Ein undurchsichtiger Tagedieb auf nächtlichen Fluchten

29. Oktober 2010, 18:15
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"Hitparkut" beschreibt ein irrlichterndes Delirium

Hitparkut/Dissolution ist der jüngste Spielfilm von Nina Menkes, einer unabhängigen US-Filmemacherin jüdischer Herkunft, die seit den 1980er-Jahren raue, fast immer schwarz-weiße Filme über weibliche Identitätssuche dreht. Hitparkut unterscheidet sich nun markant von ihren bisherigen Arbeiten - die 2007 bei der Viennale zu sehen waren -, weil hier erstmals ein männlicher Protagonist im Zentrum steht.

Die fragmentarische Handlung, die sich um den vom Co-Autor und Co-Cutter Didi Fire verkörperten jungen Mann entspinnt, basiert lose auf Dostojewskis Verbrechen und Strafe. Es gibt aber auch ein Naheverhältnis zu früheren Menkes-Figuren - zu deren somnambulem Driften, der physischen Ausgesetztheit, der Erfahrungswelt, die durchlässig für (Tag-)Träume war, voller Zeichen mit symbolischem Mehrwert.

Das Bilderuniversum, das Menkes dafür entwickelt hat, ist recht klar und aufgeräumt, es gibt keine großen Effekte, keine aufreibende Bedeutsamkeit. Vielmehr nimmt die Kamera (die Menkes selbst führt) im Verhältnis zur äußeren Wirklichkeit oft einfach Perspektiven ein, welche gewöhnlichen Räumen oder Handlungen eine surreale Note geben: eine Treppe zur Wohnung, die so steil wirkt, als würde sie stürzen. Mitunter schmiegt sich die Kamera auch an das Straucheln des Protagonisten an, sodass dessen Getriebenheit quasi bildfüllend wird und sich ins Außen überträgt. Auch Zooms, nachjustierte Blicke auf Personen tragen zu dieser Wirkung bei.

Der Schauplatz der einsamen nächtlichen Ausflüge, die oft in halbleeren Bars enden oder in wilder Flucht vor hartnäckigen Verfolgern, ist ein arabisches Viertel von Tel Aviv, wo sich der Protagonist, ein jüdischer Israeli, niedergelassen hat. Gleich zu Beginn haben wir ihn als einen Tagedieb kennengelernt, der beim Fleischer um das billigste Stück feilscht, bei einer Pfandleiherin Schmuckstücke einsetzt und seiner Vermieterin das Geld für sein Zimmer schuldet. Der Mord, den er bald darauf begeht, bleibt so beiläufig und scheinbar unmotiviert wie der Großteil seiner Handlungen. Aber erzählt werden solche Dinge im Kino der Nina Menkes auf ganz spezifische, höchst eindringliche Weise. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)

 

  • 31. 10., Stadtkino, 20.30
  • 2. 11., Urania, 11.00
  • Zustand der Auflösung: Didi Fire in "Hitparkut".
    foto: viennale

    Zustand der Auflösung: Didi Fire in "Hitparkut".

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