Kurpfuscher-Alarm um Rasputins Erben

29. Oktober 2010, 19:48
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In Russland machen selbsternannte Wunderheiler längst millionenschwere Geschäfte - Nun wollen Rasputins Erben auch Österreich erobern

Moskau/Wien - "Atmet viermal tief durch, dann geht vier Schritte auf dem Lichtbogen." Auf diesen Moment haben die gut 400 Menschen im gesteckt vollen Seminarraum des Hotels HN Danube City mehr als zwei Stunden gewartet. Viele sind aus Deutschland und aus der Schweiz an die blaue Donau nach Wien gereist, wo seit Freitag der russische Heiler Arkadiy Petrov zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum einen Lehrgang für Selbstheilung abhält.

Im Publikum sind viele schwerkranke Menschen, wie eine Schamanin, die an Krebs leidet - austherapiert, wie Schulmediziner nicht mehr behandelbare Fälle nennen. Doch die abgemagerte Frau hofft, nein, "ich weiß", wie sie selbst sagt, dass Arkadiy Petrov ihr beibringen wird, wie sie die Metastasen verschwinden lassen kann. Andere versetzen sich mit geschlossenen Augen in Trance, um sich darauf vorzubereiten, Organe oder Zähne nachwachsen zu lassen. Laut Petrov ist das nämlich kinderleicht. Vorausgesetzt natürlich, man bringt genug Glaube und Geld für die Seminare mit.

Falsche Versprechungen

Dass diesem Treiben weder Ärztekammer noch das Wiener Gesundheitsamt zuschauen können, ist klar. Anzeigen wegen Kurpfuscherei sind in Vorbereitung. Auch Petrovs Andockstelle in Österreich, die Gesellschaft für Energiemedizin, wird überprüft und im Besonderen deren Verbindungen zu zugelassenen Ärzten. Die Behörden wollen Petrovs Entschluss, nun endlich auch den Westen mit seinen Fähigkeiten zu beglücken, unbedingt verhindern. "Menschen in Todesangst falsche Versprechungen zu machen, ist das Letzte", heißt es in der Wiener Magistratsabteilung für Gesundheitsrecht.

Aber wer ist dieser Guru der Esoterik-Hardcore-Szene überhaupt, der auf Anhieb sogar in Österreich großes Publikum hat? Der STANDARD hat den 64-Jährigen vor wenigen Tagen in einem kleinen Büro im Moskauer Vorort Puschkino getroffen: Eine kaputte Niere habe sein Leben für immer verändert, erzählt er. Als er als damals 49-jähriger Verlagsleiter in einem Moskauer Krankenhaus auf die Operation vorbereitet wird, bei der das kranke Organ entfernt werden sollte, erscheinen dem Atheisten Bilder von Jesus Christus. "Vor mir tauchte ein innerer Bildschirm auf. Ich sah bewegte Bilder, ähnlich wie in einem Kino. Sie zeigten mir das heilige Leben von Jesus Christus. Je mehr sich der Raum des Filmes vertiefte, desto schneller ging die Krankheit weg."

Erschaffung der Welt

Danach beschäftigte er sich mit der Entwicklung von "mentalen Technologien". Seine Methodik nennt er "Baum des Lebens" - ein Symbol, das in esoterischen Zirkeln weit verbreitet ist. Petrov hat daraus drei Buchbände gemacht und sie wenig bescheiden "Erschaffung der Welt" genannt.

Jeden Samstag treffen sich seine Anhänger im farbenprächtigen Gebäude der Arkadiy-Petrov-Stiftung, das zwischen graue Plattenbauten gepfercht ist. Petrovs Büro schmücken eine Ikone und ein Foto von Grigory Grabovoy, dem wohl bekanntesten Wunderheiler Russlands. Mit der Ankündigung, die 2004 bei der Geiselnahme in Beslan umgekommenen Kinder wiederbeleben zu können, hatte es Grabovoy, der sich als Reinkarnation Christi bezeichnet, aber zu weit getrieben. 2006 wurde der Sektenführer wegen schweren Betrugs in elf Fällen zu elf Jahren Haft verurteilt. Für Petrov ist die Verurteilung von Grabovoy, der im Mai wieder entlassen wurde, aus politischen Gründen erfolgt.

Alternative Heilungsmethoden, Naturmedizin und Schamanismus sind in Russland nicht erst seit Rasputin, der im 19. Jahrhundert als Wunderheiler durchs Land zog, ein Riesengeschäft. Das Komitee für Gesundheitsschutz der Staatsduma schätzt den Jahresumsatz der Wunderheiler auf zwei Milliarden US-Dollar. Für Seminare nach der Petrov-Methode werden 1000 Euro verlangt. Das Wissen, das für die Wiederherstellung einer Niere notwendig ist, wird für 90.000 Rubel (rund 2100 Euro) vermittelt, berichtete die Zeitung Moskowskij Komsomolez.

In Wien stellt sich Petrov Fragen seiner Fans. Von der nach seiner Halbglatze ist er ein wenig peinlich berührt, weshalb eine auffällig festlich gekleidete Assistentin antwortet. Früher habe der Meister eine komplette Glatze gehabt, weil er als junger Mann in atomar verseuchtem Gebiet arbeiten musste. Kraft seines Glaubens lasse er es aber oben wieder sprießen - und zwar in brauner Haarfarbe, wie Petrov selbst betont. (Verena Diethelm, Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)

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    Russische Heiler-Stars: Grigory Grabovoy war vier Jahre im Gefängnis.

  • Grabovoys Fürsprecher Arkadiy Petrov (links) in Wien.
    foto: michael simoner

    Grabovoys Fürsprecher Arkadiy Petrov (links) in Wien.

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