Ich geh in den Dienst - "ein Horror"

29. Oktober 2010, 17:39
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Er könne nicht handeln und managen - Und: Wer vom Notenblatt runterlesen kann, sei noch lange kein Musiker, sagt Harri Stojka - Wie das Ehepaar Stojka Beruf und Privatleben verbindet

STANDARD: Herr Stojka, Ihr Vater hat Ihnen als sechsjährigem Bub eine Plastikgitarre geschenkt und wohl nicht geahnt, dass er die Berufswahl seines Sohnes besiegelt.

Harri Stojka: Sicherlich nicht. Er wollte, dass ich Teppichhändler werde wie er. Aber ich kann nicht handeln. Als er sah, dass ich beim Feilschen eine Niete war, sagte er: Mach doch lieber Musik.

STANDARD: Anfänglich war er auch Ihr Manager?

Harri Stojka: Ja, aber das ist nicht gut gegangen. Wir haben uns immer wieder gestritten, weil er zu wenig Geld für meine Auftritte verlangt hat. Letztlich habe ich mich geschäftlich von ihm getrennt. Das hat ihn sehr gekränkt. Trotzdem war es gut so.

STANDARD: Gerade haben Sie gesagt, Sie können nicht verhandeln?

Harri Stojka: Stimmt. Das habe ich auch nie getan. Wenn mich ein Konzertveranstalter angerufen hat, habe ich einen Betrag genannt, für den ich zu spielen bereit war. Wenn mein Vorschlag akzeptiert wurde, habe ich gespielt, wenn nicht, nicht.

STANDARD: Als Sie Ihre Frau kennengelernt haben, war es für Sie selbstverständlich, dass sie Ihr Management übernimmt?

Harri Stojka: Das war in wenigen Sekunden geklärt. Mich hat wieder jemand wegen eines Auftritts angerufen und wollte diskutieren. Ich aber nicht, und da habe ich einfach Valerie den Hörer in die Hand gedrückt und gesagt: Mach du das jetzt. Seitdem ist sie für die gesamte Organisation zuständig. Sie macht alles, und das perfekt. Für mich ist das ideal, weil ich mich voll auf meine Musik konzentrieren kann. Was ich mache, ist, auf die Bühne zu gehen und Gitarre zu spielen.

STANDARD: Und Ihnen hat es nie etwas ausgemacht, "nur" für Ihren Mann zu arbeiten und nicht eine eigene Karriere zu verfolgen?

Valerie Stojka: Nein. Wenn man einen Menschen liebt und das liebt, was er tut, ist man doch gerne für ihn da. In Zeiten, in denen es bei Harri nicht so gut gelaufen ist, habe ich andere Jobs gemacht, aber das hat letztlich in einer Doppelbelastung geendet, die mir zu viel geworden ist.

Harri Stojka: Und mir auch. Alles war chaotisch, wenn Valerie nicht bei uns war. Ich habe mich bei Tourneen auf einmal um so viel kümmern müssen, zum Beispiel, den Musikern die Gage ausbezahlen. Ich war völlig überfordert.

STANDARD: Als Sie Anfang der 90er Hardrock gespielt haben, waren Sie nicht so gefragt. Der Aufschwung kam erst, als Sie sich auf Gipsy-Musik konzentrierten. Wie kam es dazu?

Harri Stojka: Meine Frau hat gesagt, ich soll mit dem Rock aufhören und soll lieber Roma-Musik machen. Anfänglich ist mir der Abschied vom Rock schwergefallen, weil das auch sehr meine Musik ist. Aber Valerie hat recht gehabt, wie sie immer recht hat. Heute bin ich sehr glücklich mit der Musik, die ich spiele, und die Leute hören sie irrsinnig gerne.

Valerie Stojka: Harri hat immer schon Gipsy-Lieder gespielt, die er von seinem Vater gelernt hat. Die waren wunderschön. Wer bitte soll diese Musik machen, wenn nicht Harri, der selbst Roma ist?

STANDARD: Ihr Mann übt mehrere Stunden am Tag, haben Sie nicht auch einmal genug von der Musik?

Valerie Stojka: Harri übt ja nicht Tonleitern rauf und runter, sondern er macht immer Musik, und die ist nie gleich, weil er bei jedem Stück improvisiert - zu Hause wie beim Konzert.

Harri Stojka: Wer nicht improvisieren kann, ist in meinen Augen kein Musiker. Vom Notenblatt etwas runterlesen, das kann ja jeder, deshalb ist man noch lange kein Musiker.

STANDARD: Orchestermusiker spielen meist vom Blatt, was sind die ?

Harri Stojka: Eher Bedienstete. Aber natürlich, solche Leute sind schon auch wichtig, sonst könnten keine orchestralen Werke aufgeführt werden. Aber viele von diesen "Musikern" sagen nicht: Ich geh heute Abend Musik machen, sondern: Ich geh jetzt in den Dienst. Das ist doch ein Horror!

STANDARD: Heute bekommen Sie sehr viele Angebote. Sind Sie wählerisch mit den Zusagen?

Valerie Stojka: Wir hecheln nicht jedem Geschäft hinterher. Es müssen Projekte sein, die zu uns passen. Derzeit ist das Problem eher, dass wir dauernd gebeten werden, bei Benefizkonzerten zu spielen. Und so schwer es uns fällt, wir können nicht überall mitmachen, das geht auch aus finanziellen Gründen nicht.

STANDARD: Können Sie von der Musik so leben, wie Sie sich das vorstellen?

Valerie Stojka: Ja, sicher, heute schon. Es geht uns gut. Wir spielen zwischen 100 und 150 Konzerte im Jahr. Wir sind zufrieden. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)

HARRI STOJKA (53) entstammt der Lovara-Roma-Dynastie, wurde in den 70er- Jahren (Harri Stojka Express) bekannt, auch als Jazzmusiker ausgezeichnet.

  • Musiker und Managerin, Lebensorganisatorin. Ehefrau Valerie 
Stojka "macht alles und das perfekt - ich gehe auf die Bühne und spiele 
Gitarre".
    foto: stojka

    Musiker und Managerin, Lebensorganisatorin. Ehefrau Valerie Stojka "macht alles und das perfekt - ich gehe auf die Bühne und spiele Gitarre".

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