Heimatkunde auf dem Judenfriedhof

28. Oktober 2010, 17:18
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Das Burgenland hat begonnen, seine 14 jüdischen Friedhöfe zu sanieren - Was fehlt, ist eine umfassende "Entanonymisierung"

Das Burgenland hat damit begonnen, seine 14 jüdischen Friedhöfe zu sanieren. Was freilich fehlt, sei eine umfassende "Entanonymisierung", kritisiert der Chef des Eisenstädter Jüdischen Museums.

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Eisenstadt - Vergangene Woche wurde im Parlament die Einrichtung eines Fonds zur Sanierung und Erhaltung jüdischer Friedhöfe beschlossen. Im Burgenland konnte man da schon das Ende der ersten Etappe der diesbezüglichen Arbeit vermelden: Die Projektinitiative Erinnerungszeichen - ein gemeinsames Projekt von Land und Israelitischer Kultusgemeinde - hat die Friedhöfe in Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz/ Zelem instand gesetzt. Die elf restlichen sollen folgen, wobei den Initiatoren, sagt der Koordinator Dieter Szorger, vor allem auch die "Bewusstseinsbildung" am Herzen liegt. Deshalb wird jede Sanierungsetappe mit einer speziellen Schulkooperation verknüpft.

Unabhängig davon hat man auch in Mattersburg unübersehbare Zeichen gesetzt. Am Eingang zum großen Friedhof - auf dem immer noch die meisten Grabsteine fehlen, weil die Nazis sie als Baumaterial missbrauchten - erinnert nun eine Tafel an die lange jüdische Geschichte der Stadt.

Die verschwundenen Grabsteine beschäftigen seit April dieses Jahres auch das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt. Das Museum gelangte nämlich in den Besitz des Nachlasses von Isidor Öhler - jüdischer Religionslehrer und ab 1910 -inspektor der Wiener Kultusgemeinde. Darin befanden sich Fotos und Abschriften von Grabsteinen des Mattersburger Friedhofs. Museumschef Johannes Reiss startete im April das Projekt "Entanonymisierung", damit "die Toten dieses weltberühmten Friedhofs" endlich auch ein "Gesicht" bekommen.

Das schon angelaufene, im Internet einsehbare Projekt liegt mittlerweile aber auf Eis. Der Nationalfonds hat einen Förderantrag "zurückgestellt", tröstet aber, das Museum könne "noch einmal" einreichen und dabei "Missverständnisse klären", was Museumschef Johannes Reiss ratlos bloggen lässt: "Wir wissen nicht, welcher Art die Missverständnisse sind."

Eine gewisse Unstimmigkeit trübt auch in Kobersdorf den allgemeinen Konsens. 1994 hat die Kultusgemeinde die der nazistischen Zerstörungswut entkommene, baufällige Schul' - die Synagoge - an einen Verein verkauft. Unter der Bedingung der Erhaltung, die nicht erfüllt wurde, sagt die Kultusgemeinde, die den Verkauf rückabwickeln will. Mittlerweile liegt der gerichtsanhängige Streit bei der obersten Instanz.

Eine neue Entwicklung zeichnet sich im"Fall Rechnitz" ab. Wie der Standard erfuhr, arbeitet man daran, alle archivierten Dokumente, die sich mit dem Massenmord an 200 ungarischen Juden in den letzten Kriegstagen beschäftigen, zusammenzutragen. Und damit den letzten großen jüdischen Friedhof des Landes überhaupt erst zu finden. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 29. Oktober 2010)

Blog des Eisenstädter jüdischen Museums: www.ojm.at/blog

  • Symbolische Grabsteine ersetzen in Mattersburg die verschollenen 
Originale. Das Projekt, diese anhand alter Fotos zu "entanonymisieren", 
liegt auf Eis.
    foto: der standard/hans wetzelsdorfer

    Symbolische Grabsteine ersetzen in Mattersburg die verschollenen Originale. Das Projekt, diese anhand alter Fotos zu "entanonymisieren", liegt auf Eis.

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