"Fatale Signale" entdeckt Wolfgang Katzian im Budget - Der Chef der SP-Gewerkschafter über arme Studenten, geprellte Krankenkassen und die gerechte Verteilung von Arbeitszeit
Standard: Waren Sie bei der Demo gegen das Sparpaket dabei?
Katzian: Nein, weil zur gleichen Zeit der ÖGB-Vorstand getagt hat, um das Budget zu analysieren. Aber unsere Jungen in der Gewerkschaft haben gemeinsam mit den Studenten Gas gegeben - und ich stehe natürlich auf derselben Seite. In einigen Fragen wird sich die Regierung bewegen müssen.
Standard: Zum Beispiel?
Katzian: Wild macht mich, dass die Familienbeihilfe nur mehr bis zum Alter von 24 Jahren ausbezahlt werden soll. In einer Welt, in der sich unser Land nur über den Weg der Bildung behaupten kann, ist das ein fatales Signal. Wir werden Druck machen, das zu ändern.
Standard: Muss man ab 24 nicht auf eigenen Beinen stehen können?
Katzian: Für Studierende ohne begüterte Eltern klingt das zynisch. Ich schau mir an, wie ein Medizinstudent locker nebenbei hackelt. Der muss auf der Uni präsent sein.
Standard: Was stört Sie noch?
Katzian: Dass zu wenig Geld für die Krankenkassen fließt. Diese haben sich schließlich zu Einsparungen verpflichtet, die sie auf Punkt und Beistrich erfüllen. Im Gegenzug hat die Regierung 100 Millionen für den Kassenstrukturfonds zugesagt - doch jetzt sind es plötzlich nur mehr 40 Millionen. Die Folgen kann ich nicht sehenden Auges zulassen: Im schlimmsten Fall fährt das Werkl in zwei Jahren gegen die Wand. Ein weiterer Wermutstropfen ist die höhere Mineralölsteuer ...
Standard: ... die der Umwelt zugute kommen könnte ...
Katzian: ... aber Pendler belastet. Die geplanten 15 Millionen für die Erhöhung der Pendlerpauschale sind eindeutig zu wenig.
Standard: Nicht alle Pendler sind so arm, wie gerne behauptet wird. Fast jeder dritte Bezieher verdient 40.000 Euro oder mehr im Jahr.
Katzian: Nur lässt sich schwer differenzieren, wer aus freien Stücken in den Speckgürtel gezogen ist oder wer keine andere Wahl hat, als mit dem Auto einkaufen und arbeiten zu fahren. Aber abgesehen davon begrüße ich einige der Pläne für neue Einnahmen. Bei Bankenabgabe und vermögensbezogenen Steuern hat sich die Gewerkschaft durchgesetzt - ein paar Punkte sind abgehakt.
Standard: Nicht die mit viel Tamtam geforderte Vermögenssteuer.
Katzian: Diese ist deshalb nicht vom Tisch. Im nächsten Jahr werden wir uns von neuem fragen, wo Geld für Schulen, Unis und Soziales aufzutreiben ist - und dann brauchen wir eine Steuer auf die Substanz von Vermögen. Aber bei Verteilungsgerechtigkeit geht es mir nicht nur um Geld.
Standard: Sondern?
Katzian: Es geht auch um Zeit. Meine Vision ist die Formel 40-40-40, die ich nächste Woche beim Bundesforum der GPA präsentieren werde: 40 Stunden Arbeit pro Woche, 40 Wochen im Jahr, 40 Jahre im Leben.
Standard: Die Wochenarbeitszeit ist doch jetzt schon oft kürzer
Katzian: Nicht, wenn man die Überstunden einrechnet. Pro Jahr sind das 307 Millionen - ein Drittel wird nicht korrekt abgegolten. Tatsächlich arbeiten die Österreicher viel mehr als im EU-Schnitt. Ziel ist, Überstunden zu verteuern und für Arbeitgeber unattraktiv zu machen. Gegen verschleiernde All-inclusive-Verträge braucht es gesetzliche Maßnahmen.
Standard: Außerdem soll es zwölf Wochen Urlaub geben?
Katzian: Nein. Wir fordern die sechste Urlaubswoche für alle. Darüber hinaus soll es zwei Wochen im Jahr Bildungsfreistellung geben. Es heißt, dass sich das Wissen der Menschheit alle sechs Jahre verdoppelt - um auf dem Laufenden zu bleiben, brauchen die Arbeitnehmer Zeit. Die restlichen zwei Wochen sollten für Regeneration reserviert sein, schließlich nehmen Stress und psychische Belastungen zu. Dies ist die Voraussetzung, um überhaupt 40 Jahre gesund im Job durchzuhalten. Weil die Menschen wegen längerer Ausbildung immer später in den Beruf einsteigen, werden viele dennoch erst mit deutlich über 60 in Pension gehen. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2010)
WOLFGANG KATZIAN (54) stellt sich am 4. Nov. der Wiederwahl als Chef
der Privatangestellten-Gewerkschaft (GPA).