Sollen Muslime in Österreich Mustafa wählen, weil er Mustafa heißt?

29. Oktober 2010, 18:56
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Wenn ich als Muslim eine Dame mit Kopftuch auf einem Werbeplakat irgendeiner österreichischen Partei sehen würde, sollte bzw. müsste ich sie wählen, weil sie Muslima ist? Ein Versuch, diese Frage zu beantworten

Ich habe nichts von dieser Dame gehört, weiß nicht wie sie denkt, wo sie steht... doch die Hauptsache ist, dass sie Muslima ist und sich sicherlich um die Muslime in Österreich kümmert. Und wenn Bruder Mustafa in die Moschee kommt und um seine Vorzugsstimmen bettelt, dann fühle ich mich ebenfalls verpflichtet, ihn zu wählen. Ich weiß nicht wie er denkt, wo er steht... doch die Hauptsache ist, dass er ein Glaubensbruder ist und das sicherlich gut für den Islam in Österreich ist - So denkt ein Großteil der Muslime...

Manche glauben, dass es ein religiöses Gebot sei, solche Leute zu wählen. Man setzt voraus, dass jemand, der Muslim ist, automatisch gegen jene ist, die immer nein sagen, wenn wir z.B. eine Moschee oder ein Minarett bauen wollen. Dadurch nimmt das Spiel mit den religiösen Gefühlen jedoch kein Ende! Andere wiederum gehen überhaupt so weit, zu behaupten, dass die Beteiligung an jeglicher politischer Aktivität wie zum Beispiel am Wählen, etwas von der Religion Verbotenes sei.

Wir Zuwanderer - und dabei spreche ich von den Muslimen - müssen uns die Frage stellen, wie wir hierzulande zur Politik in Österreich stehen. Ich bin mir sicher, dass sich viele nicht einmal darüber Gedanken gemacht haben. Obwohl sich die meisten nicht ernsthaft mit der Innenpolitik Österreichs, den Zusammenhängen innerhalb der Parteien und deren Zielen auseinander setzen, kennen wir uns aber mit der Politik unserer Ursprungsländer bestens aus. Wir diskutieren, schimpfen und debattieren und dennoch hätten wir gerne einen türkischen oder arabischen Namen in der Gemeinde, im Landtag oder im Parlament. Das erfüllt uns mit Stolz. Und wenn wir Hilfe brauchen, wird uns von diesem oder dieser Abgeordneten sicher geholfen, denken manche.

Aber welche Hilfe benötigen wir denn wirklich von Mustafa oder Nurdan, die im Gemeinderat oder im Parlament sitzen? Dass sie den Begriff der Integration der Muslime tausendmal am Tag wiederholen? Dass sie bei jeder politischen Kontroverse ihren Beitrag abgeben? Dass sie eine Gemeindewohnung für den Imam eines muslimischen Vereins bereitstellen können? Dass sie die Führung der islamischen Glaubensgemeinschaft nicht kritisieren? Dass sie ...

Was kann ein muslimischer Politiker eigentlich tun? Oder gibt es überhaupt den Begriff muslimischer Politiker? Ist die Politik nicht für alle Menschen da? Unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit?

Es ist sicher eine neue Situation in der österreichischen politischen Landschaft, dass die Stimmen der Muslime, sowohl auf Kommunal- als auch auf Bundesebene, mehr Gewicht haben. Meines Erachtens stoßen Zuwanderer aber auf zu wenig Interesse seitens der Parteien und werden nur für parteipolitische Ziele benutzt, obwohl wir in diesem Punkt österreichische Staatsbürger und Mitglieder der Gesellschaft sind, so wie jeder andere Österreicher auch.

Es ist zum Beispiel falsch von den Parteien, die islamische Glaubensgemeinschaft für ihre Zwecke auszunützen und zu missbrauchen, um ein paar Wählerstimmen mehr zu bekommen, während man die Augen gegenüber gewissen Missständen dort zudrückt. Genauso steht es der Glaubensgemeinschaft nicht zu, sich in die Politik einzumischen. Der Muslim ist als mündiger Staatsbürger zu betrachten, der frei jede Partei wählen kann, die ihm/ihr zusagt, ohne Empfehlungen seitens der Glaubensgemeinschaft zu bekommen.

Es ist eine Frage der Integration der Muslime in Österreich, die man auch politisch beantworten muss. Warum kann der Muslim, wenn er begeistert und überzeugt von den Grünen ist, nicht die Grünen wählen? Wenn er überzeugt von den christlichen Demokraten ist, nicht die christlichen Demokraten wählen?

Wir Muslime benötigen sicher noch Zeit, bis wir verstehen, dass wir hier als Staatsbürger in Österreich leben und wir die Moscheen und Vereine nicht brauchen, um uns Kandidaten zu empfehlen. Genauso wie wir keine Parteien brauchen, die zum Zwecke des Wahlkampfs Moscheen aufsuchen. Es hat keinen Sinn mit den Stimmen der Muslime zu spielen, um billig Ziele zu erreichen.

Muslime sollten verstehen, dass ein Kandidat in das System einer Partei eingebunden ist und dieser nicht fähig ist, politische Entscheidungen allein zu treffen, wie z.B. den Bau einer Moschee. Dafür gibt es Rahmenbedingungen, die wir Muslime respektieren müssen.

Die Muslime in Österreich sind „bunt" und sollten auch „bunt" bleiben. Das Spektrum soll alle politischen Kräfte, die wir hier haben, reflektieren. Als Muslim müsste mich beim Werbeplakat also nicht das, was die Kandidatin auf dem Kopf hat interessieren, sondern das, was sie im Kopf hat. (Aly El Ghoubashy, derStandard.at, 29.10.2010)

ALY EL GHOUBASHY unterrichtet Bildnerische Erziehung und Werken am BORG Feldkirch. Vor kurzem gab er derStandard.at ein ausführliches Interview, nachdem er im Vorjahr als Religionslehrer für Islam gefeuert worden war.

  • Aly El Ghoubashy unterrichtet Bildnerische Erziehung und Werken am BORG Feldkirch. Vor kurzem gab er derStandard.at ein ausführliches Interview, nachdem er im Vorjahr als Religionslehrer für Islam gefeuert worden war.
    foto: privat

    Aly El Ghoubashy unterrichtet Bildnerische Erziehung und Werken am BORG Feldkirch. Vor kurzem gab er derStandard.at ein ausführliches Interview, nachdem er im Vorjahr als Religionslehrer für Islam gefeuert worden war.

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