"Kein Journalist arbeitet so frei wie wir"

28. Oktober 2010, 12:43
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Ein Blogger tut, was Zeitungen nicht mehr wagen: Er berichtet über die Massaker des Kriegs der Drogenkartelle in Mexiko - Ein derStandard.at- E-Mail-Interview

Ungefähr zwanzig Jahre alt soll er sein und Student der Informatik. Der Mann - oder die Frau - hinter dem mexikanischen Aufdeckerdienst Blog del Narco legt größten Wert auf Diskretion. Seinen Laptop, so will es die Legende, hat er immer bei sich, im Hörsaal, zu Hause, im Bus und beim Sport. Von dort aus steigt er in WLAN-Netze ein und versorgt die lokale und internationale Öffentlichkeit mit teils erschütternd detaillierter Kriegsberichterstattung aus dem nordmexikanischen Krisengebiet. Wo bedrohte Zeitungen und Fernsehstationen der Gewalt weichen, legt der anonyme Blogger seinen Finger in die Wunde. derStandard.at gab er eines seiner wenigen Interviews, aus Sicherheitsgründen per E-Mail.

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derStandard.at: Wann und warum haben Sie den Blog gestartet?

Blogger: Wir haben im März 2010 mit dem Blog del Narco begonnen, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, was in Mexiko passiert. Die Welle der Gewalt ist plötzlich massiv angestiegen, ohne dass es vorher Anzeichen dafür gegeben hat. Und die Medien begannen Informationen zurückzuhalten, die für die Öffentlichkeit wichtig sind. Das ist natürlich auch in Mexiko kein neues Phänomen, es war immer schon so, dass Medien Dinge nicht beim Namen nennen, auch weil es ökonomische Abmachungen gibt, Beziehungen der Journalisten untereinander. Dazu kommen natürlich die Drohungen.

derStandard.at: Würden Sie die Ereignisse im Norden Ihres Landes als "Krieg" bezeichnen?

Blogger: In Wahrheit handelt es sich um einen Krieg, der von der Regierung begonnen wurde, in der Bevölkerung aber überhaupt keinen Rückhalt hat. Dafür kritisieren wir die Regierung auch.

derStandard.at: Lässt sich der Blog del Narco mit anderen Whistleblower-Seiten wie Wikileaks (siehe die derStandard.at-Sonderseite, Anm.) vergleichen?

Blogger: Auch wir machen die Öffentlichkeit mit Dingen vertraut, zu denen andere Medien schweigen. Wir bleiben bei der Wahrheit, das ist das wichtigste.

derStandard.at: Wie halten Sie Ihre Anonymität gewahrt?

Blogger: Wir führen ein ruhiges Leben und wissen, dass wir gute Arbeit leisten und Menschen durch uns an Informationen gelangen. Durch Sicherheitsmaßnahmen und viel Diskretion ist es uns bisher gelungen, anonym zu bleiben. Eines ist klar: kein Journalist in ganz Mexiko kann seine Arbeit in solcher Freiheit verrichten, wie wir das können.

derStandard.at: Wie entscheiden Sie, welche Information in den Blog gelangen - und welche nicht?

Blogger: Wir haben mittlerweile tausende E-Mails mit Material und Informationen erhalten, die unsere Leser uns geschickt haben. Damit sie veröffentlicht wird, muss eine Information einen Prüfprozess durchlaufen, damit wir herausfinden können, ob ein Hinweis echt ist oder nicht.

derStandard.at: Kritiker beklagen, Sie würden auch Drogendealern ein Forum bieten. Korrekt?

Blogger: In der Realität haben wir nur sehr wenige Nachrichten erhalten, in denen sich Menschen über Unwahrheiten beschweren. Die allermeisten unserer Leser benutzen den Blog, um unter den schwierigen Umständen in Mexiko an so viel Information wie möglich zu gelangen. (flon/derStandard.at, 28.10.2010)

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