In Zukunft Indien

30. Oktober 2010, 11:00
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Also doch: Ein Restaurant in der Wiener Innenstadt interpretiert die Küche des Subkontinents auf beglückende Art neu

Mit ziemlicher Regelmäßigkeit liegen die Restaurantkritiker (auch der Autor) ihren Lesern damit in den Ohren: Irgendwann, so das Mantra, sollte es doch möglich sein, in Wien indische Küche in zeitgemäßer Form zu präsentieren. Es kann schließlich nicht so schwer sein, das gewaltige Potenzial dieser facettenreichen, virtuos aromatischen Küchentradition von all dem Staub freizuschaufeln, der sich über ihre lokalen Repräsentanten gelegt hat. Dementsprechend erwartungsvoll pilgern wir zu jeder der ohnehin seltenen Neueröffnungen, um dann stets aufs Neue in fettig Herausgebackenem, trocken Gegrilltem und verschiedenfarbig Eingekochtem zu stochern, das alles verdächtig gleichförmig schmeckt.

So ähnlich war das auch, als Vrunda und Pawan Batra ihr Restaurant Nirvana vor vier Jahren eröffneten: Ein neuer Inder mitten in der Innenstadt, dazu das Versprechen, die Sache mit der Neuinterpretation diesmal richtig zu machen - da wurde die Erwartungshaltung hoch geschraubt. "Schonkost vom Inder" war dann der Titel der Kritik im RONDO, nachdem der damalige Koch allzu eifersüchtig über seinen Gewürzschrank gewacht hatte.

Subkontinentaler Würzkraft

Inzwischen aber hat Vrunda Batra selbst die Verantwortung über ihre Küche übernommen. Zuerst vorsichtig und dann immer unternehmungslustiger wurde an den Rezepten gedreht, neue Kombinationen mit lokalen Zutaten ausprobiert, westliche Techniken mit subkontinentaler Würzkraft gepaart. Seit einigen Wochen gibt es nun eine neue Karte, in Zukunft soll sie regelmäßig erneuert und nachgeschärft werden.

So inspiriert, so zart und doch furchtlos, wie sich Batra und ihr Küchenteam an die Sache gemacht haben, muss das Urteil revidiert werden: Mittlerweile isst man im Nirvana besser und variantenreicher indisch, als man sich das hierorts zu träumen gewagt hätte. Das beginnt bei den Chutneys, die von faszinierend duftiger Fruchtigkeit sind - ob mit Äpfeln und frischem Koriander oder mit Zwetschken und Feigen. Es setzt sich fort mit vielschichtigen Fischgerichten, wobei der Tilapia aus dem Tandoori in seiner schillernd würzigen Saftigkeit am meisten beeindruckt - obwohl grüner Fischcurry und kardamomwürziger Garnelencurry mit zarter Tamarinden-Säure ihm kaum nachstehen. Muskulös und subtil zugleich auch die Jakobsmuscheln mit flaumigem Grießschmarren und Gewürzen von der Malabarküste.

Huhn und Kebabs aus dem Tandoor-Grill gelingen in verblüffender Zartheit und Saftigkeit, die Currys, ob vom Huhn (grandios: jene mit Kokos und Trockenfrüchten!), vom Lamm oder auf vegetarischer Basis spielen in einer Liga, die es in dieser Dichte in Wien bislang nicht gab: Der Winter kann kommen! (Severin Corti/Der Standard/rondo/29/10/2010)

Nirvana
Rotenturmstr. 16-18
1010 Wien
Tel.: 01/513 3075
Mo-Sa 11-14.30 u. 18-22.30, So 18-22.30 Uhr
VS EURO 2,50-8,50 HS EURO 8,70- 16,50 Menü EURO 44,50, Mittags ab EURO 8,50

Fotos: Gerhard Wasserbauer

  • Sie haben es getan! Vrunda und Pawan Batra zeigen in ihrem Restaurant Nirvana, wie sich die indische Küche auf zeitgemäße Art interpretieren lässt.
    foto: gerhard wasserbauer

    Sie haben es getan! Vrunda und Pawan Batra zeigen in ihrem Restaurant Nirvana, wie sich die indische Küche auf zeitgemäße Art interpretieren lässt.

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    foto: gerhard wasserbauer
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