Nähe und kritische Distanz: Bruno Kreisky wird von seinem Ex-Mitarbeiter Wolfgang Petritsch eindrucksvoll porträtiert
"Kreisky - wer sonst?" Für einen Augenblick waren Passanten vor einigen Wochen in Wien angesichts der groß plakatierten Frage verdutzt und dachten, in ein Zeitloch gefallen zu sein. Doch es war nur die Ankündigung einer Siebzigerjahre-Ausstellung, die den seinerzeit bekanntesten Wahlslogan zitierte. Tatsächlich hatte der Kanzler das Jahrzehnt in Österreich geprägt. Zu ihm schien es keine Alternative zu geben.
Dass Bruno Kreisky nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Land eine politische Karriere antreten konnte, war schon ungewöhnlich genug. Dass er sie mit einer 13 Jahre währenden Kanzlerschaft krönen, viele seiner gesellschaftspolitischen Ideen umsetzen und dabei eine wachsende Mehrheit hinter sich wissen konnte, grenzte an ein Wunder.
Nach seinem Abgang aus der Politik 1983 und erst recht nach seinem Tod 1990 wurde sein Mythos zementiert, mehrten sich aber auch die Versuche - bis in die Reihen seiner eigenen Partei hinein -, sein Erbe zu relativieren oder gar ganz zu vergessen.
Der "Medienkanzler" zog insbesondere Berichterstatter in den Bann. Wer über ihn schrieb, geriet in Versuchung, sich je nach Gemüts- und Politlage an den Wegmarken "Sonnenkönig" oder "Schuldenkaiser" zu orientieren und das Augenmaß für die Nuancen, Notwendigkeiten und Widersprüche zu verlieren, die die politische Arbeit mit sich brachte. Gerade ein Mann vom Format des Bruno Kreisky macht es einem bis heute schwer, objektiv zu bleiben.
Mehr als ein Insider-Buch
"Aber was ist objektiv?", fragte Bundespräsident Heinz Fischer letzte Woche bei der Präsentation von Wolfgang Petritschs Kreisky-Biografie. Wäre es besser gewesen, fügte er rhetorisch hinzu, jemanden schreiben zu lassen, der nicht sechs Jahre lang als Sekretär an der Seite des Politikers verbracht hatte? Und ist nicht jedes Porträt eines Staatsmannes mitbestimmt durch die persönliche Einschätzung, wie sich sein Handeln auf sein Land, in diesem Fall sogar auf die internationale Politik auswirkte?
Petritsch hat weit mehr verfasst als ein Insider-Buch aus dem Ballhausplatz. Bedenkt man, wie viel der Autor vom politischen und vor allem diplomatischen Können seines Chefs gelernt hat - immerhin war er später unter anderem Botschafter im Hot Spot Belgrad, Hoher Repräsentant im noch schwierigeren Sarajevo und ist mittlerweile OECD-Botschafter in Paris -, bedenkt man also diese starke Prägung, so ist es erstaunlich, auf wie angenehme Weise sich Petritsch auf den mehr als 400 Seiten von Bruno Kreisky. Die Biografie im Hintergrund hält.
Erst ab der Mitte des Buches kommt er selbst überhaupt vor, und auch dann nur selten. Bis dahin zeichnet er die Wurzeln und das frühe Leben des Bruno Kreisky, die radikale politische Jugend, die Emigration nach Schweden, die nicht unproblematische Rückkehr ins Nachkriegsösterreich und den Aufstieg zum Spitzenpolitiker nach - detailreich, doch ohne dass der Leser den Überblick verliert. Im Gegenteil, von den Verästelungen des Familienlebens und der kulturellen Atmosphäre Wiens in der Zwischenkriegszeit zieht Petritsch die großen Linien, die zum späten Kreisky führen.
Es sind Umwege und Sackgassen darunter, aber auch durchgehende Motive. Als Politiker musste er viele Volten und Kompromisse mitmachen oder sogar initiieren - es war zum Beispiel kein Ruhmesblatt, dass Österreich unter ihm zwar die Polisario-Bewegung karitativ unterstützte, ihren Gegnern aber zugleich Schützenpanzer lieferte.
Doch er blieb, wie Petritsch häufig beobachten konnte, lernfähig bzw. er kehrte immer wieder zu seinen frühen, genuin sozialdemokratischen Wurzeln zurück. In der Frage der Atomenergie steckte er die Zwentendorf-Niederlage weg (so gut, dass er bei der bald folgenden Wahl noch mehr Stimmen erzielte ...) und näherte sich schließlich sogar der kritischen Position seiner Kinder an: "Je älter ich werde, desto radikaler werde ich."
Was der Leser unmittelbar miterlebt, ist die Leidenschaft, mit der "der Alte", auch als er noch nicht alt war, Politik als gestaltbar begriff und entsprechend agierte. Ob es regionale wirtschaftspolitische Querelen waren oder die Chance, im Nord-Süd-Dialog neue Saiten aufzuziehen: Sobald er Handlungsmöglichkeiten sah, nutzte er sie. Dafür musste der Apparat dann spuren und dem oft chaotischen Kanzler die nötigen Strukturen schaffen - der Autor war einer der Leidtragenden.
Erstaunlich viel Zeit nahm sich der Regierungschef für Kunst und Literatur. So wie er die Medien an sich heranließ, so ging er auf Menschen zu, die ihn interessierten. Und wer ihn erreichen wollte, brauchte nur im Wiener Telefonbuch nachzuschauen: "Kreisky Bruno, 37 12 36". Manchmal antwortete er selbst.
Stets versteht man sein Handeln als Resultat von Gespür, Sinn sowohl für Realitäten als auch für Visionen (nie rief er nach einem Arzt ...) und einem gewissen Starrsinn. Besonders sorgfältig stellt Petritsch die großen politischen und persönlichen Kontroversen dar, die Kreisky in jedem Sinn des Wortes zeichneten: seine Nahost-Politik, sein Verhältnis zu Androsch, seinen Streit mit Wiesenthal.
Bestätigung der Skepsis
Im Fall Nahost würde er heute wohl ähnlich die Lösung suchen, die das Leiden aller Betroffenen minimiert, und dafür ähnlich von allen Parteien kritisiert werden.
Was den seinerzeitigen Finanzminister und Vizekanzler angeht, hatte Kreisky Petritsch zufolge in manchen Sachfragen unrecht. Die ethischen Fragen stehen auf einem anderen Blatt. Der Autor hat es nicht leer gelassen.
Zum Wiesenthal-Konflikt hat Petritsch aktuellste Quellen herangezogen: die Historiker Tom Segev, dessen Aussagen zu Kreisky'schen Bespitzelungstaktiken er entschieden widerspricht, und Shlomo Sand, dessen umstrittene Thesen zur "Erfindung des jüdischen Volkes" sich in Teilen wie eine Bestätigung der Skepsis Kreiskys lesen.
Petritsch baut natürlich auf viel bereits veröffentlichtem Material auf. Weiters unterstützte ihn eine lange Liste von Personen, die Kreisky kannten, von Oliver Rathkolb, der als junger Historiker die Memoiren des Ex-Kanzlers aufzeichnete, über den persönlichen Stab bis zu internationalen Politikern. Sie alle tragen zum facettenreichen Bild Kreiskys bei. Der Schriftsteller Peter Stefan Jungk half durch Recherche und Endredaktion mit, das Allgemeine mit dem unmittelbar Erlebten bruchlos zu vereinen.
Dem ehemaligen Kanzlersekretär ist nicht nur ein beeindruckendes Porträt Kreiskys gelungen, sondern auch ein wichtiges Kapitel seiner eigenen politischen Biografie. (Michael Freund, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10/1.11.2010)
Wolfgang Petritsch, "Bruno Kreisky. Die Biografie. € 26,90 / 420
Seiten. Residenz Verlag, St. Pölten / Salzburg 2010