"Mit dem Kreuz herumzufuchteln ist absoluter Unfug"

28. Oktober 2010, 19:32
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Das Ohr auf die Schienen der Zeit zu legen wünscht sich Monsignore Petrus Bsteh, Leiter der Kontaktstelle für Weltreligionen

Standard: Welche Rolle spielt denn Ihrer Meinung nach die Religion beim Integrationprozess?

Bsteh: Ein Ausziehender nimmt die tiefste und prägendste Erfahrung aus seinem Ausgangsland mit. Ohne sie geht er verloren. Der Mensch ist an sich ein Wanderwesen. Er muss ausziehen. In Situationen der inneren Verunsicherung kann es zu Verhärtungen in zweierlei Richtung kommen: Nach vorn durch Aggressivität und nach rückwärts durch Fundamentalismus, Fanatismus, Nationalismus.

Standard: Ist Religion eine Identitätsstütze in der Fremde?

Bsteh: Eine unerlässliche. Sie ist das Vermächtnis der Eltern, der eigenen, ursprünglichen, religiösen Erfahrungen.

Standard: Wie kann Religion Integrationsprozesse fördern?

Bsteh: Es gibt schöne Beispiele der Solidarität, wo sich etwa die Christen klar zu den Rechten des Islams bekannt haben. Problematisch sind die Leute, die das Christentum als politische Waffe benutzen. Mit dem Kreuz herumzufuchteln ist absoluter Unfug. Das Problem der Integration ist, dass der Begriff in einer abenteuerlichen Weise von der Politik missbraucht wird. Es wird in der Demokratie nicht mehr über Inhalte abgestimmt, das qualitative Moment fehlt in der Diskussion.

Standard: Die Anerkennung der Religion ist elementar für die Integration. Stimmen Sie dem zu?

Bsteh: Das würde ich sicherlich sagen. Aber es gibt Dinge, die marginal sind und zu einem Statussymbol erhoben werden. Das Kopftuch ist geradezu eine lächerliche Sache, die man religionspolitisch als Waffe einsetzen kann, aber an sich ist das kein religiöses Thema.

Standard: Warum wird gerade dem Islam immer Intoleranz gegenüber anderen Religionen vorgeworfen?

Bsteh: Der Islam war an sich sehr viel toleranter als das mittelalterliche Christentum. Er hat wenigstens andere Religionen einbezogen und ihnen Toleranz und Existenzrecht gewährt.

Standard: Warum spitzt sich die Diskussion dann auf einen nichtintegrationsfähigen Islam zu, wie das derzeit geschieht?

Bsteh: Das ist ein sehr komplexes Phänomen. Der Islam hat das Recht und die Pflicht, sich mit der westlichen Kultur auseinanderzusetzen. Er darf sich nicht selbst einfach pauschal als Lösung für den Westen importieren. Die Urbanisation macht auch vor der islamischen Welt nicht halt. Sie können in einer saudi-arabischen modernen Stadt heute nicht mehr in den Kategorien der Vergangenheit vermitteln.

Standard: Bringen Migranten diese Kategorien mit?

Bsteh: Vielfach müsste dieses Kulturgut in einer säkularen, urbanisierten Welt neue Gestalt annehmen. Du kannst heute nicht mehr ohne weiteres in einer Großstadt einen Hammel schlachten. Das ist eine ehrwürdige Tradition der Gastfreundschaft. Aber bei uns geht das so nicht. Der transkulturelle Prozess braucht Zeit und Öffnung, gegenseitige Hilfe, Erklärung, die man sich aber auch geben lassen muss. Das, was wir den Dialog nennen.

Standard: Gibt es genug Öffnung vonseiten der Kirche?

Bsteh: Das ist ein höchst sensibler Prozess. Man darf auch die Kirche nicht in einen gewaltsamen Prozess hineinzwängen und Resultate erwarten. Man muss das Ohr auf der Schiene der Zeit haben. Das geht nicht mit Audienzen oder Reportagen, auch nicht mit Eintagsjournalismus. Das sind Begegnungen. Es ist nicht selbstverständlich, dass so ein Prozess durchgehalten wird. Ebenso wenig, dass er jene Breite findet, die er braucht, um zu einer politisch-sozialen Integration führen zu können.

Standard: Unterstützen Sie die muslimische Gemeinschaft in ihrem Wunsch nach Minaretten?

Bsteh: Jetzt zu beginnen, Minarette zu bauen, ist völlig anachronistisch und daneben. Es gibt allerdings auch moderne Konstruktionen, die nichts Provokantes haben. Integrale Gebetsräume, wo die Leute ihren religiösen Bedürfnissen äußeren Ausdruck verleihen. Das ist ein Urrecht des Menschen. Wenn eine Anzahl von Muslimen im Westen ist, dann ist ihnen auch Raum dafür zu geben.  (Julia Herrnböck/DER STANDARD, Printausgabe, 29. Oktober 2010)

Zur Person

Petrus Bsteh, Jahrgang 1931, leitete viele Jahre das Afro-Asiatische Institut in Wien, bevor er Rektor der "Kontaktstelle für Weltreligionen", eines Referats der österreichischen Bischofskonferenz, wurde. Nach Studien der Theologie, Philosophie und Völkerkunde verbrachte er unter anderem einige Zeit in einer Stammesgemeinschaft in Uganda.

  • Für Petrus Bsteh ist Religion eine Identitätsstütze.
    foto: der standard/franz josef rupprecht

    Für Petrus Bsteh ist Religion eine Identitätsstütze.

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