Studienfach Wehleidigkeit

28. Oktober 2010, 17:19
244 Postings

Die Studierenden hätten gewichtige Gründe zum Protestieren, aber zornig werden sie nur beim eigenen Geld

Man kann argumentieren, dass die Streichung der Familienbeihilfe nach dem 24. Lebensjahr nicht die sinnvollste Sparmaßnahme ist, auf die die Koalition hätte verfallen können – vor allem, wenn damit wirklich der Verlust anderer Vergünstigungen so wie Mitversicherung, und billigere Fahrkarten verbunden ist.

Aber weder verursacht der Schritt besondere soziale Härten, noch ist er, wie die ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer behauptet, „eine Sauerei“, oder wie es GPA-Chef Wolfgang Katzian formuliert, „zynisch“.

Denn auch nach dieser Kürzung bleibt  die staatliche Unterstützung für Studierende in Österreich eine der großzügigsten auf der Welt, bleiben die Studierenden eine der finanziell privilegiertesten Bevölkerungsruppen im Lande. Lehrlinge können von solchen Vorteilen nur träumen.

An alle, die jetzt aufschreien: Ich weiß, das Studium ist keine einfache Zeit. Man hat immer zu viel Stress und zu wenig Geld, plagt sich mit unmöglichen Studienbedingungen und schlecht bezahlten Nebenjobs – und dann gibt es noch die Eltern, die lästig nach Prüfungserfolgen fragen.  

Aber die Wehleidigkeit, mit der Studentenvertreter, Leserbriefschreiber und Poster (auch auf meinen letzten Blog zum Budget) jetzt der Öffentlichkeit weismachen wollen, dass die Studierenden die ärmsten Schweine in diesem Land sind, grenzt ans Lächerliche.

Studenten haben nicht alle wohlhabende Eltern, aber zum Großteil kommen sie aus gut gebildeten, gut verdienenden Familien. Nur ein Bruchteil der Studierenden stammt aus der Arbeiterschicht – eine ernüchternde Bilanz vier Jahrzehnten sozialdemokratischer Bildungsreformen. Dagegen würden zielgerichtete Stipendien viel mehr nützen als die breit gestreute Familienbeihilfe, die vor allem den Kindern der Mittelschicht nützt.

Diese bekommen ihr Studium von der Allgemeinheit – einschließlich jener Kleinverdiener, die ihre Kinder nicht an die Unis schicken – praktisch gratis bezahlt und schaffen sich damit die Grundlage für einen späteren höheren Verdienst.

Wenn sie motiviert sind, nehmen sie Auslandsstipendien in Anspruch und verbringen spannende Monate in Bologna, Barcelona  oder Paris. Und sie genießen Jahre der Freiheit ohne wirkliche Verantwortung.  Alles in allem geht es ihnen ziemlich gut.

Wenn der VSStÖ jetzt beklagt, dass der Druck an den Unis psychisch krank macht, dann kann man ihre Vertreter nur einladen, einmal gut geführte Eliteunis in anderen Ländern zu besuchen und zu beobachten, wie viel härter dort gearbeitet wird als in Österreich.   

Dass Studierende meist knapp bei Kasse sind, daran ist nicht der böse Sozialabbau verantwortlich. Seit der Gründung der ersten Universitäten im Mittelalter waren Bettelstudenten unterwegs, die sich kaum über Wasser halten konnten.

Aber schon damals wussten sie, dass sich die Jahre des Einkommensverzichts langfristig dennoch auszahlen – gesellschaftlich und finanziell.  Das gleiche gilt für die heutigen Uni-Absolventen.

Das Ärgerliche an den bisherigen und jetzigen Protesten ist nicht, dass Studenten protestieren – das  gehört zu dieser Lebensphase dazu –, sondern wogegen sie protestieren: nicht gegen die miserablen Studienbedingungen, die fehlenden Seminarplätze, das schlechte Betreuungsverhältnis, den bürokratischen Apparat, das Desinteresse zu vieler Uni-Lehrer .

Zwar waren diese Themen mit ein Auslöser für die Besetzung des Audimax vor einem Jahr, aber schon damals wandten sich die Studierenden mit noch mehr Vehemenz gegen jene Maßnahmen, mit denen das Uni-Chaos eingedämmt werden könnte:  Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen.  Viel verlangen und nur ja nichts selbst hergeben, lautete die Devise.

Nun wurde bei der Budgetklausur der Koalition am vergangenen Wochenende nicht nur die Familienbeihilfe gekürzt, sondern auch der offene Hochschulzugang durch die Einführung sehr  kurzer Studieneingangsphase mit einem Schlag abgeschafft.

Hier hätte man laute Proteste erwarten können, aber interessanterweise regt sich jetzt dagegen fast kein Widerstand: Alles, wogegen die Studierenden bzw. ihre Vertreter schreien, ist die Kürzung öffentlicher Unterstützung.

Die kommende Elite des Landes scheint in die Fritz-Neugebauer-Schule der demonstrativen Wehleidigkeit und offensiven Besitzstandverteidigung zu gehen.  Sie hätten so viel Grund zum Protestieren, aber was sie bewegt, ist vor allem der dringende Wunsch, dass der Staat weiter für sie sorgt. Das gibt wenig Zuversicht für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes.

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
Share if you care.