Piratenpfeffer für die Wiener Aktionisten

28. Oktober 2010, 17:27
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Paul McCarthy in der Sammlung Friedrichshof: Sein unangepasstes, wildes künstlerisches Werk weist ihn als US-Verbündeten der Wiener Aktionisten aus

Zurndorf - Der Lärm ist fast ohrenbetäubend. 14 Projektoren werfen ihre Bilder an die Wände und vermutlich addieren sich ebenso viele Tonspuren zu einem Tosen, das dem Hörer geradezu Gewalt antut.

Warum die Sammlung Friedrichshof die erste Wechselausstellung in den umgebauten Räumlichkeiten in Zurndorf im Nordburgenland dem US-amerikanischen Künstler Paul McCarthy gewidmet hat, erschließt sich recht unmittelbar. Die Videobilder zeigen ein wildes Treiben, ein blutbeschmiertes Chaos, in dem gesägt, sich besudelt, kannibalistisch an Fleischstücken geknabbert wird oder sich goldbeknöpfte Seemänner eine Schokoladendusche gönnen. Eine entmenschlichte Meute, Szenen, die Géricauls Floß der Medusa ähneln. Ohne Moral, Skrupel oder Würde, denkt man voller Abscheu, und ist damit der künstlerischen Intention bereits auf der Spur.

Die sogenannte "Uni-Ferkelei" (Kunst und Revolution, 1968) der Wiener Aktionisten erscheint im Vergleich wie ein harmloser Bubenstreich. Der Wiener Aktionismus ist für das Enfant Terrible der amerikanischen Kunstwelt tatsächlich eine wichtige Referenz. Bereits bei seinen ersten Aktionen in den 1970er-Jahren hat der heute 64-jährige Künstler deren Ideen radikal weitergeführt. In Class Fool von 1976 kotzt er sich (nonverbal!) in einem beschmierten Klassenzimmer aus, wälzt sich masturbierend im Faschierten, schiebt sich eine Barbiepuppe dorthin, wo es ganz dunkel ist, und verwendet bereits damals Ketchup, Mayonnaise und Schokolade, um sexualisierte Orgien der Gewalt zu inszenieren. Eine drastische, metaphorische Sprache, die er inzwischen filmisch mit Charakteren aus der Disney-Welt oder dem Weißen Haus besetzt und unversöhnlich gegen die bigotte Prüderie der USA richtet - gegen Kommerz, Konsum und amerikanische Außenpolitik.

Der Unangepasste werkte lange abseits des Kunstmarkts. Bis 1991 hatte er außer ein paar Zeichnungen keine Arbeit verkauft. Dann lud ihn der Chefkurator des Museum of Contemporary Art in L. A. ein, eine Arbeit für die Ausstellung Helter Skelter zu realisieren: McCarthys Durchbruch. Heute, zuletzt bei der Frieze, verkauft seine Zürcher Galerie Hauser & Wirth seine Collagen für 375.000 Dollar.

Die Ausstellung Carribean Pirates behandelt ein Thema, das McCarthy seit rund acht Jahren verfolgt. Sein Sohn Damon, der inzwischen viele Arbeiten mit dem Senior realisiert, habe ihm vorgeschlagen, sich mit der Disney Freizeitparkattraktion Pirates of the Caribbean zu beschäftigen, die es im Übrigen vor den Filmen mit Johnny Depp gab. Durch die Kulisse eines Bootes gelangt man dort zu einem von Piraten attackierten Dorf - die Männer werden gefoltert, die Frauen versteigert. "Das Thema ist das einer Invasion."

Und so ist schnell klar, dass McCarthys Freibeuter- und Piratenarbeiten, die parallel zum Irak-Konflikt entstanden, sich als Kommentar zu den aggressiven Gesten der Okkupation zu lesen sind. Die Videos der Ausstellung, hier ohne ihre Filmsettings präsentiert - zwei riesige Schiffskulissen -, variieren das Thema. Den Piraten sind nicht minder primitive Reiche gegenübergestellt. Dass der Höllenlärm des Getümmels auf die gesittete Präsentation zum Wiener Aktionismus übergreift - diese also Jack-Sparrow-mäßig entert -, hat einen Nebeneffekt: Es wirkt wie eine ordentliche Prise Pfeffer inmitten der bemerkenswerten, aber bereits historisierten, "abgehangenen" Rahmenware.

Der Kopf von George W.

Auch McCarthys Skulptur Pig Island basiert auf der Freizeitparkkulisse, in der die Piraten nach ihrem Raubzug betrunken zwischen Schweinen herumliegen. In den davon befruchteten Arbeiten McCarthys kommen sich Piraten und Tiere allerdings noch näher. Ein Pirat trägt den Kopf George W. Bushs. Eigentlich ein Zufall, räumt McCarthy ein. Bush sei zentraler Charakter einer anderen Arbeit gewesen. Den Kopf habe er einer der Figuren nur deswegen aufgesetzt, um sich über die Größenverhältnisse klar zu werden. Letztendlich blieb er dort. "Später machten wir eine Reihe von Bush-Köpfen, denn das Gesicht begann mich zu interessieren: Es ist so normal, so adrett, so jedermann."

Angesprochen auf den Umstand, dass seine Skulpturen noch immer als eklig oder obszön angesehen werden, entgegnet McCarthy weise: "Kunst ist immer die Repräsentation einer kulturellen Situation." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 29. Oktober 2010)

  • Paul McCarthy mitten in seiner Videoinstallation "Carribean Pirates" in 
der Sammlung Friedrichshof, die am Samstag, 30. 10. (ab 17 Uhr), neu 
eröffnet wird.
    foto: standard/christian fischer

    Paul McCarthy mitten in seiner Videoinstallation "Carribean Pirates" in der Sammlung Friedrichshof, die am Samstag, 30. 10. (ab 17 Uhr), neu eröffnet wird.

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