Tanz auf dem Vulkan

28. Oktober 2010, 17:02
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Zehn Monate nach dem Erdbeben erinnern zwei Neuerscheinungen an Haiti. Hans Christoph Buch über ein Land, das kriminell vernachlässigt wurde - was sich jetzt sogar in einer Cholera-Epidemie niederschlägt

Haiti ist ein gescheiterter Staat, aber die Ursachen des Scheiterns sind schwerer zu erklären, als es auf den ersten Blick scheint. Schon lange zerbrechen sich haitianische Intellektuelle und Kenner des Karibikstaats darüber den Kopf, was schieflief in der Geschichte Haitis und warum die (nach den USA) zweitälteste Republik Amerikas, 1804 von befreiten Sklaven gegründet, heute zu den ärmsten Ländern der Welt gehört und am Ende jedweder Statistik rangiert. Das ist umso verwunderlicher, weil es in Haiti keine ethnischen, religiösen oder territorialen Konflikte gibt wie in Ex-Jugoslawien oder im Irak - um nur diese Beispiele zu nennen. Anders als in Belgien oder der Schweiz ist die Bevölkerung Haitis homogen; sie spricht ein und dieselbe Sprache - französisch bzw. kreolisch - und hat eine einheitliche, in der Sklavenbefreiung und im Voodoo-Kult wurzelnde Kultur. Und anders als auf Jamaika oder den französischen Antillen Martinique und Guadeloupe sind Rassenvorurteile zwischen Schwarzen und Weißen in Haiti unbekannt: "blanc" bedeutet Ausländer, und schwarze Amerikaner heißen auf Kreolisch "blancs noirs".

Dafür gibt es einen anderen, offiziell geleugneten Konflikt, der Besuchern gegenüber in Abrede gestellt oder schöngeredet wird: den Konflikt zwischen der Bevölkerungsmehrheit und der Mulattenoberschicht, die im Ruf steht, arrogant, überheblich und korrupt zu sein. Selbst in unvoreingenommenen Medienberichten ist die Rede von einer kleptomanischen Elite, die sich schamlos bereichert, ohne moralische Skrupel und ohne schlechtes Gewissen angesichts des Elends der Armen: Sonst auf Fairness bedachte Reporter betätigen sich als Politkommissare und gießen Öl ins Feuer des Klassenkampfs. Diese Sicht der Dinge erinnert nicht von ungefähr an antisemitische Klischees aus dem Arsenal der NS-Propaganda, und sie ist doppelt fragwürdig, weil die Mulattenbourgeoisie mehrfach Opfer von Pogromen und Massakern war, bei denen Tausende ums Leben kamen - zur Zeit der Staatsgründer Dessalines und Christophe wie unter der Diktatur von Papa Doc und dem Regime des Priester-Präsidenten Aristide. Hinzu kommt, dass Haitis traditionelle Oberschicht, in die vor dem Ersten Weltkrieg auch deutsche Kaufleute einheirateten, durch neue Eliten verdrängt wurde, während das Bürgertum in die Mittelklasse absank: In zwei, drei Generationen avancierten libanesische Einwanderer von Kleinhändlern zu Neureichen, die neben der Textilindustrie auch Supermärkte und andere Geschäftszweige kontrollieren und von politischen Unruhen ebenso profitieren wie von Hilfsmaßnahmen zur Eindämmung der in Haiti häufigen Naturkatastrophen. Wie anderswo maskiert der angebliche Rassenkonflikt ein soziales Problem, das der kreolische Volksmund so benennt: "Mulat pov sé nèg, nèg rich sé mulat" - ein armer Mulatte ist ein Neger, ein reicher Neger ein Mulatte. (Dass "Neger" hierzulande kein Tabuwort ist, sondern gleichbedeutend mit Mensch, sei nur in Klammern vermerkt.)

Angeblich gibt es auf Haiti mehr Millionäre als in der Schweiz, aber deren Luxusleben ist ein Tanz auf dem Vulkan, denn nirgendwo sonst klafft die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf als hier, wo der Alltag für Arme kaum noch lebbar ist - kein Wunder, dass es immer öfter zu Hungerrevolten kommt. Haiti hat die niedrigste Lebenserwartung und die höchste Säuglingssterblichkeit Südamerikas, und der Anteil der Analphabeten entspricht dem der Arbeitslosen - geschätzte 60 Prozent; ganz zu schweigen von Unterernährung, Tuberkulose und Aids, die zu Volkskrankheiten wurden.

Erblast von 500 Jahren Raffgier

Die Frage ist, ob Elend und Unterentwicklung neueren Datums sind oder die Erblast von 500 Jahren Raffgier und Raubbau natürlicher Ressourcen, Willkür und Despotie: Von spanischen Konquistadoren, die die Ureinwohner massakrierten, über französische Korsaren, die den Westteil Hispaniolas annektierten, bis zu Kolonialherren, die Saint-Domingue - so hieß Haiti im 18. Jahrhundert - zur reichsten Kolonie Frankreichs machten, die halb Europa mit Zucker und Kaffee versorgte dank unbezahlter Zwangsarbeit aus Afrika verschleppter Sklaven. Diese griffen im Zuge der Französischen Revolution zu den Waffen und erkämpften zuerst ihre Freiheit und dann ihre Unabhängigkeit gegen eine von Napoleon entsandte Invasionsarmee, die vernichtend geschlagen wurde: ein siegreicher Spartakusaufstand und ein historischer Präzedenzfall, der in unserem eurozentrischen Weltbild nicht vorkommt, obwohl er Napoleon zwang, das Territorium von Louisiana, damals bis zu den Rocky Mountains und zur kanadischen Grenze reichend, an die USA zu verkaufen - diese wurden damit zur Großmacht, während Haiti nach der Unabhängigkeit in Vergessenheit geriet.

Die junge Republik war wirtschaftlich und politisch isoliert und zahlte bis Ende des 19. Jahrhunderts Reparationen an Paris als Preis für die staatliche Anerkennung. Hinzu kamen innere Unruhen, durch Einmischung von außen geschürt, an denen sich auch das kaiserliche Deutschland beteiligte. 1915 besetzten die USA Haiti, um der Einrichtung einer deutschen Marinebasis zuvorzukommen, und blieben bis 1934: Bewaffnete Bauernaufstände waren die Folge sowie eine kulturelle Renaissance mit Rückbesinnung auf Haitis afrikanische Wurzeln. Zu den Intellektuellen, die gegen die Fremdherrschaft protestierten, gehörte der Gründer der kommunistischen Partei und bedeutende Romancier Jacques Roumain ebenso wie der spätere Diktator François Duvalier alias Papa Doc, der seinem Sohn Baby Doc 1971 einen total heruntergewirtschafteten, moralisch und politisch korrumpierten Staat hinterließ.

Anfang 1986 floh Baby Doc vor wütenden Protesten ins französische Exil, doch die Hoffnungen der Haitianer auf Menschenwürde und Demokratie haben sich nicht erfüllt. Der charismatische Ex-Priester Jean-Ber-trand Aristide scheiterte genauso kläglich wie sein pragmatischer Nachfolger René Préval, dessen Amtszeit demnächst ausläuft. Um ein Abgleiten ins Chaos zu verhindern, mussten US-Marines 1994 und 2004 in Haiti intervenieren, beide Male mit Zustimmung der Bevölkerung. Seitdem steht das Land unter Vormundschaft der UNO, die mit 10.000 Blauhelmsoldaten den äußeren Anschein von Ordnung aufrechterhält: Statt gegen Drogengangster vorzugehen und Sicherheitsprobleme zu beheben, verwaltet die UN-Truppe diese nur und verlangt von der New Yorker Zentrale mehr Personal und mehr Geld. Dass das Erdbeben vom 12. Januar den tunesischen UN-Chef Hannabi und 200 seiner Mitarbeiter begrub, steht auf einem anderen Blatt. Und der Kollaps des Präsidentenpalasts machte Haitis notorisch ineffiziente Regierung vollends arbeitsunfähig.

Kriminelle Vernachlässigung

Trotzdem ist es falsch, das Erdbeben als Naturkatastrophe zu sehen, gegen die kein Kraut gewachsen war: Ein vergleichbares Beben von 7,0 auf der Richterskala tötete in Kalifornien nur hundert Personen, während in Port-au-Prince 230.000 Menschen ums Leben kamen - Provinzstädte wie das total zerstörte Léogane nicht mitgerechnet. "Kriminelle Vernachlässigung" steht auf den Mauern eingestürzter Häuser, denn obwohl Experten vor der Erdbebengefahr warnten, allen voran der Seismologe Claude Prépetit, wurden weder Bauauflagen befolgt, noch Zivilschutzübungen abgehalten. So besehen war der 12. 1. 2010 keine Strafe Gottes, wie Fernsehprediger den Voodoo-Gläubigen einreden, sondern hat das strukturelle Defizit eines gescheiterten Staates und einer tödlich verwundeten Gesellschaft offengelegt. (Hans Christoph Buch/DER STANDARD/Rondo/29.10.2010)

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    Die Kultur Haitis wurzelt in der Sklavenbefreiung und im Voodoo-Kult.

    Reinigungszeremonie am Sita Wasserfall in Saut d'Eau, das etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt ist. Hierbei werden die Jungfrau Maria angebetet und diverse Voodoo-Rituale abgehalten. Das Ritual verlangt, alte Kleidung im Wasser zurück zu lassen und die die steilen Wände des Wasserfalls hinaufzuklettern.

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    Voodoo-Zeremonie in der Provinz Souvence, 15 Kilometer von Gonaives entfernt. Bei einem traditionellen Ritual wird hier gesungen und getanzt.

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    Im Anschluss unterziehen sie sich bei einem Schlammbad einer Reinigungszeremonie.

  • Hans Christoph Buch, 66, pendelt zwischen Berlin und Port-au-Prince, wo 
sein Großvater eine Apotheke besaß. Sein Buch "Haiti
 - Nachruf auf einen
 gescheiterten Staat" erschien soeben bei Klaus Wagenbach.
    foto: wagenbach verlag

    Hans Christoph Buch, 66, pendelt zwischen Berlin und Port-au-Prince, wo sein Großvater eine Apotheke besaß. Sein Buch "Haiti - Nachruf auf einen gescheiterten Staat" erschien soeben bei Klaus Wagenbach.

  • Der Roman 
"Reise um die Welt in acht Nächten" in der Frankfurter Verlagsanstalt.
    foto: frankfurter verlagsanstalt

    Der Roman "Reise um die Welt in acht Nächten" in der Frankfurter Verlagsanstalt.

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