Wickie, Slime & Paiper für harte Hunde

29. Oktober 2010, 18:40
9 Postings

Neun Kurzgeschichten erzählen vom wilden Leben von früher - und bringen die eigene Erinnerungsmaschine in Gang. Hurra!

Ehrlich, das vorliegende Bändchen könnte eigentlich auch "Aufwärts" heißen. Warum? Weil vieles im Leben eben eine Frage der Perspektive ist. Und die Protagonisten oder besser gesagt die Beschreiber der Protagonisten dieser neun durchaus lesenswerten kurzen Kurzgeschichten haben alle nicht nur einen Weg, sondern sicherlich eine Art Aufstieg hinter sich - und sei es nur in das mühsame Hochplateau des Erwachsenseins. Da gibt es etwa den Aufstieg der Punk-Frau (Knecht) zur Parademutter mit Vorzeigekarriere, die nebenbei auch noch handgemachte Ravioli und einen gerade frisch geschriebenen Roman auf die Reihe bekommt. Oder Thomas Glavinic, der vom bierschweren Nachtschwärmer zum umschwärmten Erfolgsautor mutiert ist und mittlerweile so viele Bücher verkauft, dass man langsam das Gefühl bekommt, dass er eigentlich schon aufhören könnte. Umso schöner, dass er den Sammelband am Ende mit einer (nicht erfundenen!) Liste seiner Geschenke zum 30. Geburtstag, sprich dem Ende der Jugend, beehrt hat. Das alles müsste man natürlich bei der Lektüre von Abwärts über dessen Autoren nicht wissen, aber die acht Schreiber, die die Wiener Journalistin Ela Angerer um sich versammelt hat, sind in einschlägigen Kreisen bekannt wie die bunten Hunde.

Nasenlängen und Gitarrenriffs

Wenn man sich diese Geschichten über das Leben, wenn man, so der Umschlagtext, "im untersten Kellergeschoß mit dem Gesicht nach unten landet", so reinzieht, abends auf dem Sofa, nachdem man, sagen wir, eher langweiligen, biederen Gedanken nachgehangen ist (Warum hat das Kind keinen Einser auf die Deutsch-Schularbeit? Warum ist die Autoversicherung so teuer? Soll ich die Arco-Bogenlampe, die wirklich schon jeder hat, verkaufen oder nicht?), dann hat das schon was.

Dieser Bodensatz an Lebenserfahrungen (diejenigen vor dem 30. Geburtstag) ergibt sich aus folgender Mischung: Angerer, Hager, Schachinger und Co erzählen a) von früher, b) wilde Geschichten von früher, c) wilde Geschichten von früher aus New York - und d) in diesen Geschichten geht es viel um Drogen (auch ein bisschen um Sex und Rock 'n' Roll). Die neun schaffen damit so etwas wie ein kollektives Gedächtnis der grob 1960 bis 1975 Geborenen, eine Art "Wickie, Slime & Paiper" für die harten Hunde, für alle, die Florian Illies und seiner Generation Golf schon immer ein paar Nasenlängen und Gitarrenriffs voraus waren. So wild wie in Abwärts war das eigene Leben natürlich nie, aber da und dort könnte man auch mitreden, kommt die Erinnerungsmaschine in Gang, vielleicht nicht bei den ganz harten Sachen, aber man hat auch WGs, Nächte in New York und rebellierenden Gleichgewichtssinn erlebt. Wie schreibt die Knecht so schön: "Man liegt stoned auf einer feuchten Wiese und weiß, man sollte jetzt aufstehen, aber man kann nicht." Wenn man das nicht mitschreiben durfte, dann bitte zumindest lesen! (Mia Eidlhuber, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)


  • Ela Angerer (Hg.), "Abwärts". € 9,90 / 125 Seiten. 
Czernin-Verlag, Wien 
2010
    foto: czernin-verlag

    Ela Angerer (Hg.), "Abwärts". € 9,90 / 125 Seiten. Czernin-Verlag, Wien 2010

Share if you care.