Jüdischer Friedhof

Die steinernen Zeugen von der Rossau

Julia Schilly, 29. Oktober 2010, 16:07
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    Im Innenhof des Altenheims Seegasse liegt der Friedhof Roßau.

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    Er wurde erst in den 80er-Jahren wieder hergestellt und neu eröffnet.

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    Die Grabsteine lassen sich bis ins frühe 16. Jahrhundert datieren.

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    Viele Grabsteine liegen noch am Zentralfriedhof, wo sie vor den Nazis in Sicherheit gebracht wurden.

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    Eine weitere Sanierung ist dringend notwendig.

Der jüdische Friedhof Seegasse im neunten Bezirk zeugt von 500 Jahren Geschichte Österreichs - versteckt im Hof eines Altenheims

Durchquert man die bunte Eingangshalle des Altenheims Seegasse, betritt man eine andere Welt. Im Hof des Gebäudes im neunten Wiener Gemeindebezirk befindet sich eine jüdische Begräbnisstätte. Der Friedhof Rossau, auf Grund seiner Lage meist Jüdischer Friedhof Seegasse genannt, ist der einzige mit ausschließlich hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen. Hier wurden zwischen 1540 und 1783 die Mitglieder der jüdischen Gemeinden begraben.

"Der Friedhof in der Seegasse ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof in Österreich, von dem die Wissenschaft weiß", berichtet Tina Walzer. Die Historikerin hat unter anderem das Weißbuch jüdische Friedhöfe verfasst, in dem sie sich mit Pflegezustand und mit den Erfordernissen der Sanierung befasste. Der Friedhof ist aber nicht nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch der Geschichtsvermittlung, hebt Walzer den Wert des Friedhofs hervor. Denn im Zuge der Ringstraßenverbauung wurden viele alte Gebäude abgerissen und darunter jüdische Grabsteine wieder gefunden. Diese Grabsteine sind als Gedenktafeln im nicht tragenden Teil der Mauer des Friedhofs Seegasse eingelassen und dadurch noch heute für alle sichtbar.

"Gassel allwo der Juden Grabstätte"

Der Friedhof umfasst eine Fläche von etwa 2.000 Quadratmeter. Am Ort des Pensionistenheims stand früher ein jüdisches Siechenhaus. Die Seegasse hieß 1629 "Gassel allwo der Juden Grabstätte", ab 1778 Judengasse. Seit 1862 ist sie die Seegasse, benannt nach einem ehemals hier befindlichen, 1415 als See urkundlich erwähnten Fischteichs.

Im 17. Jahrhundert wurde die zweite jüdische Gemeinde gegründet, die bald unter Schikanen leiden musste: Nach einigen Katastrophen, unter anderem einem Brand, der einen Großteil der Wiener Hofburg verwüstete, musste Leopold I. die österreichische Bevölkerung "bei Laune halten". 1670 wurde daher die zweite jüdische Gemeinde vertrieben. Im Ausweisungspatent vom Februar 1670 hieß es, dass auf Befehl des Kaisers alle "[...] die Juden insgesamt, keinen davon ausgenommen, von hinnen und aus dem ganzen Lande Österreich wegzuschaffen" seien. Das ehemalige Wohngebiet "am Unteren Werd" wurde zur Leopoldstadt. "Ein Teil wanderte nach Berlin aus, der größere Teil jedoch nach Ungarn", sagt Walzer.

1670: Juden vertrieben, Friedhof trotzdem erhalten

Die zweite jüdische Gemeinde wusste jedoch schon, dass sie vertrieben werden würde und versuchte daher die Gräber zu erhalten. Ein jüdischer Kaufmann hinterlegte einen hohen Betrag, weshalb die Stadt einwilligte, den jüdischen Friedhof zu erhalten. Der Ort durfte daher bis 1783 weiter als Begräbnisstätte genutzt werden. Am 3. Dezember des genannten Jahres wurde der letzte Tote beerdigt. Danach wurde es aus hygienischen Gründen in ganz Österreich verboten, zwischen hohen Häusern Menschen zu begraben.

1783: Josef II. legt Friedhof still

Unter Josef II wurde der Friedhof 1783 stillgelegt. Für die Jüdische Gemeinde wurde stattdessen ein neuer Friedhof außerhalb des sogennanten "Linienwalls" im Vorort Währing angelegt. Auf Grund der jüdischen Religionsgesetze blieb der Friedhof in der Seegasse aber unangetastet, während christliche Friedhöfe aufgelöst und verbaut wurden. "Der jüdische Glaube besagt, dass sich die Toten aus ihren Gräbern erheben werden. Der Körper muss daher unversehrt bleiben. Nur der Tote ist Eigentümer seines Grabes", erklärt Walzer. 60 Zentimeter um die Gebeine herum darf ein Grab nicht angetastet werden. "Archäologie kommt hier nicht in Frage", sagt die Historikerin.

Bis zur Zeit des Nationalsozialismus blieb der Friedhof in Besitz der israelitischen Kultusgemeinde. Ab März 1938 wurde das gesamte Liegenschaftseigentum durch die Nazis geraubt und durch die nationalsozialistische "Vermögensverkehrsstelle" verwaltet. Adolf Eichmann, Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats, verkaufte das geraubte Eigentum der Kultusgemeinde, um damit den Ausbau des "Durchgangslagers" Theresienstadt zu finanzieren, von dem aus zehntausende Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden.

NS-Zeit: Grabsteine am Zentralfriedhof versteckt

Einigen mutigen Wiener Juden gelang es dennoch einen Teil der schweren Grabsteine bei Tor 4 am Wiener Zentralfriendhof zu verstecken. "Das Wissen darüber ging jedoch verloren. Die Steine blieben viele Jahre verschwunden", sagt Tina Walzer. Denn die involvierten Juden wurden vertrieben oder ermordet. Der Friedhof war bis die 80er Jahre eine leere Wiese, zeitweise ein Spielplatz für eine Schule.

Ein Zufall veränderte Anfang der 80er-Jahre noch einmal die Geschichte des Friedhofs Seegasse: Ein Lastwagen blieb bei Tor 4 stecken, der Steinmetz wurde dadurch auf die barocken Grabsteine aufmerksam, die seit Jahrzehnten unter dem Erdreich lagerten. In der Folge wurde auch ein auffälliger Grashügel entdeckt, unter dem weitere Steine versteckt lagen. 280 der 931 Steine wurden wieder an ihren Bestimmungsort zurücktransportiert, der dank der Bestandspläne, die Bernhard Wachstein in den 1910er Jahren erstellt hatte, genau rekonstruiert werden konnte. Am zweiten September 1984 wurde der Friedhof Rossau neu eingeweiht.

Verwitterung ausgesetzt

Der Rest der Steine liegt jedoch noch heute unter der Grasnarbe am Zentralfriedhof verborgen. Das Geld, um auch den restlichen Bestand an einen würdigen Ort zu stellen und zu pflegen, wurde bislang von der Stadt Wien nicht aufgebracht. "Keiner hat sich bis jetzt laut genug eingesetzt", bedauert Walzer.

Auch am Friedhof Seegasse liegen noch einige Grabsteine auf der Erde, notdürftig durch Planen geschützt. Die unsachgemäße Lagerung bleibt nicht ohne Folgen, wie die Expertin schildert: "Es entstehen Risse, die Schrift platzt auf. Die Steine sind in keinem guten Zustand." Sie ergänzt: "So wie sie hier seit 20 Jahren liegen, werden sie zerstört." Die gute Nachricht sei, dass die Stadt Wien erst kürzlich beschlossen hat, mit der Sanierung fortzufahren.  (Julia Schilly, derStandard.at, 30. Oktober 2010)

Literatur

Traude Veran: Das steinerne Archiv - Der Wiener jüdische Friedhof in der Rossau
Mandelbaum Wien 2006
ISBN 3-85476-176-7

VeranstalterInnen der Führungen:

BHW-Akademie für Bildung und Regionalkultur: http://www.bhw-n.eu
Gesellschaft für politische Aufklärung: www.uibk.ac.at/gfpa

Weitere Veranstaltungshinweise:
Studienreise zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Termin: 16. Bis 22. April 2011 (Woche vor Ostern)
Anmeldung: bis 15. März
Kosten 465 Euro (bei Anmeldung bis 31.12.2010), Ermäßigungen für Studierende und SchülerInnen

Informationen und Anmeldung:
Waltraud Riegler, Bildungs- und Heimatwerk NÖ,
w.riegler@bhw-n.eu

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 120
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biggi729
11
1.11.2010, 09:06

sorry, aber ich versteh bis heute nicht, wieso die jüdische bevölkerung quer durch die geschichte dermaßen verfolgt wurde und wird. hab einmal gehört, dass es tlw. einfach der blanke neid gewesen sein soll, da sie als besonders geschäftstüchtig gelten. ich mein, dass kanns ja ned sein, dass jemand einzig und allein wegen seiner religion so bekämpft wird.
mir persönlich ist es als nichtgläubige sowieso völlig wurscht, woran jemand glaubt. wenn er will, soll er einen grashalm anbeten solange er mich nicht auch dazu zwingen will!

Susanne_B
00
2.11.2010, 11:44

KAtholisches Zinsverbot - das hat dazu geführt, dass meist Juden Geld verliehen haben. Für die galt dieses eben katholische Verbot ja nicht. Und so entstand das Vorurteil, alle Juden seien furchtbar reich und hätten diesen Reichtum auf Kosten der armen nichtjüdischen Bevölkerung erwirtschaftet.

Dazu kommen zig HErrscher, die Übergriffe geduldet oder sogar unterstützt haben- man war ja dankbar für Sündenböcke.
Dazu die fehlende Bildung, die dann dazu führt, dass man meint, Hostien seien vergiftet worden, bloß weil sie verdorben sind. Das schob man natürlich auch Nicht-Christen in die Schuhe.

biggi729
00
2.11.2010, 13:48

schlimm :o((

ja aber
175
31.10.2010, 10:44
es ist schön wenn man im katholischen österreich zu allerheiligen einen bericht über katholische friedhöfe lesen kann.

oder? ;-)

gibts bei den juden eigentlich allerheiligen/allerseelen?

ja aber
74
1.11.2010, 15:53
ich stelle fest

humor, smileys und sinnerfassendes lesen ist nicht die stärke der standard poster.

weiters 10 negative stricherl und trotzdem kann keiner die frage beantworten.

major grubert
30
1.11.2010, 10:25
wann

waren sie das letzte mal in der kirche und haben fuer die armen seelen gebetet?

Jane Lane
 
01
31.10.2010, 21:46

Ich bin nicht katholisch.

tassen im schrank
67
31.10.2010, 20:00
katholisches österreich?

dir hat ein weisses täubchen ordentlich ins hirn gschi$$en.

pepitschek1
21
1.11.2010, 11:48
ich glaub eher, es war ein

klerikalfaschist!

hoch lebe Lueger/Dolfuss/Schüssel!

melhor
02
31.10.2010, 19:13

was genau ist dabei das problem?

. g.bac
42
31.10.2010, 19:48
hat er geschildert

was genau haben sie nicht verstanden?

Wolfgang Schwarz779
 
13
30.10.2010, 14:59
youtube

Wir haben mal in der Studienzeit eine Dokumentation über den Friedhof gemacht. Ist irgendwo bei youtube abrufbar, hab grad den Link nicht dabei (heißt "Diesseits und Jenseits").

Der Friedhof ist einfach sehenswert. Und wenn sich die Möglichkeit ergibt, ein Gespräch mit den Bewohnern des Hauses zu suchen ist auch niemals falsch. Abgesehen, dass die meisten sich über Gespräche freuen, erfährt man allerhand historisch Interessantes...

calimero6321
01
1.11.2010, 08:43

Dazuzuschreiben wäre, dass in der Seegasse Nr. 9 noch längere Zeit ein jüdisches Spital war. Ich weiß jetzt nicht, wann es abgerissen wurde, im Jahr 1970 hat es aber mit Sicherheit noch bestanden, da dort mein Großvater verstorben ist.

Bernhard Pircher
 
02
30.10.2010, 18:46
Link zu Youtube (Alsergrund)

;-)
http://www.youtube.com/watch?v=ADIZxG7Qj2U
;-)

Der, der es besser weiß
42
30.10.2010, 14:01

Nur nach dem Lesen der Überschrift hätte ich gesagt: Weg mit dem Krempel, macht Putzkalk aus den Knochen.

Aber bitte, das ist ein historischer Friedhof und solange der heute nicht mehr benutzt wird habe ich nichts dagegen.

Dort ruhen Jahrhunderte Geschichte.

das kleine Maßnahmenpaket
02
30.10.2010, 14:19

Wie kommen Sie darauf dass auf anderen Friedhöfen keine Geschichtsdokumente zu finden sind?

Der, der es besser weiß
61
30.10.2010, 15:09

Ich habe nirgendwo gesagt, dass es auf anderen Friedhöfen keine Geschichte gibt.

Natürlich gibt es auf jedem Friedhof Geschichte. Im Gegensatz zur jüdischen wird aber die einheimische noch immer weitergeschrieben, während zu dieser der zeitliche Abstand wächst und damit die Relevanz schrumpft.

das kleine Maßnahmenpaket
02
1.11.2010, 09:05

Nun ja, das ist das Wesen der Geschichte, dass sie sich laufend fortschreibt. Die Gegenwart von heute ist zwangsläufig die Geschichte von morgen, und dann ist es auch ganz gut wenn nicht alles zu Kalk vermahlen ist.

I_prefer_not_to
16
1.11.2010, 00:22

Allein schon, dass Sie versuchen, aus "jüdisch" und "einheimisch" einen Gegensatz zu konstruieren, zeigt, in welchem ideologischen Eck Sie sich befinden.

Und dass die jüdische Geschichte in Österreich nicht mehr weiter geschrieben werden würde, entspicht Ihren Wunschträumen, aber zum Glück nicht der Realität.

Jane Lane
 
02
31.10.2010, 21:50

Na was glauben Sie, wie groß erst der zeitliche Abstand zu Lucy, Ötzi oder auch Carnuntum ist... auch alles zu Putzkalk und Füllschutt schlagen, Sie Aushilfsschliemann ?

Stalker Tarkov
03
31.10.2010, 15:19

Meinen Sie damit, dass es keine Juden in Wien gibt? Die Israelitische Kultusgemeinde würde Ihnen da aber widersprechen.

ziegenhals
 
92
30.10.2010, 13:38

ein jüdischer friedhof im hof eines gebäudes. müssen eig. die männlichen bewohner und besucher jedes mal eine kopfbedeckung aufsetzen, wenn sie nur rein- oder rausgehen?

h 90
85
30.10.2010, 10:24

Was passiert eigentlich mit christlichen Graebern?
Nachdem dauernd Leute sterben muessten die Friedhoefe ja immer groesser werden??? Oder grabt man das einfach nach einer Zeit aus und schmeisst den Inhalt weg?
(mir erschliesst sich der Sinn des Eingrabens sowieso nicht)

Oooommmmm
00
31.10.2010, 09:45
In Familiengräbern legt man die Leute auch einfach aufeinander,

wenn genug Abstand zwischen den Sterbedaten ist.

Redwraithvienna
00
30.10.2010, 21:24
kommt drauf an ...

in england und in den USA können gräber in perpetuum gekauft werden ... sprich das grab wird nicht aufgelassen, der friedhof verwildetert (Highgate Cementery in London ist ein wunderschönes beispiel).

Bei uns pachtest / mietest du gräber für 10 / 20 / 30 etc jahre und musst dich um den erhalt kümmern.

Dannach werden deine gebeine wieder ausgegraben und in ein Beinhaus verlagert (in Hl. Blut ist eines der bekanntesten).

Aber: Im christlichen Glauben gibt es keine beschränkungen dafür, im jüdischen sehr wohl.

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