"Zuwanderer brauchen mehr Integrationsanreize"

27. Oktober 2010, 18:52
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Multikulti ist nicht gescheitert und Angst vor dem Fremden ist österreichische Tradition, sagt der evangelische Bischof Michael Bünker

Standard: Für die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Multikulti "gescheitert". Können Sie das nachvollziehen?

Michael Bünker: Überhaupt nicht. Denn was wäre die Alternative? Wenn man Multikulti für gescheitert erklärt, ist die Alternative eine Gesellschaft, die auseinanderbricht. Mein Bild der europäischen Gesellschaft ist eine integrative, inklusive Gesellschaft. Leider erleben wir derzeit, dass unter dem Druck der wirtschaftlichen Entwicklung die Bevölkerungsgruppen auseinanderdriften - und manchmal gegeneinander aufgehetzt werden.

Standard: Sie haben einmal angemerkt, dass sich Österreich generell "mit Andersdenkenden schwertut". Warum?

Bünker: 700 Jahre Habsburg. Eine Familie, ein Haus - ein Problem. Österreich tut sich traditionell schwer mit Andersdenkenden und Andersgläubigen - mit Minderheiten überhaupt. Wir haben in Österreich leider ein vererbtes Problem mit Religion im öffentlichen Raum. Man hält hier für den persönlichen Bereich die Menschenrechte hoch, ist aber nicht in der Lage, diese etwa auf Asylanten, Minderheiten, Homosexuelle zu übertragen.

Standard: Bundespräsident Heinz Fischer hat sich jüngst klar für ein Bleiberecht für gut integrierte Familien ausgesprochen. Nährt das Ihre Hoffnung auf politische Besserung in Richtung mehr Humanität?

Bünker: Ich begrüße die Aussagen des Herrn Bundespräsidenten. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass sich die Zustände in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert haben. Die Frage ist aber: Wie weit kann das noch gehen? Wird man wieder auf Maßnahmen zurückgreifen, die auch in der österreichischen Geschichte eine Rolle gespielt haben? Der Rabbiner Schlomo Hofmeister hat bereits öffentlich das Wort 'Deportation' in den Mund genommen.

Standard: Was wäre das Gebot der Stunde?

Bünker: Endlich ein eigenes Ressort für die Agenden Asyl, Migration und Integration. Man muss die Integration aus der Parteipolitik herausnehmen. Dort hat sie nichts verloren, da latent die Gefahr besteht, dass damit auch Religion missbraucht wird. Und wir haben es diesbezüglich mit einem relativ neuen Phänomen zu tun. Bislang waren wir es in Europa gewohnt, uns mit einer säkularen Linken auseinanderzusetzen, jetzt kommt ein säkulares rechtes Lager dazu.

Politiker, die plötzlich mit einem Kreuz in der Hand ein christliches Bollwerk gegen den Islam aufrichten wollen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer, da wir wissen, dass Religion auch ihre dunklen Seiten hat. Sie kann fanatisieren, fundamentalisieren, sie kann die Menschen zu schrecklichen Gewalttaten ermuntern.

Standard: Was ist im Bereich der Integration die Rolle der Kirche?

Bünker: Integration ist eine zentrale Aufgabe der Kirche. Denn Religion ist der Identitätsanker in der Fremde, oft können Flüchtlinge nichts anderes mitnehmen. Und die Kirchen sind vor allem Orte, wo Umgang mit Diversität eingeübt wird. Und da liegt die Wurzel für ein sehr österreichisches Problem: Wir wollen die anderen nicht sehen.

Solange die Minderheiten unsichtbar bleiben, solange sie ausschauen wie wir und keine Moschee haben, dann ist alles in Ordnung. Aber wehe, sie zeigen sich. Wir müssen uns daher verstärkt der Vielfalt und auch den Problemen stellen. Religion kann integrationshemmend - Stichwort Parallelgesellschaft -, aber eben auch integrationsfördernd sein.

Standard: Aber was tun mit Zuwanderern, die sich nicht integrieren wollen?

Bünker: Es gibt wahrscheinlich auch sehr viele nichtintegrationswillige Österreicher. Aber Zuwanderer, die sich nicht integrieren wollen, haben meist auch nicht vor zu bleiben. Und die, die hier bleiben wollen, brauchen mehr Integrationsanreize: etwa die Möglichkeit zur Beteiligung am Arbeitsmarkt, ein politisches Mitspracherecht durch ein aktives Wahlrecht.

Standard: Sie sind bekannt als ein Mann der deutlichen Worte, der vor Kritik nicht zurückschreckt. Doch scheint diese an der Politik abzuprallen. Wird der Mahner nicht irgendwann einmal müde?

Bünker: Als Bischof glaube ich - und ich hoffe. Also werde ich auch weiterhin beharrlich auf Missstände hinweisen.(Markus Rohrhofer, DER STANDARD-Printausgabe, 28. 10. 2010)

Michael Bünker, 1954 in Leoben geboren, ist promovierter evangelischer Theologe und wurde 1999 zum geistlichen Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche A. B. gewählt. Seit 1. 1. 2008 ist der begeisterte Hobbyschlagzeuger der Rockband Kreuzweh, Österreichs evangelisch-lutherischer Bischof A. B.

  • "Es gibt wahrscheinlich auch sehr viele nichtintegrationswillige Österreicher."
    foto: standard/andy urban

    "Es gibt wahrscheinlich auch sehr viele nichtintegrationswillige Österreicher."

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