OpenOffice.org-Spaltung: "Es ist falsch Oracle die Schuld zu geben"

16. November 2010, 14:23
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LibreOffice-Entwickler Michael Meeks über Beweggründe und Auswirkungen hinter dem Fork

OpenOffice.org ist nicht nur eines der größten - und erfolgreichsten - Open-Source-Projekte, in den letzten Jahren hat es sich auch zu einem der umstrittensten entwickelt. Praktisch seit Sun die Hamburger StarDivision übernommen und in Folge im Jahr 2000 die StarOffice-Basis zu einem Open-Source-Unterfangen gemacht hat, fordern externe EntwicklerInnen eine weitere Öffnung des Projekts. Vor allem das Copyright-Assignment, das Sun eine exklusive, kommerzielle Weiterverwertung erlaubt, wurde dabei regelmäßig kritisiert, aber auch das Fehlen jeglicher wirklich offener Strukturen hinter dem Projekt wird immer wieder bemängelt. Zwar hatte Sun über die Jahre mehrmals die Schaffung einer unabhängigen Stiftung in Aussicht gestellt, zehn Jahre später ist diese aber immer noch nicht in Sicht.

Verschärft haben sich diese Konflikte dann durch das zunehmend stärker werdenden Interesse anderer Softwarehersteller an OpenOffice.org, so stellt etwa Novell ein eigenes Entwicklungs-Team für die freie Office-Suite. Dies allerdings immer unter dem Aspekt für jedes neue Feature auf den "Goodwill" von Oracle angewiesen zu sein - was auch bei größeren Features schon mal in ein "Nein" zur Aufnahme resultierte. Ein Umstand, der schon vor einigen Jahren zur Gründung des Go-oo-Projekts geführt hatte, in dem seitdem eine umfangreiche Patch-Sammlung gepflegt wird, und das vor allem im Linux-Umfeld breit genutzt wird.

Abspaltung

Vor einigen Monaten folgte dann die Übernahme Suns durch Oracle und die Hoffnung auf eine Besserung der Situation, wie Novells OpenOffice.org-Chef-Entwickler Michael Meeks im Interview bekennt. Eine Hoffnung, die allerdings rasch zerschlagen wurde, und vor wenigen Wochen einen auch im Open-Soure-Umfeld relativ seltenen Vorgang zur Folge hatte: Praktisch die gesamte Community rund um die freie Office-Suite verabschiedete sich mit einem Schlag und organisiert sich seitdem im LibreOffice-Projekt neu, um eine eigene Variante der Software voranzutreiben. Oracle hat man dabei demonstrativ zur Mitarbeit aufgefordert, allerdings unter gleichberechtigten Vorzeichen, wie man betont. Wenig überraschend hat der Softwarehersteller dieses Angebot mittlerweile ausgeschlagen und will sich weiter auf das eigene OpenOffice.org konzentrieren.

Im Gespräch mit Andreas Proschofsky erzählt Meeks über die Hintergründe und Beweggründe für den "Fork", plaudert über die Erfahrungen der ersten Wochen des LibreOffice-Projekts und gibt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung. Das Interview entstand im Rahmen der vor kurzem in Nürnberg abgehaltenen openSUSE-Konferenz.

Das folgende Interview gibt es auch wieder im englischsprachigen Original.

derStandard.at: Die Konflikte rund um OpenOffice.org dauern bereits einige Jahre an. Warum kommt ausgerechnet jetzt die Abspaltung?

Michael Meeks: Zuerst möchte ich mal betonen: Viele machen dafür Oracle verantwortlich und das ist schlicht unfair. Die Entscheidungen werden weiterhin in der alten StarDivision in Hamburg getroffen. Und wenn man die gemeinsame Geschichte von StarDivision und OpenOffice.org von Tag 1 aus betrachtet - wo ja bereits eine unabhängige Stiftung versprochen wurde - dann haben wir ewig darauf gewartet, dass das passiert, und die Frustration ist immer weiter gewachsen. Es war immer so ein "Wir werden die Stiftung in einem Jahr machen", aber es ist nie etwas passiert.

Auch schwirrten immer diese Ideen herum, dass man - um die Stiftung wirklich unabhängig machen zu können - diesen riesigen Haufen Geld und diese unglaublich komplizierte Organisation haben müsste, mit der man dann hunderte Entwickler bezahlen könnte. Und dieses Modell macht schlicht keinen Sinn - es ist nicht gut für die beteiligten Firmen, und für das Projekt selbst ist es sowieso nicht gut so eine monolithische Einheit zu haben, die sich um alles kümmert. Aber diese Argumente haben die Diskussion immer vorbestimmt, und das Thema immer schnell vom Tisch gefegt, wenn es wieder einmal aufgekommen ist.

Und dann gab es halt diese große Hoffnung in den Kauf von Sun durch Oracle, immerhin hatte sich Oracle in der Vergangenheit durchaus gut in vielen verschiedenen Open-Source-Projekten eingebracht, etwa bei Apache oder dem Linux Kernel. Aber diese Erwartungen haben sich leider - bis jetzt - nicht bewahrheitet. Bisher lassen sie OpenOffice.org mehr oder weniger völlig unangetastet - und das ist in diesem Fall leider nicht das Beste.

derStandard.at: Es gab also jetzt keine konkrete Handlung von Oracle, die die Abspaltung ausgelöst hat?

Michael Meeks: Nein, überhaupt nicht. Und ich bin auch weiterhin optimistisch, Das Angebot, das wir Oracle gemacht haben (zur Mitarbeit bei LibreOffice, Anm.) war durchaus aufrichtig. Es wäre großartig, wenn sie sich beteiligen würden - allerdings gleichberechtigt. All das ist kein Versuch sie anzugreifen. Und der Erfolg, den wir jetzt schon haben, gibt uns ja recht, das sollte eigentlich jedem wirtschaftlich denkenden Unternehmen klar machen, dass dies der richtige Weg ist. Wir versuchen eben nicht Oracles Geschäft zu stören, wir wollen nur das Projekt wachsen lassen.

derStandard.at: Was diese ersten Erfolge betrifft: Wie lassen sich die festmachen?

Michael Meeks: Es sind gerade mal drei Wochen, seit wir begonnen haben, und es sind bereits zahlreiche neue Entwickler auf unserer Mailing-Liste aufgetaucht, Leute von denen wir zum Teil noch nie etwas gehört hatten. Momentan sind es ungefähr 60 Leute, die sich zusätzlich eingebracht haben, zwei bis drei neue jeden Tag - und das ist einfach fantastisch. Dazu kommen dann noch 15 Novell-Angestellte, zwei Red-Hat-Leute, die Debian-Entwickler und so weiter - eben all jene, die schon seit Jahren an OpenOffice.org gearbeitet haben.

derStandard.at: Von diesen neuen EntwicklerInnen: Wie viele davon schreiben Code, wie viele machen Übersetzungen?

Michael Meeks: Es sind ein paar Übersetzer mit dabei, aber der Großteil bringt sich mit Code ein.

Ich denke der Grund für diesen Erfolg ist: Wir brauchen kein Copyright-Assignment für externe Beiträge und wir haben das Projekt herstellerunabhängig gemacht. Und das spricht viele Leute an - was ja eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist. Da sind oft Leute dabei, die früher große Hoffnungen in OpenOffice.org hatten, und deren Code dann irgendwo in einer dunklen Ecke der Fehlerdatenbank vergammelt ist, der in Bürokratie und Probleme hängen geblieben ist. Mit LibreOffice ist das alles jetzt wesentlich einfacher.

Wir haben in dieser kurzen Zeit Patches mit rund 2,2 Millionen Zeilen an Änderungen integriert. Klar - das meiste davon sind keine wirklich substantiellen Modifkationen, vieles sind einfach Aufräumarbeiten, etwa deutschsprachige Kommentare zu entfernen, die seit Ewigkeiten herumliegen. Oder auch das Entfernen von nicht genutzten Code-Teilen oder doppelt vorhandenen Bibliotheken. Aber wenn nur 10 Prozent von diesen Leuten dann in Folge an anderen Dingen zu arbeiten beginnen - dann wäre das großartig.

derStandard.at: In der ersten Ankündigung von LibreOffice war man sehr darauf bedacht, das Wort "Fork" nicht zu erwähnen. Gehe ich recht in der Annahme, dass mit der Ablehnung der Zusammenarbeit durch Oracle diese Frage erledigt ist, und LibreOffice somit ein "echter" Fork ist?

Michael Meeks: Simon Phipps (Suns ehemaliger Open Source Chef, Anm.) hat die Situation ganz gut zusammengefasst: Wenn die Community sich weiterentwickelt und das Unternehmen still steht - wer hat dann die Spaltung vorgenommen?

Allgemein sollten wir aber auch nicht vergessen, dass es noch immer viel Austausch gibt, dass wir weierhin viel Code von Oracle übernehmen.

derStandard.at: Mit der Weiterentwicklung der Projekte ist allerdings auch davon auszugehen, dass sich die Code-Basen von OpenOffice.org und LibreOffice immer weiter von einander entfernen, was die Rückportierung von Oracle-Code in LibreOffice erheblich schwerer machen wird. Wie will man mit diesem Problem in der Zukunft umgehen?

Michael Meeks: Da ist natürlich etwas Wahres daran, aber bisher ist das einfach noch kein Problem. Und in einem Jahr werden wir dann so weit sein, dass wir selbst genügend Entwickler haben, so dass das kein Problem darstellt - davon bin ich überzeugt.

derStandard.at: Heißt das also: Getrennte Wege in der Zukunft?

Michael Meeks: Das habe ich nicht gesagt. Aber wenn man sich die jetzige Situation ansieht, dann gehen wir ja schon jetzt zum Teil getrennte Wege. Wenn man etwa die GStreamer-Integration (für bessere Audio/Video-Unterstützung, Anm-) hernimmt, wo Oracle den Novell-Code vollständig neu geschrieben hat anstatt es zu übernehmen.

derStandard.at: Bisher steht OpenOffice.org - und damit auch LibreOffice unter der LGPL-v3, will man daran etwas ändern?

Michael Meeks: Ein Lizenwechsel ist leider ziemlich schwierig. "Leider", weil es hier tatsächlich ein paar Probleme gibt. Jetzt steht der Code unter der LGPL v3, die Free Software Foundation empfiehlt aber die LGPL v3+ (die auch noch kommende Versionen der Lizenz abdeckt, Anm.). Also werden wir für neuen Code die LGPL-v3+ verwenden, zusätzlich aber auch noch die Mozilla Public License anbieten - das ist dann sehr ähnlich wie das Firefox / Mozilla-Modell.

derStandard.at: Was soll künftig mit OpenOffice.org-Erweiterungen passieren?

Michael Meeks: Hier gibt es eine Reihe von Problemen. Wenn wir mit OpenOffice.org-Erweiterungen kompatibel bleiben wollen, dürfen wir die Programmierschnittstellen nicht anpassen, und das ist etwas das mir nicht sonderlich gefällt.

Wenig Sinn macht es auch Kernfunktionen in Erweiterungen auszulagern, wie es jetzt immer wieder der Fall ist, etwa beim "Presentation Viewer". Wenn man sich die Statistiken ansieht, dann ist es so, dass Erweiterungen - im Vergleich zum Hauptprogramm - kaum je heruntergeladen werden, insofern erscheint es mir absurd, ein Feature, das für sehr viele Leute nützlich ist, geradezu zu verstecken. So etwas sollte einfach im Hauptprogramm sein - und genau so werden wir es auch künftig halten.

derStandard.at: Momentan benutzt LibreOffice mit VCL ein eigenes Toolkit (zum Erstellen der Oberfläche, Anm.), soll das künftig geändert werden?

Michael Meeks: Es gibt noch viele Dinge, die man innerhalb dieses Toolkits verbessern kann, etwa die Layout-Möglichkeiten. Insofern glaub ich, dass VCL durchaus seine Bestimmung hat. Ich denke, dass wir einiges am Look verbessern müssen, aber ein Toolkit-Wechsel würde momentan keinen Sinn machen.

derStandard.at: Soll die Abhängigkeit von Java beibehalten werden? Immerhin ist das eine recht "große" Voraussetzung und von der Office-Suite selbst sind ja nur wenige Teile in Java entwickelt.

Michael Meeks: Nun, es gibt einig gute Sachen an Java, es ist eine plattformübergreifende Lösung, mit der man wirklich viele interessante Sachen machen kann. Andererseits führt es zu Problemen beim Kompilieren, es wird größer und definitiv auch langsamer. Insofern: Ich weiß es einfach noch nicht.

derStandard.at: Wann wird es die erste stabile Ausgabe von LibreOffice geben?

Michael Meeks: Innerhalb der nächsten Wochen. Das hängt wirklich von der Code-Qualität ab und davon, was unsere Leute beim Testen für Erfahrungen machen.

derStandard.at: Ich nehme mal an, dass sich LibreOffice nicht ewig an den OpenOffice.org Release-Zyklus "anhängen" wird. Haben Sie darüber nachgedacht einen fixen Zyklus zu etablieren?

Michael Meeks: Nun, ich denke es spricht viel für einen fixen und berechenbaren Release-Zyklus. Zumindest für die großen Versionsupdates macht es Sinn zu einem gewissen Zeitpunkt dazu gezwungen zu werden, die Arbeiten an neuen Features einzustellen und sich nur auf die Fehlerbereinigung zu konzentrieren. Theoretisch gibt es ja auch bei Openoffice.org bereits einen sechsmonatigen Rhythmus, dieser wird aber immer wieder hinausgezögert - insofern müssen wir da "noch fixer" sein.

derStandard.at: Warum sollte jemand, der bisher OpenOffice.org einsetzt, jetzt auf LibreOffice wechseln?

Michael Meeks: Ich denke, wenn man bisher OpenOffice.org eingesetzt hat, ist dies ein logischer Schritt - zu mehr Funktionalität, zu mehr Freiheit.

derStandard.at: Wir danken für das Interview.

(Andreas Proschofsky, derStandard.at, 16.11.10)

  • Die Statistik der Code-Beiträge in den ersten Wochen nach dem Start von LibreOffice, wie immer wichtig im Kontext zu betrachten.
    grafik: libreoffice

    Die Statistik der Code-Beiträge in den ersten Wochen nach dem Start von LibreOffice, wie immer wichtig im Kontext zu betrachten.

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