Alphatiere mit Teamproblemen

29. Oktober 2010, 18:04
1 Posting

Teamkonflikte "ganz oben" sind nicht selten und ziehen sich meist wie eine Kaskade "nach unten" ins Unternehmen durch - Um zu echten Lösungen zu kommen, bedarf es persönlicher Reife

Wer auf der Karriereleiter rasch nach oben klettert, hat üblicherweise sehr gut gelernt, sich zu behaupten, die eigenen Interessen durchzusetzen und in Konflikten die Oberhand zu behalten. Die Spezies der Top-Manager halte sich zumeist wenig damit auf, sich um harmonische, zeitraubende Abstimmungsprozesse zu bemühen, so Marlies Buxbaum, Eigentümerin des Beraterzentrum Dorotheergasse bzd. Die Neigung zum Einzelkämpfertum sei in den oberen Etagen vorgezeichnet.

Andererseits sind Spitzenkräfte gerade großer Unternehmen gefordert, in heterogenen Vorstands- und sonstigen Gremien zusammenzuarbeiten und im Kollektiv Entscheidungen von größter Tragweite zu treffen. Wenn zusätzlich Sprach- oder Kulturbarrieren in einem interkulturell besetzten Top-Management-Team zu überwinden sind, entstehen häufig Missverständnisse und Fehleinschätzungen, die die Zusammenarbeit und das Entstehen einer guten "persönlichen Chemie" besonders erschweren.

Blockade

Mit diesen Rahmenbedingungen sei das bzd bei seinen Top-Team-Coachings für Großunternehmen häufig konfrontiert. "Wir erleben in der Praxis, dass die tatsächliche Kooperationsfähigkeit des Top-Management-Teams maßgebliche Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeiter, die Qualität von Entscheidungen und folglich auf die wirtschaftliche Performance und die Wettbewerbsfähigkeit einer Firma hat", so Buxbaum. Mitunter würden Organisationen durch Teamkonflikte "ganz oben" stark blockiert, manchmal fast handlungsunfähig: "Typische Anzeichen sind Sitzungen solcher Topgremien, in denen - hinter der Fassade der mühsamen, formellen Höflichkeit - die angespannte Situation deutlich spürbar ist", erklärt Eva Pinter vom bzd. "Die Manager scheinen sich gegenseitig zu belauern, eine offene Diskussion findet nicht mehr statt. Diese Meetings sind eine Mischung aus echten und scheinbaren Sachargumenten, versteckter Kritik und vorbeugender Selbstverteidigung. Mitunter eskalieren diese unterschwelligen Konflikte dann am Beispiel völliger Nebensächlichkeiten wie etwa der Beschriftung der Firmenparkplätze. Ein solches Management wird dann zum Flaschenhals für das gesamt Unternehmen."

Reviergrenzen

Ein Ausweg, den manche Management Teams dann notgedrungen und unbewusst wählen, liege im stillschweigenden Abstecken von gegenseitigen Reviergrenzen: Entscheidungs-vorlagen oder Sachbeiträge anderer Vorstandskollegen würden akzeptiert und "abgenickt", der sachliche Diskurs werde ausgeklammert und wichtige Diskussionen finden nicht mehr statt.

"Wir erleben häufig, dass Top-Manager bezüglich ihres eigenen Teamverhaltens und dessen Ausstrahlung auf ihre MitarbeiterInnen blinde Flecken haben. Ihr Vorbild breitet sich aber in Kaskaden nach unten auf die nächste und übernächste Führungsebene bis an die Basis aus. Gleichzeitig erhalten Vorstände und Geschäftsführer wenig bis gar kein ehrliches Feedback", so Buxbaum. Meist sei hoher Leidensdruck nötig, um an einer grundlegenden Veränderung durch einen moderierten Teamentwicklungsprozess interessiert zu sein.

Dieser Schritt setze eine hohe persönliche Reife aller Beteiligten voraus sowie die gemeinsame Bereitschaft zur Reflexion über die eigene Person und kritischer Auseinandersetzung untereinander. Solche Teamcoachings erfordern daher eine sehr sensible Begleitung und ein hohes Maß an Verständnis für die Steuerungssysteme des Unternehmens seitens der Berater. Buxbaum: "In der Praxis erheben wir in Einzelinterviews den Ist-und Soll-Zustand und spiegeln ihnen die Ergebnisse in einem ersten Reflexionsworkshop anonym zurück." Dies sei fast immer ein Moment positiver emotionaler Betroffenheit ("Sind wir wirklich so?"), an den in weiterführenden Maßnahmen wie z. B. Workshops angeknüpft werden kann. "Am direktesten wird der Erfolg eines solchen Prozesses erlebt, wenn in der täglichen Arbeit im Top-Management-Team kontroversielle Diskussionen zielführend ausgetragen werden, um Entscheidungen im positiven Sinne hart ,gerungen' wird und dabei der Humor nicht zu kurz kommt", resümiert Eva Pinter. "Dann hat das Team latente Ängste und schwelende Konflikte sehr erfolgreich bearbeitet." (kbau, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010))

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Stillschweigendes Abstecken von gegenseitigen Reviergrenzen gibt es nicht nur im Tierreich

Share if you care.