Ganz nahe am Stillstand

29. Oktober 2010, 18:15
posten

Li Hongqis "Han Jia" beschreibt die Hoffnungslosigkeit chinesischen Jugendlicher mit trockenem Humor: Unbewegte Einstellungen vom Rückstand in der Provinz

Dem kleinen Jungen steht es bis obenhin. Er hat es satt, an einem Ende der Couch zu sitzen, um von seinem Vater brüsk gemaßregelt zu werden ("Sei still, oder du kriegst eine auf den Hintern!"). Und er will auch nicht so enden wie die ein wenig älteren Jugendlichen, die sich an den immergleichen Ecken des Dorfes treffen, um die immergleichen Gespräche zu führen (oder lieber gleich zu schweigen). Seine Antwort auf die Frage seiner Cousine, was er den einmal werden wolle, drückt seine Verfassung wohl am besten aus: "Ein Waise."

Schon an dieser Episode aus Li Hongqis Winter Vacation (Han Jia), für den der Regisseur dieses Jahr in Locarno den Goldenen Leoparden erhielt, wird die stoische Komik deutlich, mit welcher der Film der Erstarrung und dem Perspektivenmangel in den abgelegenen Provinzen Chinas begegnet. Ein galliger Humor, mit dem man das chinesische Kino bisher kaum in Verbindung brachte und der vielleicht auch davon erzählt, wie emblematisch diese Geschichten für ein bestimmtes Arthouse-Kinosegment bereits geworden sind. Nun bleibt gewissermaßen nur noch eine bittere Kenntnisnahme durch Lachen.

Li Hongqi arbeitet auch in seinem dritten Spielfilm mit rigide komponierten Einstellungen, die sich allmählich zu einem sozialen Panorama formieren. Der marktwirtschaftliche Aufschwung des östlichen Riesen ist in der Peripherie kaum zu bemerken. Den Protagonisten - eine eher überschaubare Menge hauptsächlich missmutiger Jugendlicher - sagen die politischen Einstellungen, die man ihnen in der Schule oder im Elternhaus einzutrichtern versucht hat, längst nichts mehr.

In den Ferien drückt sich der Frust und die Langeweile aufgrund fehlender Vergnügungsangebote in der Monotonie repetitiver Sequenzen aus. Einander ähnelnde Verhaltensmuster gefrieren zum Gestus einer unbewegten Gesellschaft. Li Hongqi verlangsamt das Geschehen bis nahe zum Stillstand und gewinnt genau daraus eine Deadpan-Komik - vergleichen lässt sich das am ehesten mit westlichen Regisseuren wie Jim Jarmusch oder Aki Kaurismäki, wenngleich es noch minimalistischer vonstatten geht.

Und selbst wenn es Winter Vacation mit seiner Totalverweigerung von Gegenmaßnahmen ein wenig zu weit treibt - so will er wohl nur auf einen Gegenschlag hinaus, der noch nicht Teil des Films ist: auf den Punk, der sich als Reaktion auf den Groll erst formieren muss. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)

 

  • 1. 11., Stadtkino, 13.00
  • 2. 11., Gartenbau, 13.00
  • Nicht viel los im Heimatdorf: desillusionierte Jugendliche aus Li
 Hongqis preisgekröntem Spielfilm "Winter Vacation".
    foto: viennale

    Nicht viel los im Heimatdorf: desillusionierte Jugendliche aus Li Hongqis preisgekröntem Spielfilm "Winter Vacation".

Share if you care.