Julya Rabinowich: "Wir haben das Ministerium der Liebe"

29. Oktober 2010, 19:11
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"Migrantenliteratur" ist nicht weit von der "Kunst der Wilden" entfernt, sagt die Schriftstellerin Julya Rabinowich - Im STANDARD-Interview sprach sie über ein kulturelles Ghetto, George Orwell und die Rhetorik der Integrationsdebatte

STANDARD: Sie wehren sich gegen den Begriff der Migrantenliteratur. Haben Sie damit schlechte Erfahrungen gemacht?

Rabinowich: Ich habe nur schlechte Erfahrungen gemacht. Auch wenn diese Zuschreibung oft gut gemeint war. Ich bin auf den Begriff der Migrantenliteratur erst aufmerksam geworden, als ich zu deren Produzentin ernannt worden bin. Dieses Etikett legt sich über einen drüber, stellt einen verschleiert auf ein Podest. Es war für mich eine erneute Verfremdung.

STANDARD: In "Spaltkopf" untersuchen Sie Verdrängungen ...

Rabinowich: Der Roman handelt auch von der Fremde. Aber damit ist ja nicht nur die örtliche Fremde gemeint, sondern auch jene, die man in sich selbst trägt. Der Schauplatz ist dabei ein wechselnder: Wien, Petersburg, New York. Die Leinwand, auf die das Bild dieser Geschichte aufgetragen wurde, ist eine, mit der man natürlich auch den Begriff der Migrantenliteratur ausstatten kann. Aber dann wäre doch auch die Odyssee Migrantenliteratur.

STANDARD: Stattdessen empfinden Sie den Begriff als Abwertung?

Rabinowich: Überspitzt gesagt, landet Migrantenliteratur irgendwann bei der Kunst der Wilden. Das Exotische fasziniert uns, deshalb schauen wir als Kulturbetrieb voller Gnade auf diese Wilden herab. Das würde man aber nie mit der "richtigen, wahren" Kunst gleichsetzen. Migrantenliteratur ist die Literatur von außen, und sie wird in meinen Augen definiert als eine Literatur der ursprünglichen Mängel, nachträglich angereichert mit Kompensationen. Keine Literatur per se. Eine Überhöhung oder eine Erniedrigung aufgrund der Abstammung ist für mich gleichermaßen unsinnig.

STANDARD: Man soll hier das Werk vom Autor trennen?

Rabinowich: Es stört mich massiv, immer wieder auf meinen russischen Hintergrund zurückgeworfen zu werden. Er ist kein Merkmal meines Schreibens.

STANDARD: Kann das Etikett Migrationsliteratur nicht auch hilfreich für die Vermarktung sein?

Rabinowich: Kann. Aber nur eine Stufe weit. Dann ist es nur noch eine Bremse. Eine Tür geht auf, hundert Türen gehen zu. Ich weiß, dass die Beweggründe, diesen Begriff zu schaffen, sehr positiv gemeint waren. Aber gesellschaftspolitisch und kulturell schafft das ein künstliches Ghetto.

STANDARD: Sie beschäftigen sich intensiv mit politischer Rhetorik. Welche Merkmale hat der Integrationsdiskurs?

Rabinowich: Es entsteht langsam ein Neusprech, politisch gewollt und vom Volk zum Teil mit großer Freude aufgenommen. Man spricht von "familiengerechten" Abschiebungen von Kindern. Wir sind also bereits mitten in Orwells 1984: Wir haben das Ministerium der Liebe: das Innenministerium. Und wir haben ein Ministerium der Wahrheit, das dürfte das Justizministerium sein. Und es gibt "Kulturbereicherer", damit meint man in der rechten Szene Ausländer, die man nicht will. Und wir haben "sensible", "familiengerechte" Wega-Einsätze an Kindern - also eine Ausweitung der Kampfzone auf Achtjährige.

STANDARD: Eine verzerrte Realität?

Rabinowich: Ja - es gab auch diesen Begriff für ein Aufenthaltslager: Kompetenzzentrum: Wie kürzt man das denn ab? Ist das ein Zufall? Und welchen Wählern möchte man damit Genüge tun? Ich möchte diese Formulierungen u. a. von Maria Fekter, Josef Pröll und einiges, was im Wahlkampf ans Tageslicht kam, verarbeiten. Das schreit nach einem Theaterstück. Denn man sieht die gewaltigen Parallelen zu Orwell: dass Realitäten verborgen werden - in gegenteiligen Ausdrücken.

STANDARD: Was läuft schief in der Integrationspolitik?

Rabinowich: Es wäre einfach zu benennen: gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Pflichten. Für alle. Aber während die Pflichten sofort bei Betreten des Landes fällig werden, lassen die anderen lange auf sich warten. Das ist die große Problemsetzung. (Isabella Pohl/DER STANDARD-Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)

JULYA RABINOWICH, geb. 1970 in St. Petersburg, Schriftstellerin in Wien. Ihr Debütroman "Spaltkopf" erschien 2008, 2011 folgt "Herznovelle" bei Deuticke. Sie ist Jurorin des Exil-Literaturpreises.

  • "Mein russischer Hintergrund ist kein Merkmal meines Schreibens": Julya Rabinowich kam mit sieben nach Wien.
    foto: andrew rhinky

    "Mein russischer Hintergrund ist kein Merkmal meines Schreibens": Julya Rabinowich kam mit sieben nach Wien.

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