Alfred Goubran: Kleine Landeskunde 2

29. Oktober 2010, 18:38
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Selbstverwechslungen: Teil zwei des in der vergangenen Woche begonnenen literarischen Essays über die österreichische Identität

Sprechen wir über die österreichische Identität. Zuvor jedoch noch ein Wort zum österreichischen Volksgefühl, das schon in der Erörterung über das Meinen kurz angesprochen wurde: Das verbindende österreichische Volksgefühl ist die Gewissheit um die völlige Bedeutungslosigkeit dieses Landes in der Welt. Nicht dass der Österreicher deshalb Scham empfände, nein: Die Gewissheit um die Bedeutungslosigkeit des eigenen Landes erzeugt in ihm ein beruhigendes Gefühl.

So genießt er das Nur-dabei-Sein, das Schwimmen im Strom, die Befolgung der Richtlinien und Maßnahmen, die irgendwo in der Welt ausgegeben werden. Das gilt auch für Katastrophen: Wird Österreich von einer Grippewelle verschont, lässt sich danach die halbe Bevölkerung impfen. (...)

Dasselbe bei Moden und Meinungen, der Kultur, den Staatsgeschäften, Reformen, Bildungs- und Beschäftigungsprogrammen und allem anderem auch, denn man will auf keinen Fall zurückbleiben. Das ist der Zug der Zeit, den man nicht verpassen will: Uniformität, Nivellierung, Vereinheitlichung. Dann heißt es: Man darf nicht rückständig sein.

Darin spricht sich die Angst des Österreichers aus, hinter der Norm zurückzubleiben, egal, welcher Qualität die Norm das Wort redet, oder welche Unmenschlichkeiten sie führt. Diese Einholbewegungen erinnern, im Ganzen gesehen, an große, weiträumige Manöver, die von Zivilisten unter Zuruf von Wirtschaftspropagandisten ausgeführt werden.

Bezieht man die Angst mit ein, entsteht das Bild einer organisierten Herdenpanik. Es wäre interessant, zu hinterfragen, wie und ob diese allgemeine Bewegung, auch über unsere Landesgrenzen hinaus, mit der eigenen Bedeutungslosigkeit ursächlich zu tun hat, ob von einem Bedeutungsvakuum oder Bedeutungsschwund gesprochen werden kann, doch ist das nicht unser Thema.

In Österreich ist dieser Zusammenhang jedenfalls gegeben. Die Angst, zurückzubleiben, übrigzubleiben, ist allgegenwärtig und seit 1938 eine treibende Kraft in diesem Land. Doch ist der Österreicher - frei nach Kafka: "Ich glaube nicht an das Böse, denn mehr Böses als da ist, gibt es nicht" - fest entschlossen, nicht an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Landes zu glauben. Er mag zwar hie und da mit ihr kokettieren, aber wo er wirklich darauf gestoßen wird, ist er schnell mit einem probaten Gegenmittel zur Hand: dem Erfolg. Dem Erfolgreichen Österreicher.

Der Erfolgreiche Österreicher ist es, der ihm sein Dabeisein garantiert und ihm sein beruhigendes Gefühl verschafft. Er ist sein Stellvertreter, sein Alibi und als Botschafter des schönen Landes, das dem Österreicher "von jeher" als Heimat versprochen ist, sitzt er an den Tischen der Mächtigen und bereist die Welt.

Der Erfolgreiche Österreicher ist eine Klasse für sich. Eigentlich eine Kaste - wer einmal in sie aufgenommen wurde, bleibt es ein Leben lang.

Das erklärt auch den Umstand, der Ihnen sicherlich schon aufgefallen ist, dass in Österreich jeder Autor, der einmal ein erfolgreiches Buch geschrieben hat und dann dreißig Jahre nichts mehr - außer vielleicht ein paar Zeitungsartikel oder Reden für Kulturpolitiker -, immer noch als erfolgreicher Autor gilt. Es ist nicht Dankbarkeit, die ihn sein Auskommen finden lässt, sondern seine Vorzeigbarkeit als Beweis gegen die Bedeutungslosigkeit dieses Landes in der Welt.

Das gilt für Künstler wie für Soubretten, Theaterdirektoren wie Schauspieler, Sportler wie Politiker, besonders aber für die Kultur und den Sport. Es gibt einen Fundus an Erfolgreichen Österreichern, der bis zum Grab reicht und sich über die Friedhöfe hinaus auf halb Europa erstreckt. Dort ist auch Franz Kafka ein Österreicher, alle Klassiker in der Musik sowieso - von Bach vielleicht abgesehen - und jeder Erfolg eines Österreichers im In- oder Ausland, egal ob sein Großvater oder seine Urururgroßmutter Österreicher waren, gilt als österreichischer Erfolg - weil es ein Erfolg gegen die Bedeutungslosigkeit dieses Landes ist.

Und ein Erfolg ist in Österreich immer ein Sieg. "Denen haben wir es gezeigt", heißt es dann.

Ja, aber was gezeigt? Der Österreicher hält sich immer für besser, als er glaubt, anderen zu erscheinen. Das zu verbergen zeitigt die Ansichtskarten des österreichischen Charakters, die in Umlauf sind: sei-ne Gastfreundlichkeit, seine Höflichkeit, sein Hang zur Gemütlichkeit, sein Charme, sein Schmäh - Attribute, die in Gegenden mit Tourismusbedarf dramatisch zunehmen. Die negativen Charakterzüge allerdings, die ihm nachgesagt werden, gründen in dem beruhigenden Gefühl, das ihm die Bedeutungslosigkeit seines Landes vermittelt: Die Schlampigkeit, für die er berühmt ist, seine Trägheit, das Unter-den-Tisch-Kehren, das Operettenhafte, Verschluderte, Kasperlleske, Hoppertatschige ...

Das österreichische Selbstgefühl, das den österreichischen Charakter befestigt, changiert zwischen Ohnmacht und Selbstzufriedenheit. Österreicher wird man nicht durch Geburt. Es ist ein Akt der Selbstpragmatisierung in der Welt. Das Verhältnis ist unkündbar. Das zeigt auch das Verhältnis des Österreichers zum Tod. (Alfred Goubran, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Oktober/1. November 2010)

 

Alfred Goubran (Jg. 1964) lebt als Schriftsteller in Wien. Im November erscheint im Braumüller-Verlag sein Roman "Aus."

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    foto: nicolas mahler
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