Der Sykophant als Feind der Raucher

29. Oktober 2010, 18:34
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Leben wir in einer "Rauchverfolgungsgesellschaft"? Diese Frage wurde von prominenten Rauchern im Café Hegelhof diskutiert

Anlässlich der Buchpräsentation von "Der Krieg gegen die Raucher" von Walter Wippersberg - siehe auch derStandard.at-Interview mit dem Autor - wurde in das Café Hegelhof zu einer Podiumsdiskussion mit dem plakativen Titel "Die Rauchverbotsgesellschaft" geladen. Als Diskutanten nahmen neben Wippersberg noch Rudolf Burger, ehemals Rektor der Universität für Angewandte Kunst, Peter Kampits, Dekan der Wiener Fakultät für Philosophie, und Manfred Ainedter, Rechtsanwalt und Sprecher der Plattform Rauchfrei(heit)!, teil.

Moderiert wurde die Diskussion vom Publizisten Peter Huemer, der eine besondere Stellung an diesem Abend einnahm. Im Gegensatz zu den vier anderen am Podium, die allesamt Raucher sind, hat Huemer vor vier Wochen dem Glimmstengel abgeschworen. "Weil es einfach meinem Kopf nicht gut getan hat", erklärte der ehemalige Club2-Leiter. "Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr geraucht, aber hatte in letzter Zeit ständig Kopfschmerzen - das ist seither weg." Allerdings zeigte Huemer für die Diskutanten weiterhin viel Verständnis.

Nikotin-Taliban und Verlust der Toleranz

Generell gesagt war der Abend quasi ein Schulterschluss von Rauchern, die seit Jahrzehnten ihrem Laster frönen und sich halt nicht gerne von oben sagen lassen, was jetzt erlaubt und verboten ist. Nach einer Einleitung von Walter Wippersberg, der aus seinem Buch das Kapitel über die Raucherverfolgung seit 500 Jahren vorlas, begann Manfred Ainedter davon zu sprechen, dass man sich als Raucher heute vorkomme wie ein "Prolet" oder "Untermensch" - und das habe auch damit zu tun, dass sich Raucher von "Nikotin-Taliban" bedroht fühlen müssten. Conclusio: "Wenn Rauchen so schädlich ist, muss man Tabak verbieten - nur bringen wir dem Staat 1,8 Milliarden Euro an Einnahmen im Jahr."

Peter Kampits wies in seinen Ausführungen auf drei gesellschaftliche Grundprobleme hin, die sich in der momentanen (Nicht-)Raucherdiskussion widerspiegeln würden: "Erstens lassen wir uns viel zu viel von den Behörden bieten, zweitens leidet die Gesellschaft an einem Verlust der Toleranz und drittens herrscht ein völlig fragloses Übernehmen von Meinungen aus den USA." Zudem beklagte er, dass Proteste, wie die aktuellen Studentendemonstrationen, nur eine milde Form des Widerstand bedeuten würden - "eine sehr milde".

Keine Erwachsenen, nur Sykophanten

Für Rudolf Burger wiederum stellt Rauchen einen Ausdruck der bürgerlichen Freiheit dar, weil es durch die Revolution 1848 erst allgemein erlaubt worden war. Zudem sieht der Philosoph eine generelle "Mikronormierung des Alltags mit zunehmender Entmündigung des Einzelnen" sowie "eine Infantilisierung der Gesellschaft und ein Verschwinden des Erwachsenwerdens". Zu letzterem habe auch das Rauchen eine Verbindung, weil es eben eine Art initialer Ritus für das Erwachsenwerden sei. "Heute geht es von der Jugendkultur direkt ins Altersheim. Nirgends mehr wird geschlemmt, gesoffen oder geraucht", reklamierte der ehemalige Rektor.

Nach dem sich Burger so richtig warm geredet hatte, brachte er die Problematik mit einer Figur auf den Punkt: jener des Sykophanten. "Einer, der im Namen der Obrigkeit andere denuziert - also ein Auf- und Anzeiger." Zu einem späteren Zeitpunkt meinte Burger dann: "Der Sykophant ist die abscheulichste Figur seit meiner Kindheit."

Barbarische Gesundheit

Buchautor Wippersberg fasste seine Motivation, dieses Buch zu schreiben und für Rauchfreiheit zu kämpfen, folgendermaßen zusammen: "Ich finde es eine barbarische Sichtweise, das Rauchen nur aus der Gesundheitsperspektive zu betrachten."

Bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum meldete sich ein bekennender Nichtraucher zu Wort und meinte, dass man sich als Raucher heutzutage aber auch sehr gut als Opfer fühlen könne - daher sei die Argumentation der vier Herren übertrieben. Dem wollte dann auch keiner wirklich widersprechen, wobei einmal mehr auf den um sich greifenden Moralismus des Sykophanten hingewiesen wurde. (mob, derStandard.at, 29.10.2010)

  • Viel Rauch im Café Hegelhof: Walter Wippersberg, Peter Huemer, Rudolf Burger, Peter Kampits und Manfred Ainedter (v.l.n.r.)
    foto: promedia verlag

    Viel Rauch im Café Hegelhof: Walter Wippersberg, Peter Huemer, Rudolf Burger, Peter Kampits und Manfred Ainedter (v.l.n.r.)

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