"Ein kleiner Stadtteil, der einfach funktioniert"

28. Oktober 2010, 10:00
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Das Kabelwerk in Wien-Meidling gilt als eines der besten Wohnbauprojekte der jüngsten Zeit und zeigt bereits internationale Vorbildwirkung. Anrainer und Stadt waren bei Planung und Bau intensiv beteiligt

Ausländische Experten, die an sozialpolitischen und wirtschaftlichen Tagungen ins Renner-Institut, dem Thinktank der SPÖ in Altmannsdorf, kommen, können gleich in der Nachbarschaft ein konkretes Beispiel für gelebte Stadt- und Gesellschaftspolitik besuchen: Das kürzlich fertiggestellte Kabelwerk in Wien-Meidling gilt als eine der gelungensten Wohnanlagen in ganz Europa.

Eingezwängt zwischen Bahngeleisen, Kleingartensiedlungen und dem schwierigen Gemeindebau Am Schöpfwerk wurde auf dem aufgelassenen Industriegelände in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich, wie versprochen, ein "Stück lebenswerte Stadt" errichtet, das den 2500 Bewohnern nicht nur günstige Wohnungen bietet, sondern attraktive Freiräume, ein Kulturhaus, Schwimmbad und Sauna, gute Einkaufsmöglichkeiten und dank U6 und der nahen Autobahn hervorragende Verkehrsanbindungen. Dazu kommen funktionierende Hausgemeinschaften und ständige Betreuung durch die Hausverwaltung vor Ort. "Wir haben einen kleinen Stadtteil geschaffen, der einfach funktioniert", sagt Kabelwerk-Geschäftsführer Peter Fleissner.

Mieten mit Kaufoption

Die 1000 Einheiten sind zum Großteil geförderte Mietwohnungen mit Kaufoption. Aber dabei sind auch 180 Eigentumswohnungen und Reihenhäuser sowie rund 200 möblierte Apartments für temporäres Wohnen. Die Preise bewegen sich im Durchschnitt des geförderten Wohnbaus, rund 30 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, sagt Fleissner. "Wir haben überhaupt kein Problem mit Integration." Der zuletzt errichtete Wohnblock ist ein Frauenwohnprojekt, bei dem die Mietverträge fast ausschließlich mit Frauen geschlossen werden.

Außergewöhnlich waren bei Errichtung des Kabelwerks durch ein Gemeinschaftsunternehmen mehrerer Bauträger vor allem die intensiven Bürgerbeteiligungsverfahren. Durch die waren von Anfang an die Anrainer, vertreten durch drei Bürgerbeiräte, in Planung und Errichtung eingebunden. Ihre Ängste vor Lärm und Verkehr konnten ausgeräumt werden. "Es ist kein eigenes Ghetto entstanden, die Anlage ist voll und ganz integriert," sagt Fleissner.

Ein weiterer Faktor für die breite Akzeptanz war die Einbindung der Gemeinde Wien, sagt Herbert Buchner, der das Projekt als Vertreter des Magistrats bis zuletzt begleitet hat. Die Stadt habe dafür gesorgt, dass Qualitätsmerkmale aus der Planungsphase bei der Umsetzung nicht verlorengingen. Ein Beispiel: "Die bunten Atriumhäuser wollten die Bauträger gar nicht bauen, weil sie zu teuer waren und sie Angst hatten, dass man sie nicht verkaufen würden. Wir haben damals intensiv diskutiert und konnten den Bau durchsetzen. Es waren dann die ersten Häuser, die verkauft wurden." Auch das Geriatriezentrum, das nun als letzter Bauteil errichtet wird, geht auf eine Initiative der Stadt zurück, sagt Buchner.

Durchdachtes Lichtkonzept

Es sind die Details, die das Kabelwerk so attraktiv machen: eine architektonische Gestaltung, die innovativ, aber nicht aufdringlich wirkt, autofreie Straßen, begrünte Dächer und ein Lichtkonzept, das die Wohnhäuser erhellt und in der Nacht für Sicherheit sorgt.

Die Bürgerbeteiligung habe die Vorbereitungszeit für das Projekt zwar verlängert, räumt Buchner ein. Aber: "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, weil wir dann viel weniger Schwierigkeiten hatten."

Das Beteiligungsmodell lasse sich nicht eins zu eins übertragen. Buchner: "Das funktioniert nur, wenn man es von Anfang an so plant und umsetzt. Wenn jemand kommt und sagt: 'Macht es doch so wie beim Kabelwerk', dann ist es meist schon zu spät."

Die internationale Resonanz ist enorm. "Aus nah und fern kommen die Planer und schauen sich das Kabelwerk an", sagt Buchner. "Wir haben schon in China präsentiert." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2010)

  • Die Atrium-Häuser sind der vielleicht optisch attraktivste Teil des 
Kabelwerks. Entgegen den Befürchtungen der Bauträger waren sie sehr 
rasch verkauft.
    foto: kabelwerk

    Die Atrium-Häuser sind der vielleicht optisch attraktivste Teil des Kabelwerks. Entgegen den Befürchtungen der Bauträger waren sie sehr rasch verkauft.

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