Rothaariger Star, "so seltsam wie ein Mensch"

29. Oktober 2010, 19:04
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Porträt der Affendame: "Nénette" von Nicolas Philibert

Eine ältere Tierpflegerin macht sich Sorgen um Nénette. Viele Jahre lang war sie der Star im Pariser Jardin des Plantes, der Liebling der Zoobesucher. Nun ist die Orang-Utan-Dame vierzig Jahre alt, die jüngeren Affen stehlen ihr die Schau, es fällt ihr schwer, die Konkurrenz zu ertragen. Man hört die Pflegerin aus dem Off, zu sehen ist sie nicht. On screen ist stattdessen Nénette mit ihrem leuchtend roten Haar, während sie einen Kopf Feldsalat verspeist. Langsam, mit behäbigen Bewegungen, führt sie Blatt um Blatt an den Mund. Was ein Farbkontrast aus Grün und Rot! Das Bild ist so stark, dass die Sätze der Pflegerin daran abprallen. Alles, was die Frau sagt, scheint ihrer eigener Situation viel näher zu kommen als der des Tiers.

Nénette, der neue Film des französischen Dokumentaristen Nicolas Philibert (Être et avoir), zehrt von diesem Kontrast aus Wort und Bild. Zu sehen sind, 70 Minuten lang, die Orang-Utans, meist in ihrem Glaskäfig, manchmal im Freigehege. Zu hören sind die Affen kaum, dafür die Kommentare der Zoobesucher und der Pfleger. Junge Italiener machen keinen Hehl daraus, dass sie auf Rothaarige stehen. Ein Kind sagt über Nénette: Sie "sieht so seltsam wie ein Mensch aus".

Eine Frau erzählt eine Geschichte: Orang-Utans könnten sehr wohl sprechen, sie tun es aber nicht, damit sie nicht von den Menschen zur Arbeit gezwungen werden. Ein Freund des Regisseurs philosophiert über das Nichtstun dieser Tiere und fragt sich, was in ihren Köpfen vor sich geht. Selten sieht man, wie sich die Zoobesucher in den Scheiben spiegeln.

Der Kontrast aus Bild und Ton ist ein potenter Motor für Nénette. Hilflos sind die Versuche der Menschen, dem Tier mit ihren Sätzen näherzukommen, diesem undurchdringlichen Wesen, das doch im selben Augenblick - da hat das Kind ganz recht - einem Menschen auf so frappierende Weise ähnelt. Vielleicht verlässt sich Philibert zu sehr auf die Klarheit dieses Kontrasts, auf das Versagen der Projektion angesichts ihres Gegenstands, der allen Zuschreibungen trotzt.

Joghurt gegen Apathie

Das ändert nichts daran, dass die Bilder der Orang-Utans großes Vergnügen bereiten - etwa wenn die Kamera ausgiebig verfolgt, wie Nénette Joghurt isst, dann zwei Trinkflaschen aufschraubt, den Saft in den Joghurtbecher gießt und schließlich ausschlürft. Manchmal ist sie apathisch, eine Gefangene, deren ursprünglicher Lebensraum, der Urwald von Borneo, zerstört wird, weil sich der Raubbau an Tropenhölzern für die involvierten Unternehmen noch immer rechnet. Aber wer weiß: vielleicht ist auch der Versuch, dem Tier über den Verweis auf das umweltpolitische Drama nahezukommen, nur eine Projektion.

Einmal sind die Scheiben des Geheges beschlagen; lang blickt man auf die milchige Fläche. Allmählich tritt der Umriss eines Affen aus dem Weiß hervor, ein Orang-Utan im Nebel. (Cristina Nord, DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)

 

  • 30. 10., Gartenbaukino, 18.00
  • 31. 10., Urania, 13.30
  • Die Orang-Utans im Pariser Zoo - undurchdringliche Wesen, und doch dem 
Menschen auf frappierende Weise ähnlich. Oder ist das auch nur 
Projektion?
    foto: viennale

    Die Orang-Utans im Pariser Zoo - undurchdringliche Wesen, und doch dem Menschen auf frappierende Weise ähnlich. Oder ist das auch nur Projektion?

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