Vom Schnupfen zur Superinfektion

  • Viel Rotz, viele Taschentücher. Die Schleimhäute verlieren ihre Schutzfunktion.
    foto: derstandard.at/marietta türk

    Viel Rotz, viele Taschentücher. Die Schleimhäute verlieren ihre Schutzfunktion.

Wie aus viralen Infekten schwere Infektionen werden und wie man sich schützen kann - Einige Fakten zum grundlegenden Verständnis

Sinken draußen die Temperaturen, werden die Menschen krank. Schuld daran sind grippale Infekte. "Der Krankenstandsverlauf hat seine Spitzen im Herbst und im Frühjahr. Das ist auf virale Infekte zurückzuführen", sagt Reinhard Marek, ärztlicher Leiter der Wiener Gebietskrankenkasse. Die kalte Jahreszeit stellt die Schleimhäute der Atemwege, wichtige Organe unseres Immunsystems, auf eine harte Probe. Das Leben verlagert sich ab Herbst in geschlossene Räume, in denen Viren leichter übertragen werden können. Die niedrigen Temperaturen draußen vermindern die Durchblutung, die die Abwehrzellen transportiert. Und die Heizungsluft trocknet die Schleimhäute aus und macht sie anfälliger.

"Die Schleimhaut ist die erste Barriere, die der Erreger überwinden muss, um eine Infektion auszulösen", sagt Heimo Lagler, Infektiologe am Wiener AKH. Setzt sich ein Virus an der Schleimhaut von Nase und Rachen fest, entsteht eine Reihe von Beschwerden: Schnupfen, Halsweh, Husten und Abgeschlagenheit - eine Verkühlung eben. "Es ist ein Kampf zwischen Virus und Immunsystem", sagt Lagler, "in den meisten Fällen gewinnt das Immunsystem." Doch nicht immer. Sind die Schleimhäute durch Viren entzündet und angegriffen, haben Bakterien ein leichtes Spiel. Die geschwollenen, durch vermehrt gebildeten Schleim verstopften Schleimhäute können die Keime nicht mehr abtransportieren (siehe Wissen). Dabei müssen gar keine neuen Bakterien in die Atemwege gelangen.

Bakterielle Superinfektion

"Bakterien, die den Nasenrachenraum besiedeln, werden plötzlich schädlich, weil sie Umstände finden, unter denen sie sich leicht ausbreiten können", erklärt Lagler. Eine bakterielle Superinfektion ist die Folge. Dabei gesellen sich zum viral ausgelösten Infekt noch Bakterien dazu, die eitrige Entzündungen - etwa in den Nasennebenhöhlen, dem Rachen, den Bronchien oder der Lunge - verursachen können. "Wenn das Sekret grünlich oder gelblich ist, kann man davon ausgehen, dass es bakteriell superinfiziert ist", sagt Marek und rät zum Arztbesuch. Denn die Bakterien bekommt man nur mit einem Antibiotikum in den Griff. Bleibt die Erkrankung unbehandelt, vermehren sich die Bakterien und können sich über die durchgehende Schleimhaut der oberen und unteren Atemwege ausbreiten. "Zuerst ist es meist im Rachen, dann rutscht's runter in die Bronchien, dann geht's in die Lungen, und dann wird's gefährlich", sagt Lagler. So kann eine Lungenentzündung, ausgelöst beispielsweise durch Pneumokokken, lebensbedrohlich sein, da die Sauerstoffzufuhr des Körper dadurch gefährdet wird. In weiterer Folge können diese Bakterien auch eine lebensgefährliche Sepsis (Blutvergiftung) verursachen. "Bakterien können Enzyme und Toxine produzieren, die Gewebe wie zum Beispiel das Lungengewebe zerstören und ins Blut kommen können", erklärt Lagler. Auch chronische Bronchitis ist meist bakteriell und kann aus einer akuten, unbehandelten Bronchitis entstehen oder dadurch, dass die Bronchien durch Rauchen geschwächt sind.

"Wenn eine Verkühlung sich nicht selbst limitiert und nach ein bis zwei Wochen nicht vorbei ist, sollte man sich behandeln lassen", empfiehlt Marek. Im Schnitt bleiben jene, die wegen "Krankheiten der oberen Luftwege" krankgemeldet sind, 6,1 Tage zu Hause. Das zeigt die Statistik des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger. Mit mehr als 1,2 Millionen Krankenstandsfällen führt diese Erkrankung die Statistik an. Doch gehen keinesfalls alle Erkrankten wegen einer Verkühlung in den Krankenstand oder zum Arzt, sondern bestenfalls in die Apotheke. Laut einer Umfrage von Oekonsult vertrauen 88 Prozent aller Befragten auf Selbstmedikation bei viralen Infekten.

Gesunder Schlaf

Am wichtigsten bei einem viralen Infekt ist jedoch die gute alte Bettruhe. "Dass zu wenig Schlaf mit einem erhöhten Infektions- risiko verbunden ist, ist eines der wenigen Dinge, die in Studien bewiesen wurde", sagt Lagler. Ist der Infekt erst so richtig ausgebrochen oder handelt es sich um eine klassische Grippe, dann kann mangelnde Schonung das Herz gefährlich schädigen. "Der Körper braucht Bettruhe", sagt Marek. (Konstanze Wagenhofer, DER STANDARD Printausgabe, 2.11.2010)

Wissen

Bastion Schleimhaut

20.000 Atemzüge tut der Mensch täglich. Durch Nase und Nasennebenhöhlen gelangt die Luft über den Rachen in die unteren Atemwege. Die Bronchien geben den in der Luft enthaltenen Sauerstoff über die rund 300 Millionen Lungenbläschen an die Blutgefäße weiter.

Beim Einatmen wird die Luft gereinigt, befeuchtet und auf Körpertemperatur erwärmt. Die feinen Härchen in der Nase filtern die Schmutzpartikel aus. Auf der dünnen Schleimschicht bleiben die Krankheitserreger kleben. Feine Flimmerhärchen auf der Schleimhaut transpor-tieren die verunreinigte Schleimschicht Richtung Rachen ab, wo sie einfach verschluckt wird. Die Magensäure macht die Erreger dann unschädlich.

Sind die Schleimhäute durch Austrocknung beeinträchtigt oder durch Viren-befall überfordert, kann das Verteidigungssystem der Atemwege versagen. Mit Nasenspülungen, in der ayurvedischen Medizin als Nethi bekannt, kann man angegriffene Schleimhäute unterstützen: Dazu lässt man mithilfe eines Kännchens Salzwasser in das eine Nasenloch fließen und über das andere Nasenloch wieder abrinnen. Dabei wird vermehrt gebildeter, befallener Schleim ausgespült. Die Wirksamkeit der Methode wurde 2002 wissenschaftlich nachgewiesen und in einer Cochrane-Review positiv bewertet. (kowa)

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