Rezension

"Je älter, desto radikaler"

29. Oktober 2010, 17:14

Nähe und kritische Distanz: Bruno Kreisky wird von seinem Ex-Mitarbeiter Wolfgang Petritsch eindrucksvoll porträtiert

"Kreisky - wer sonst?" Für einen Augenblick waren Passanten vor einigen Wochen in Wien angesichts der groß plakatierten Frage verdutzt und dachten, in ein Zeitloch gefallen zu sein. Doch es war nur die Ankündigung einer Siebzigerjahre-Ausstellung, die den seinerzeit bekanntesten Wahlslogan zitierte. Tatsächlich hatte der Kanzler das Jahrzehnt in Österreich geprägt. Zu ihm schien es keine Alternative zu geben.

Dass Bruno Kreisky nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Land eine politische Karriere antreten konnte, war schon ungewöhnlich genug. Dass er sie mit einer 13 Jahre währenden Kanzlerschaft krönen, viele seiner gesellschaftspolitischen Ideen umsetzen und dabei eine wachsende Mehrheit hinter sich wissen konnte, grenzte an ein Wunder.

Nach seinem Abgang aus der Politik 1983 und erst recht nach seinem Tod 1990 wurde sein Mythos zementiert, mehrten sich aber auch die Versuche - bis in die Reihen seiner eigenen Partei hinein -, sein Erbe zu relativieren oder gar ganz zu vergessen.

Der "Medienkanzler" zog insbesondere Berichterstatter in den Bann. Wer über ihn schrieb, geriet in Versuchung, sich je nach Gemüts- und Politlage an den Wegmarken "Sonnenkönig" oder "Schuldenkaiser" zu orientieren und das Augenmaß für die Nuancen, Notwendigkeiten und Widersprüche zu verlieren, die die politische Arbeit mit sich brachte. Gerade ein Mann vom Format des Bruno Kreisky macht es einem bis heute schwer, objektiv zu bleiben.

Mehr als ein Insider-Buch

"Aber was ist objektiv?", fragte Bundespräsident Heinz Fischer letzte Woche bei der Präsentation von Wolfgang Petritschs Kreisky-Biografie. Wäre es besser gewesen, fügte er rhetorisch hinzu, jemanden schreiben zu lassen, der nicht sechs Jahre lang als Sekretär an der Seite des Politikers verbracht hatte? Und ist nicht jedes Porträt eines Staatsmannes mitbestimmt durch die persönliche Einschätzung, wie sich sein Handeln auf sein Land, in diesem Fall sogar auf die internationale Politik auswirkte?

Petritsch hat weit mehr verfasst als ein Insider-Buch aus dem Ballhausplatz. Bedenkt man, wie viel der Autor vom politischen und vor allem diplomatischen Können seines Chefs gelernt hat - immerhin war er später unter anderem Botschafter im Hot Spot Belgrad, Hoher Repräsentant im noch schwierigeren Sarajevo und ist mittlerweile OECD-Botschafter in Paris -, bedenkt man also diese starke Prägung, so ist es erstaunlich, auf wie angenehme Weise sich Petritsch auf den mehr als 400 Seiten von Bruno Kreisky. Die Biografie im Hintergrund hält.

Erst ab der Mitte des Buches kommt er selbst überhaupt vor, und auch dann nur selten. Bis dahin zeichnet er die Wurzeln und das frühe Leben des Bruno Kreisky, die radikale politische Jugend, die Emigration nach Schweden, die nicht unproblematische Rückkehr ins Nachkriegsösterreich und den Aufstieg zum Spitzenpolitiker nach - detailreich, doch ohne dass der Leser den Überblick verliert. Im Gegenteil, von den Verästelungen des Familienlebens und der kulturellen Atmosphäre Wiens in der Zwischenkriegszeit zieht Petritsch die großen Linien, die zum späten Kreisky führen.

Es sind Umwege und Sackgassen darunter, aber auch durchgehende Motive. Als Politiker musste er viele Volten und Kompromisse mitmachen oder sogar initiieren - es war zum Beispiel kein Ruhmesblatt, dass Österreich unter ihm zwar die Polisario-Bewegung karitativ unterstützte, ihren Gegnern aber zugleich Schützenpanzer lieferte.

Doch er blieb, wie Petritsch häufig beobachten konnte, lernfähig bzw. er kehrte immer wieder zu seinen frühen, genuin sozialdemokratischen Wurzeln zurück. In der Frage der Atomenergie steckte er die Zwentendorf-Niederlage weg (so gut, dass er bei der bald folgenden Wahl noch mehr Stimmen erzielte ...) und näherte sich schließlich sogar der kritischen Position seiner Kinder an: "Je älter ich werde, desto radikaler werde ich."

Was der Leser unmittelbar miterlebt, ist die Leidenschaft, mit der "der Alte", auch als er noch nicht alt war, Politik als gestaltbar begriff und entsprechend agierte. Ob es regionale wirtschaftspolitische Querelen waren oder die Chance, im Nord-Süd-Dialog neue Saiten aufzuziehen: Sobald er Handlungsmöglichkeiten sah, nutzte er sie. Dafür musste der Apparat dann spuren und dem oft chaotischen Kanzler die nötigen Strukturen schaffen - der Autor war einer der Leidtragenden.

Erstaunlich viel Zeit nahm sich der Regierungschef für Kunst und Literatur. So wie er die Medien an sich heranließ, so ging er auf Menschen zu, die ihn interessierten. Und wer ihn erreichen wollte, brauchte nur im Wiener Telefonbuch nachzuschauen: "Kreisky Bruno, 37 12 36". Manchmal antwortete er selbst.

Stets versteht man sein Handeln als Resultat von Gespür, Sinn sowohl für Realitäten als auch für Visionen (nie rief er nach einem Arzt ...) und einem gewissen Starrsinn. Besonders sorgfältig stellt Petritsch die großen politischen und persönlichen Kontroversen dar, die Kreisky in jedem Sinn des Wortes zeichneten: seine Nahost-Politik, sein Verhältnis zu Androsch, seinen Streit mit Wiesenthal.

Bestätigung der Skepsis

Im Fall Nahost würde er heute wohl ähnlich die Lösung suchen, die das Leiden aller Betroffenen minimiert, und dafür ähnlich von allen Parteien kritisiert werden.

Was den seinerzeitigen Finanzminister und Vizekanzler angeht, hatte Kreisky Petritsch zufolge in manchen Sachfragen unrecht. Die ethischen Fragen stehen auf einem anderen Blatt. Der Autor hat es nicht leer gelassen.

Zum Wiesenthal-Konflikt hat Petritsch aktuellste Quellen herangezogen: die Historiker Tom Segev, dessen Aussagen zu Kreisky'schen Bespitzelungstaktiken er entschieden widerspricht, und Shlomo Sand, dessen umstrittene Thesen zur "Erfindung des jüdischen Volkes" sich in Teilen wie eine Bestätigung der Skepsis Kreiskys lesen.

Petritsch baut natürlich auf viel bereits veröffentlichtem Material auf. Weiters unterstützte ihn eine lange Liste von Personen, die Kreisky kannten, von Oliver Rathkolb, der als junger Historiker die Memoiren des Ex-Kanzlers aufzeichnete, über den persönlichen Stab bis zu internationalen Politikern. Sie alle tragen zum facettenreichen Bild Kreiskys bei. Der Schriftsteller Peter Stefan Jungk half durch Recherche und Endredaktion mit, das Allgemeine mit dem unmittelbar Erlebten bruchlos zu vereinen.

Dem ehemaligen Kanzlersekretär ist nicht nur ein beeindruckendes Porträt Kreiskys gelungen, sondern auch ein wichtiges Kapitel seiner eigenen politischen Biografie. (Michael Freund, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10/1.11.2010)

Wolfgang Petritsch, "Bruno Kreisky. Die Biografie. € 26,90 / 420 Seiten. Residenz Verlag, St. Pölten / Salzburg 2010

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 122
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Don Flamenco
00
13.12.2010, 13:42

hat eigentlich jemand das buch GELESEN, und kann irgendetwas dazu berichten???

Der große Mann
20
13.11.2010, 12:03

Hat der Kreisky eigentlich schon seine Milliardenschulden zurückgezahlt?

Nicht dass es bald zu spät ist und wir nichts mehr von dem Geld sehen...

rosarum vallis
 
01
14.11.2010, 04:38
Ja.

Diese Schulden wurden bereits Mitte der 90er zurückbezahlt. Soviel zu Ihrer Anfrage.

Die Schulden späterer Regierungen (schauen Sie sich die Zahlen einmal an) werden wir noch längere Zweit bedienen müssen.

Walter Bimini
00
24.11.2010, 04:50
sie sind hoffnungslos optimistisch. so lange wird die zweite republik nie und nimmer halten.

hansi goldach
 
01
5.11.2010, 16:09

hätten die schweiz und liechtenstein damals einen
politisch verantwortlichen wie einen kreisky (samt
anhang) gehabt, so stünden diese länder heute
anders da...?...oder war er doch nur ein verzicht-
barer weichensteller mit gehilfen? mit z.b androsch
oder broda oder...

Igor Gassner
01
5.11.2010, 15:01
Schützenpanzer sind gepanzerte Mannschafts

transporter mit leichter Bewaffnung. Jagdpanzer um die handelte es sich sind Panzer mit einer schweren Bewaffnung aber einer leichten Panzerung die in einer Deffensivrolle eingesetzt werden um den Vormarsch feindlicher Kampfpanzer Panzer zu verlangsamen. Sie in der Wüste gegen leichte bewegliche Infrantrie einzusetzen war von Marokko nicht Weise weshalb die Polisario auch mehre Exemplare "erwerben" konnte.

. spectator
12
5.11.2010, 02:01

Zum Mythos Kreisky gehört für viele Konservativen auch der Mythos vom Schuldenkreisky - ein Mythos.
Das Geld, das Kreisky in die Verstaatlichte gesteckt hat, war nichts gegen die Budgetdefizite der großen Koalition von 1986 an...

Die große Schuldenlast im Bund in Österreich kommt nicht von Kreisky, sondern von Vranitzky und Nachfolgern!

christian becker
00
29.11.2010, 10:09

und da waren die Schwarzen zumeist munter mit von der Partie bis heute. Der Her Pröll geht mit dem Geld der Steuerzahler wesentlich weniger vorsichtig um.

(_8(I)
 
02
4.11.2010, 15:45
Er war gut.

War.

Politische Erben hat er keine(n), nur lauter blöde Kegel.

DaDukeOfVienna
417
2.11.2010, 18:18
Eine große Persöhnlichkeit.

Für mich einer der schillernsten Politiker mit Handschlagqualität,die leider Aussterben.
Er hat Schulden gemacht,nur wofür?
Für Arbeitsplätze hat er Schulden gemacht,damit in Österreich was gebaut wird und die Familien ein ordentliches Heim haben.
Klar hat er Schulden gemacht weil er was bewegen wollte und Österreich stärker machte für den Internationalen Markt.
Jeder Mensch hat seine Visionen wie man die Welt verbessern könnnte,Hr.Kreisky hat sie genützt.
Klar hat er Fehler gemacht aber er stand dazu.
Man könnte noch so manche Idee aus seiner Lade hervor holen und die Arbeitslosigkeit würde sinken.
Das Geld was Hr.Pröll den Banken gab würde für mindestens 30 Amtszeiten des Hr.Kreiskys reichen.

hurchzua
298
2.11.2010, 08:41
Noch heute leiden wir unter der verfehlten Wirtsschaftspolitik

Damals kam die Schuldenlawine ins Rollen. Ohne die Zinsen für die Schulden der Vergangenheit wäre Österreich seit vielen Jahren "hoch weiß".

Es ist eben das eingetreten, wovor schon in den 70ern die damalige Oppositon und Wirtschaftsforscher gewarnt haben. Da hat eine Generation über ihre Verhältnisse gelebt. Das sind übrigens die selben, die mittlerweile in Frühpension sind.

Die Zeche für Kreiskys verfehlten Stimmungskauf und das in der verstaatlichten Industrie "verbrannte Geld" zahlen heute alle Erwerbstätigen.

Schmalzlocke
00
27.11.2010, 18:17

Ihre Aussage ist nicht korrekt.

Siehe: http://www.staatsschulden.at/

nick morgenland
 
01
7.11.2010, 09:35

die ära kreisky endete 1983.

die schulden sind jetzt etwa fünfmal so hoch, wie die schulden zu ende der ära kreisky gewesen sind.

in bezug auf das bip lag die verschuldung zu ende der kreisky bei 40 - 45 %. heute liegt sie über 70 %.

http://www.geldmarie.at/wirtschaf... ulden.html

nick morgenland
 
00
7.11.2010, 08:38
was sie behaupten, entspricht nicht ganz der wahrheit.

die schulden der ära kreisky (alleinregierungen) machen 25 - 30 % der schulden aus, die die republik heute belasten.

(vor ein paar jahren waren es etwa 30 %, als folge des bankenrettungspakets und der finanzkrise hat sich das jetzt wohl vermindert)

die finanzkrise ist definitiv nicht folge sozialdemokratischen wirtschaftens.

es lässt sich nicht abstreiten, dass es in der ära kreisky weichenstellungen und investitionen gegeben hat, die etwas mit chancengleichheit und gerechtigkeit zu tun. der wert lässt sich schwer in geldbeträgen angeben. fest steht, dass der zugang zu den universtitäten erleichtert worden ist. das geld der eltern hat auf einmal keine so große rolle mehr gespielt.

das potenzial besser auszuschöpfen, rechnet sich nicht?

Than gorodrim
23
4.11.2010, 13:44
vollkommen richtig

Noch heute leiden wir unter der verfehlten Wirtschaftspolitik
Das stimmt, unter der verfehlten konservativen (schwarzen) Wirtschaftspolitik der 30er-Jahre und dem (im wesentlichen) dadurch ausgelösten 2. Weltkrieg leiden wir noch heute.
Hätten Seipel, Dollfuß, Schuschnigg und Co. doch Kreiskys Weitblick gehabt ... wir hätten uns den gesamten 2. Weltkrieg sparen können.
Wie Sie richtig bemerkten ... "vollkommen verfehlte konservative (schwarze) Wirtschaftspolitik". Und da fragt sich (berechtigt) der Herr Karl: "Wissn de Schwoazn übahaupt, wos Wirtschoft is?"

Andreas B
00
4.11.2010, 13:39
Und wenn sie über ihren Verhältnissen gelebt hat,

dann vergönn ichs ihnen!

Der Querdenker
01
3.11.2010, 17:15

Und hat die Verschuldung fast aller Staaten ausgelöst. Das meinen sie doch?

KL
01
4.11.2010, 22:23

Danke!

Es erstaunt mich immer wieder das ein Phaenomen wie die Staatsverschuldung, die in dieser Zeit fast jeden Staat ergriffen hat, immer und immer wieder einem Kreisky aufgerechnet wird.

Wie stuenden wir denn heute da wenn er die ganzen Investitionen *nicht* getaetigt haette?

Die OEVP toent seit Jahrzehnten wie sies denn nicht besser machen koennte, obwohl sie die letzten 25 Jahre Regierungsverantwortung hatte.

Und wenns mal an der Macht sind wirds schlimmer als alles was angeprangert haben, seis 2000-2006 oder so tolle Gesellschaftsformen wie unter Dollfuß.

SagServus
00
3.11.2010, 14:37

Die verfehlte Wirtschaftspolitik kam nach Kreisky weil die nachfolgenden Politiker zu blöd waren dem ganzen früh genug gegenzusteuern.

Und heute schei...ens sich an weil es Stimmen kosten könnte und die Freunderlpartie schon zu verflechtet ist als das man irgendwo in der Verwaltung sparen könnte.

Helicopterman
11
3.11.2010, 08:11
Auf welchem Planeten

haben Sie denn die 70er und frühen 80er verbracht?

4simo
16
2.11.2010, 17:45
stimmt nicht ganz

wurde in diesen zeiten von allen europäischen ländern schulden aufgenommen, warum= kredite waren billig
nur haben die anderen schon viel früher zumsparen angefangen
und
der größte zuwachs war unter der koalitionsregierung mit den schwarzen, aufgrunde der von beiden betriebenen clientelpolitik, eine eigenschaft, dei die schwarzen leider noch imemr beherrschen, wenn ich an die aufbläung der öbb in die x teilorganisationen mit entsprechenden führungsjobs denke, und durch die die öbb noch mehr in die schulden geraten sind.

noch schlimler als politikerm, die viel geld kassieren find ich politiker, dei viel geld kassieren aber danach keine verantwortung übernehmen -> siehe schüssel

und noch was: unter kreisky gab es reformen! wirkliche!

Buzz Lightyear
15
2.11.2010, 14:51
Lernen Sie Geschichte!

nick morgenland
 
00
7.11.2010, 10:09

dieser ausspruch gehört allerdings nicht unbedingt zu den highlights der ära kreisky.

von der sache her gesehen, war es ein fehler, von der menschlichen seite her gesehen, war es ein noch weit größerer fehler.

das ist ein weiteres beispiel für die these, dass es im sinn der demokratie gut wäre, die zeit in der spitzenpolitik zu begrenzen.

das geschieht in den usa beim höchsten amt (in friedenszeiten maximal zweimal vier jahre). wer im zentrum der macht steht, ist in der politik nahezu "unersätzlich". in österreich sind rücktritte besonders selten. politik als lebensberuf zu betreiben, mag für parteien vorteile haben, insbesondere für ihre funktionäre, für die bevölkerung und die umwelt ist es mit sicherheit schädlich. die leute heben ab.

Ratlos
19
2.11.2010, 14:29
Ja, Kreisky hat Schulden gemacht. Der Unterschied zu heute: das Geld wurde zumindest halbwegs in Zukunftsinvestitionen gesteckt. Heute verschulden wir uns um Banken zu stützen deren gemeinsames Merkmal es ist, in Ö keine Steuern mehr zu zahlen.

hurchzua
41
3.11.2010, 08:25
falsch

das Geld wurde zum großen Teil durch Subventionen in sterbende Betriebe gesteckt, die einige Jahre später trotzdem Bankrott gegangen sind oder durch Stellenabbau saniert wurden.

Das Geld wurde "verbrannt".

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