Mit Fäusten fängt man Speck

28. Oktober 2010, 17:16
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Am Samstag hat am Burgtheater Michael Thalheimers Inszenierung von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" Premiere

Ein Abc zur Einstimmung auf Brechts Abrechnung mit dem Kapitalismus.

Blattspeck Seiner Herstellung und Abpackung, vor allem aber seinem Absatz gilt das Hauptinteresse in Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Die Produktion von Büchsenfleisch krankt ganz grundsätzlich an gewissen technischen Einschränkungen: Gelegentlich fallen Brechts Proletarierfiguren in Sudkessel, oder sie büßen aufgrund akuter Übermüdung an der Schneide des Sägemessers einen Arm oder ihre Finger ein. Nicht immer scheint daher der Inhalt der Büchsen von untadeliger Qualität zu sein.

Börsenspekulation Bertolt Brechts fünfaktiges Lehrstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe, entstanden in den Jahren 1929 bis 1931, widmet sich hingebungsvoll den Funktionsweisen der Wirtschaft: In Chicago kommt es um 1900 im Fleischhandel zu einer krisenhaften Entwicklung. Die Preise, durch die Gesetze von Angebot und Nachfrage diktiert, fallen vorübergehend in den Keller.

Der Büchsenfleischpraktikant Pierpont Mauler treibt nicht nur Konkurrenten in den Ruin, sondern beweist, dass man durch (scheinbar) irrationales Handeln als Sieger aussteigt. Der Schlüssel zum Erfolg laut Brecht: Tue das Gegenteil dessen, was als vernünftig erscheint. Verblüffe die Konkurrenz, und sie wird ihre Entscheidungen auf die deinigen abstimmen.

Dass im Zuge der Marktbereinigungen hunderttausend Arbeiter ihren Job verlieren und damit dem Tod durch Kälte und Verhungern preisgegeben sind, bezeichnet zugleich den "Lichtpunkt" in Brechts marxistischem Konjunktur-Planspiel: Jetzt müsste das Proletariat nur noch sein Klassenprofil schärfen, dann ließe sich auch erfolgreich die Revolution anzetteln ...

Episches Theater In Brechts Theatermodell wird dem bürgerlichen Zuschauer das Genießen ausgetrieben: Als verpönt gilt dem größten deutschen Theaterreformator seit Lessing die Einfühlung in das Schicksal seiner Bühnenhelden. Das erbauliche Entwickeln einer Fabel macht dem Zeigen von Zusammenhängen Platz. Wer "verstanden" hat, wird die ungerechte Gestaltung der Weltverhältnisse als Auftrag verstehen, die kapitalistische Ordnung umzustürzen.

Die Faszination der Johanna liegt aber in ihrer Brückenfunktion: Der Zuschauer verheddert sich im Entwirren der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Dem armen Heilsarmeemädchen Johanna Dark, das sich den Verelendeten anschließt und marxistisch geläutert an Lungenentzündung stirbt, wird man hingegen das Mitleid auch als hartgesottener Kommunist nicht versagen wollen.

Johanna Dark Der weibliche Leutnant der "Schwarzen Strohhüte" , am Wiener Burgtheater gespielt von Sarah Viktoria Frick, predigt den Freigesetzten Christi Liebe zu den Erniedrigten und Beleidigten. Ihre Reformhoffnungen setzt sie ausgerechnet in den Unternehmer Pierpont Mauler (Tilo Nest).

Den wandeln mitten im wildesten Krisengeschehen immer wieder Regungen selbstloser Liebe zu Tier und Mensch an. Aus der Mésalliance der beiden kommt freilich nichts Rechtes zustande: Mauler ist der überlegene Profiteur einer Wirtschaftsordnung, die in Bertolt Brechts Lesart aus den furchtbarsten Krisen wunderbar gestärkt hervorgeht – wenn man die Kapitalisten denn machen lässt.

Klassikerparodie Brecht war Klippschul-Marxist: Seine Kenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge verdankt sich einigen wenigen Lehrstunden bei dem deutschen Philosophen Karl Korsch, mit dem er im amerikanischen Exil zusammenarbeitete. Im Kapital las er gelehrig, aber wenig ausdauernd.

Entsprechend unübersichtlich gestaltet sich auch die Nachrichtenlage in der Heiligen Johanna: Die Fleischfabrikanten tönen mitunter wie Shakespeare-Helden aus den Königsdramen. Überhaupt treten keine scharf umrissenen Charaktere auf, sondern Lautsprecher der jeweiligen Ideologie: Das bürgerliche Bewusstsein lügt – und betrügt auf Schritt und Tritt vor allem sich selbst.

In wunderbaren Anklängen zitiert Brecht Shakespeares Kaufmann von Venedig – und verhöhnt Goethes Schlussapotheose aus Faust – der Tragödie zweiter Teil.

Krise Wirtschaftskrisen sind im Kapitalismus der Motor der Entwicklung: So wie auf jede Hausse eine Baisse folgt, steckt im Abschwung auch die Chance auf sagenhafte Gewinne. Es gilt lediglich, im Krisenfalle kühlen Kopf zu bewahren und das Elend der Armen nicht zu schwer zu nehmen. Unternehmer wie Pierpont Mauler behelfen sich auch mit Kalendersprüchen und dem wertvollen Hinweis, dass die Gesetze der Wirtschaft so unwandelbar seien wie der Lauf der Gestirne.

Thalheimer Der deutsche Starregisseur Michael Thalheimer (45) ist gewiss kein Fleischfabrikant, aber seine Inszenierungen (in den letzten Spielzeiten vor allem am Deutschen Theater in Berlin) ähneln mitunter Brühwürfeln: Stoffe und Texte werden erbarmungslos bis zur Gewinnung ihrer Essenz eingedickt. Bühne: Olaf Altmann.

Uraufführung Brecht schrieb während vieler Monate und Jahre an der Heiligen Johanna – in wechselnden Arbeitsstufen. Dabei bediente er sich verschiedener Beiträge seiner Mitarbeiter Elisabeth Hauptmann und Emil Burri und vereinheitlichte das äußere Erscheinungsbild des Dramas.

Als man sich in Darmstadt schließlich zur Uraufführung durchrang, schrieb man bereits den 25. Jänner 1933, und Hitlers Machtübernahme ließ nur noch sechs Tage auf sich warten. Das Material passierte im Koffer die Stationen des Exils. Die nachgetragene Uraufführung durch Gustaf Gründgens am Hamburger Schauspielhaus 1959 wurde durch den Umstand geadelt, dass Brecht-Tochter Hanne Hiob die Titelrolle gab. Da war ihr Vater bereits drei Jahre tot.

Wirtschaft An ihrem Gedeihen hängt laut Brecht das Interesse aller derjenigen, die, gleich ob sie "persönlich" gut oder schlecht sind, vom Leid der anderen profitieren. Was Brecht nicht wissen konnte: Achtzig Jahre später steht der Staat für Spekulationsverluste von Kapitalgebern gerade. Es hat sich also etwas getan in den vergangenen 80 Jahren. (Ronald Pohl, DER STANDARD – Printausgabe, 29. Oktober 2010)

Premiere im Wiener Burgtheater am Samstag, 19.30 Uhr

  • Das Heilsarmeemädchen Johanna Dark (Sarah Viktoria Frick) und der 
überlegene Profiteur der Wirt-schaftskrise (Tilo Nest) in Michael 
Thalheimers Burgtheater-Inszenierung.
    foto: reinhard werner/burgtheater/presse

    Das Heilsarmeemädchen Johanna Dark (Sarah Viktoria Frick) und der überlegene Profiteur der Wirt-schaftskrise (Tilo Nest) in Michael Thalheimers Burgtheater-Inszenierung.

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