Jon Stewart gilt als Nachrichtenstar - Dabei behauptet er, nur Komiker zu sein - Kein Widerspruch in den USA heute
"Jetzt ist der Moment" , sagt Barack Obama, "an dem wir unsere Abhängigkeit von Öl beenden können."
"I believe we can fly", singt Jon Stewart dazu und sagt: "Jetzt ist wirklich der Moment - ganz im Unterschied zu 2006!"
Ein zweites Video wird eingespielt. "Dieses Land", sagt George W. Bush, "kann seine Abhängigkeit von Öl beenden!"
"Jawohl!" , pflichtet Stewart bei. "Aber wäre es nicht leichter, wir hätten eine langfristige Energiestrategie entwickelt, bevor wir zwei Kriege und inzwischen auch noch ein riesiges Leck im Golf vom Mexiko hatten?"
Das nächste Video ist zu sehen. "Wir brauchen eine langfristige Energiestrategie", sagt Bill Clinton - wir haben jetzt das Jahr 2000.
Und so geht es weiter. Insgesamt acht Präsidenten, bis zurück zu Richard Nixon Anfang 1974, führt Jon Stewart per Videoausschnitte in seiner Fernsehshow vor, die alle selbstbewusst das Ende der Abhängigkeit vom Öl proklamierten. Er schaut erstaunt nach links und rechts, spielt mit seinem Bleistift, überlegt. "Wenn du mich einmal reinlegst, dann schäm dich. Wenn du mich zweimal reinlegst, dann schäme ich mich. Wenn du mich achtmal reinlegst ... bin ich ein gottverdammter Idiot?! Am I a %&$§ing idiot?! Ich muss ein Idiot sein!"
Jon Stewart, der TV-Unterhalter, hat die Lacher im Studio auf seiner Seite. Jon Stewart, der ernstzunehmende Kritiker, hat ein politisches Argument, hübsch als Satire verpackt, bei einer nach Millionen zählenden Zuschauerschaft angebracht. Die mächtigen Regierungschefs stehen nackt da, ihre Worte sind Hülsen, ihre Ankündigungen Geschwätz.
So weit ein typischer Ausschnitt aus "The Daily Show with Jon Stewart", einer der überraschendsten Erfolgsgeschichten des letzten Jahrzehnts im US-Fernsehen. Sieben Prozent der Amerikaner sehen sie regelmäßig (2002, im dritten Jahr der Show, waren es nur zwei Prozent); unter den 18- bis 29-Jährigen sind es heute 13 Prozent.
Es sei nur eine Comedyshow, betonte Stewart die längste Zeit - sie läuft im Kabelkanal Comedy Central, wochentags immer am späten Abend. Und es seien doch nur getürkte Nachrichten, "fake news", zu sehen. Doch die Sendung bekam mittlerweile mehrmals den renommierten Peabody-Preis und andere Medien-Auszeichnungen verliehen - für ihre Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen.
Stewart selbst wurde vom Time Magazine 2005 in die Jahresliste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen. Und letztes Jahr ließ das Magazin ermitteln, wer als der vertrauenswürdigste Nachrichtensprecher des Landes gilt. Es war er - vor den Moderatoren der "wirklichen" Nachrichten.
Sein Ruf als ernstzunehmender Vermittler des politischen Geschehens hat sich mittlerweile so sehr gefestigt, dass er selber ihm gefolgt ist und im Augenblick in eine neue Rolle schlüpft. Um den Schreiern an den politischen Rändern Paroli zu bieten und um den großen Tea-Party-Aufmarsch von Glenn Beck im letzten August zu kontern, hat Stewart für heute, Samstag, eine "Rally to restore sanity" in Washington ausgerufen.
Mehr als hunderttausend werden Prognosen zufolge seinem Ruf, Vernunft wieder herzustellen, folgen bzw. dem Ruf seines Sender-Kollegen Stephen Colbert, der eine zeitgleiche und scheinbar gegenteilige "Rally to keep fear alive" leiten wird. (Die Colbert Nation ist die als konservative Sendung verkleidete Fortsetzung der Stewart'schen Programmphilosophie.)
Was war geschehen, dass Entertainer als Horte der Vernunft und zuverlässige Informationsquellen dastehen können?
Wachsende Begehrlichkeiten
Nachrichten waren nie "objektiv". Doch lange Zeit galt in der Medienwelt das Bemühen, die journalistische Arbeit einigermaßen freizuhalten, von den Begehrlichkeiten der Geschäftsseite wie auch von den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie. Den News wollte man vertrauen.
Als die Feuermauern zwischen Business und Reportern einzustürzen begannen, ungefähr ab den 1970er-Jahren, wuchsen die Begehrlichkeiten. Infotainment war geboren. Die Nachrichten orientierten sich an Quoten, die Inhalte wurden flockiger, die Sprecher mussten attraktiver werden. Walter "that's the way it is" Cronkite, jahrzehntelang vertrauenswürdigster Nachrichtensprecher des Landes, hätte heute keine Chance mehr.
Was einmal ausgewogen war, verwandelte sich in Schimpfduelle zwischen als rechts und links bzw. liberal punzierten Meinungsexperten, sogenannten Pundits. Oder ein ganzer Sender wurde kurzerhand zu einem Medium für eine politisch klar definierte Zielgruppe. Fox News etwa spricht seinem Slogan "fair and balanced" Hohn und macht Schau für die Republikaner, insbesondere die Tea Party.
Kulturelle Entwicklungen sind keine Einbahnstraßen. Unweigerlich wuchsen Kräfte gegen die Ausdünnung brauchbarer Informationen heran, im Fernsehen vor allem in satirischer Form. Saturday Night Live, die Mutter ganzer Generationen von Komikern, brachte bereits vor Jahrzehnten Parodien auf Nachrichten - allerdings vor allem um der Lacheffekte willen.
In dieser Situation kam Jon Stewart buchstäblich auf die Bühne. Der 1962 als Jonathan Stuart Leibowitz geborene New Yorker verdiente seine erste Sporen in Kabaretts und bei MTV, bis er 1999 seine eigene Sendung bekam.
Mit der Daily Show fand er die Formel, seine Überzeugungen (politisch bezeichnete er sich einmal als unabhängig bis sozialistisch) mit seinem Showtalent zu verknüpfen. Die Sendung beginnt meist mit einem satirisch kommentierten Überblick über die laufenden Nachrichten von anderen TV-Sendern, oft von Fox, manchmal weit in die Vergangenheit ausholend (siehe oben, Ölabhängigkeit). Es folgen eigene News-Parodien, in denen Pundits mit absurden Titeln wie "Senior Paintball Analyst" auftreten - wieder Seitenhiebe auf die allgegenwärtigen Experten mit ihren 30-Sekunden-Wortspenden.
Im dritten Teil der Schau hat Stewart einen Gast. Die Gespräche, die er führt, werden von Medienkritikern für ihre Mischung aus Unterhaltung und echter Auseinandersetzung geschätzt.
Manche dieser Experten sehen in Stewart überhaupt den Pionier neuer medialer Formen. Als postmodern bezeichnen die einen, wie er mit ironischen Übertreibungen und vor allem mit Zitatenmontage operiert, Politik und Pop-Kultur vermischt. Für neomodern halten andere seine Bemühungen, Verantwortung und Vernunft in den öffentlichen Diskurs zurückzuholen.
Auf Augenhöhe mit Obama
Ein beachtliches Beispiel lief vergangenen Mittwoch über die Bildschirme. Stewart hatte Obama als Gast. Er hofierte ihn nicht, vielmehr kam es zu einem (nicht immer) ernsthaften Austausch auf Augenhöhe, zu einer Kritik an der Amtsführung. "Zu schüchtern?" , fragte Obama. "Jon, ich mag Ihre Show, und ich will Sie nicht mit anderen Pundits in einen Topf werfen, aber: 30 Millionen Leute sind jetzt versichert." Es folgte eine Aufzählung weiterer Erfolge seiner Regierung. "Ich sage Ihnen, was ich mit schüchtern meine" , antwortete Stewart, "und ich will Sie nicht mit anderen Präsidenten in einen Topf werfen. Aber Sie sagten einmal, dass dieses System grundsätzlich reformiert werden muss. Doch einige Reformen wurden mit politischen Rücksichten durchgeführt und haben nur ein grundsätzlich korruptes Fundament übertüncht." Solchen Austausch findet man in den Network News kaum mehr, von mitteleuropäischen Gegebenheiten ganz zu schweigen.
2004 veröffentlichte Stewart mit seinem Daily Show-Team America, eine Parodie auf ein Geschichtsbuch für Mittelschüler mit vielen Seitenhieben auf die Ungereimtheiten der offiziellen Historiografie. Und gerade kam Earth heraus, ein Führer für Besucher aus dem Weltraum, die den Planeten nach dem Aussterben der menschlichen Rasse besuchen. Hinter den brutal komischen Passagen steckt Stewarts Pessimismus, dass dieser Planet, wie's aussieht, den Bach runtergeht. Er kann lachen und heulen zugleich.
So endet auch seine brillante Vorführung der Öl-Unabhängigkeits-Präsidenten mitsamt ihren schönen Vorschlägen zu alternativen Energien mit einem typischen Stewart-Sager, in dem sich der komödiantische Effekt mit dem Hinweis auf das Absurde unseres Alltags die Waage halten: "Ach was, nehmen wir einfach weiterhin Öl. Wisst ihr warum? Wir müssen! Ich werde nicht zulassen, dass die Dinosaurier umsonst gestorben sind." (Michael Freund/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)