhe, zu einer Kritik an der Amtsführung. "Zu schüchtern?" , fragte Obama. "Jon, ich mag Ihre Show, und ich will Sie nicht mit anderen Pundits in einen Topf werfen, aber: 30 Millionen Leute sind jetzt versichert." Es folgte eine Aufzählung weiterer Erfolge seiner Regierung. "Ich sage Ihnen, was ich mit schüchtern meine" , antwortete Stewart, "und ich will Sie nicht mit anderen Präsidenten in einen Topf werfen. Aber Sie sagten einmal, dass dieses System grundsätzlich reformiert werden muss. Doch einige Reformen wurden mit politischen Rücksichten durchgeführt und haben nur ein grundsätzlich korruptes Fundament übertüncht." Solchen Austausch findet man in den Network News kaum mehr, von mitteleuropäischen Gegebenheiten ganz zu schweigen.

2004 veröffentlichte Stewart mit seinem Daily Show-Team America, eine Parodie auf ein Geschichtsbuch für Mittelschüler mit vielen Seitenhieben auf die Ungereimtheiten der offiziellen Historiografie. Und gerade kam Earth heraus, ein Führer für Besucher aus dem Weltraum, die den Planeten nach dem Aussterben der menschlichen Rasse besuchen. Hinter den brutal komischen Passagen steckt Stewarts Pessimismus, dass dieser Planet, wie's aussieht, den Bach runtergeht. Er kann lachen und heulen zugleich.

So endet auch seine brillante Vorführung der Öl-Unabhängigkeits-Präsidenten mitsamt ihren schönen Vorschlägen zu alternativen Energien mit einem typischen Stewart-Sager, in dem sich der komödiantische Effekt mit dem Hinweis auf das Absurde unseres Alltags die Waage halten: "Ach was, nehmen wir einfach weiterhin Öl. Wisst ihr warum? Wir müssen! Ich werde nicht zulassen, dass die Dinosaurier umsonst gestorben sind." (Michael Freund/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
1 2
legal eagle
 
01
2.11.2010, 22:29
ja, aber:

stewart lag bei seiner schlussansprache nicht ganz richtig.

natürlich ist msnbc ein "linker" kabelkanal, und keith olbermann ist das msnbc-zornbinkerl.

aber im gegensatz zum rechten fox news-channel arbeiten die msnbc-anchors nicht mit verdrehten fakten oder frei erfundenen geschichten. bei msnbc wird mit fakten gearbeitet - that's why they can practically always debunk fox newes stories!

in fact: olberman hat sich für den ausfall entschuldigt, der bei der stewart-rally gezeigt wurde -was stewart wiederum unterschlagen hat.

journlistisch ordentliches arbeiten mit der propagandamaschine fox news in einen topf zu werfen und eine - zugegeben brillant geschriebene und vorgetragene - medienkritik draus zu machen, ist auch nicht ok.

bluebeard's 8th wife.
00
2.11.2010, 14:04

aber eigentlich ist kein bericht über jon stewart komplett ohne zumindest einen absatz über stephen colbert.

übrigens gab es 2009 eine umfrage, nach der unglaublich viele menschen colbert für einen echten konservativen pundit hielten...

`gsi
00
1.11.2010, 11:28

guter zusammengefasster überblick.

klar dass hier die selbsternannten english profis versuchen zu glänzen.

santa fe
 
013
31.10.2010, 05:09
7% der amerikaner sehen jon stewart regelmässig...

wie sind immer so stolz, dass wir keine so fundamentalistisch-bigotte mehrheit wie die amerikaner haben. aber hätten wir eine so grosse minderheit von intelligenten und leidenschaftlichen progressiven in europa, würde erst klar werden, wie versumpert die europäische politik samt ihren pseudolinken eigentlich ist.

solange es keinen europäischen jon stewart gibt, ist europa politisch hoffnungsloser als amerika.

Sir Panda
 
10
31.10.2010, 01:35

die Sendung von Stephen Colbert heisst "Colbert Report", nicht Colbert nation.
Find ich mal besser als den Daily Report.

NotDarkYet
12
31.10.2010, 17:46

Und der Daily Report heißt Daily Show.

Kahuna
00
30.10.2010, 17:57
Es gibt erstklassige Nachrichten, a la Cronkite, in den USA

Lehrer report, taeglich eine Stunde, 19:00 (EST)

Wolfgang Ullram
232
30.10.2010, 17:19
ähm

Wenn du mich einmal reinlegst, dann schäm dich. Wenn du mich zweimal reinlegst, dann schäme ich mich

lieber hr. freund

lernens lieber gscheit englisch, bevor sie übersetzen, oder fragens jemand, der sich damit auskennt

das "....... once, shame on you" "... twice, shame on me" heißt NICHT das, was sie in der kolumne als das ausgaben.

schuste bleib bei deinen leisten!

The Vinci
00
1.11.2010, 12:04
ist nicht so leicht, der Satz

http://www.youtube.com/watch?v=eKgPY1adc0A

michael freund
16
1.11.2010, 07:38
schuster und leisten

geehrte(r) ähm,
ich bin mir durchaus dessen bewusst, was der spruch bedeutet. ihn wörtlich zu übersetzen, bringt weniger, als ihn zu transponieren. sonst hätte ich auch gleich schreiben können "Bin ich ein kopulierender Idiot?" "shame on me" ist mit "dann sollte ich mich schämen" oder "schande über mich", will heißen, "dann hab ich das nicht besser verdient" adäquat übersetzt. im übrigen habe ich 7 jahre in den usa gelebt, mir ist der leisten also recht nah. mf

TRockenmilch
22
31.10.2010, 14:34

dann sollten sie wohl in zukunft selbst ihre beiträge in englishc verfassen. ihr deutsch ist ja, ehm, holprig ;)

oder sollte man darüber hinweg sehn? weils ja wirklich keinen unterschied macht?
ich weiß nicht, ich bin da vielleicht zu liberal...

Wolfgang Ullram
181
30.10.2010, 17:58
gähn

spannend , dass ich fürs ausbessern einer dilettantischen übersetzung rot kriege

shame on you....ist sowas wie "schande über dich"

net, schämen....

aber das ist sicher so schwierig wie

need not
must not

usw.
das wird so gut wie immer falsch übersetzt

trotzdem

das beste in der kategorie schlechte übersetzung

"waterboarding"
wurde als "wasserbrettfolter" übersetzt

igitt

fr. bubla geb schmatral. wenn sie das lesen : ich halte ihre fahne hoch (my former english teacher)

michael freund
13
1.11.2010, 08:50
shame on you, indeed

(mit dank an die anderen postings, die es bereits vorweggenommen haben)

wenn angelsächsische mütter ihren sich daneben benehmenden kindern sagen (und sie sagen es dauernd): "shame on you!", würden Sie dann übersetzen "schande über dich!" oder "schäm dich!"?

was wohl fr. bubla zu ersterem sagen würde ....

Johann Dau
00
31.10.2010, 20:03

Im Deutschen dürften Sie ja nicht ganz so bewandert sein wie im Englischen, deshalb hier der Hinweis: "Schande über dich" ist inhaltlich gleichbedeutend mit "Schäm dich". Nur anderes Sprachniveau bzw etwas altertümlicher.

Totaler Durchblicksstrudel
00
31.10.2010, 19:35

Nur damit keiner deinen Unfug glaubt:

http://dict.leo.org/?lp=ende&... arch=shame

Theodor Schule
03
31.10.2010, 15:44

Die Frau Fessa wird sich wahrscheinlich ziemlich genieren, dass ihr ehemaliger Schüler ein derart rechthaberischer, penetranter Know-It-All geworden ist der nichts Besseres zu tun hat als sich in holprigem Deutsch unter Außerachtlassung der Großschreibregeln über Nebensächlichkeiten zu mokieren.

Severin Winter
03
30.10.2010, 17:41
"...heißt NICHT das, was sie in der kolumne als das ausgaben."

Sondern?

Heimwerkerkönig
 
01
30.10.2010, 14:13
"Nachrichten waren nie objektiv".

Siehe ORF.

Rigglerobber
80
30.10.2010, 11:51
Lieber Standard

"die Feuermauern zwischen Business und Reportern"

Bemerkung am Rande: eine "Firewall" ist eine Brandschutzwand und keine "Feuermauer" (was immer das sein soll)

bluebeard's 8th wife.
01
2.11.2010, 14:02

feuermauern stehen in wien - zwischen häusern - die sollen das übergreifen von flammen bei hausbränden erschweren - was war jetzt noch mal der unterschied?

saint just
00
1.11.2010, 10:04

Ullram? Noch einmal Sie? Noch immer so mies d'rauf und so ein pain in the *ss? Runterkommen, ausschlafen, entspannen...

Johann Dau
00
31.10.2010, 20:06

Feuermauer ist ein gängiger deutscher Begriff für genau das, was der Autor ausdrücken wollte. Im Englischen wird dafür übrigens nicht der Begriff firewall verwendet, weil dabei denkt im Internetzeitalter jeder nur an Netzzugriffskontrolle, sondern chinese wall.

ich brauch nicht heizen ich hab einen plasma
01
30.10.2010, 17:02

Was ist denn eine Feuermauer anderes als eine Brandschutzwand?

bravorauch
00
30.10.2010, 15:49

Feuermauer ist ein durchaus gängiger Begriff.

Tom Ef
00
30.10.2010, 12:32
Zumindest in Wien...

....ist "Feuermauer" ein gängiger Begriff.

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