Verführerischer Blick einer Toten

29. Oktober 2010, 19:25
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Manoel de Oliveiras "O estranho caso de Angélica"

Mit 101 Jahren hat der portugiesische Meisterregisseur Manoel de Oliveira ein Drehbuch verfilmt, das er bereits 1952 zu schreiben begonnen hatte: Nicht zuletzt deshalb haftet O estranho caso de Angélica (The Strange Case of Angélica) etwas Zeitloses an - mühelos überbrückt der Film die Distanz von den fotografischen Anfängen des Kinos zur Gegenwart, wenn er von der Magie erzählt, die jedem Abbild der Wirklichkeit zu eigen ist, da es mit dieser auf geheimnisvolle Weise verbunden bleibt. Zugleich handelt es sich um den ersten Film, für dessen Traumszenen Oliveira computergenerierte Bilder anfertigen ließ.

O estranho caso de Angélica beginnt mit einem Auftrag, der den jüdischen Fotograf Isaac (Ricardo Trêpa) mitten in der Nacht ereilt und der ihn in das Haus einer wohlhabenden Familie führt. Die bildschöne Tochter der Familie ist nur wenige Tage nach ihrer Hochzeit verstorben - nun soll ein letztes Foto von ihr angefertigt werden. Als Isaac, dem die Trauergäste mit merkbarer Kühle begegnen, seiner Arbeit nachkommt und durch den Sucher blickt, schlägt die Tote plötzlich ihre Augen auf. Das mysteriöse Ereignis lässt ihn nicht mehr los: Wie Orpheus scheint er nun einem Ruf aus dem Totenreich folgen zu müssen.

Oliveira verfilmt eine Fabel, die auch einem Mystery-Thriller gut anstehen würde, mit der ihm eigenen exakten Ökonomie. Er hat ein wunderbares Auge für surreale Abweichungen, die dem Film eine sanft entrückte Aura verleihen, ohne ihn völlig den Ebenen der Realität zu entheben. Auf den Weinbergen des Douro sehen die Arbeiter mit ihren Harken plötzlich wie Totengräber aus, auch ein Bettler weckt morbide Assoziationen. Nächtens lockt die Tote schließlich Isaac aus seinem Zimmer zu einem Flug über die Dächer von Régua - eine charmante Verneigung vor den illusionären Möglichkeiten des Kinos von Méliès oder Feuillade.

Das Kino, sagte Oliveira in einem Interview zum Film, sei dasselbe geblieben, das es schon bei Lumière, Méliès und Max Linder war: "Es gibt den Realismus, das Fantastische und das Komische." Ein Anker in der Gegenwart findet sich in O estranho caso de Angélica dennoch: In einer der charakteristischen Konversationsszenen des Regisseurs wird am Frühstückstisch über den seltsamen Pensionsgast spekuliert, dabei schweifen alle ein wenig vom Thema ab - und plötzlich geht es um die aktuelle Wirtschaftskrise, um den Klimawandel und Anti-Materie sowie um die "sieben Moskitos der Apokalypse". (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)

  • 1. 11., Gartenbau; 3. 11., Urania, 21.00
  • Lächelnde Tote: López de Ayala als Angélica.
    foto: viennale

    Lächelnde Tote: López de Ayala als Angélica.

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