Arbeitsteilung in der Halbwelt

27. Oktober 2010, 17:26
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Thomas Arslans Kriminalfilm "Im Schatten" entwirft mit kühlem Blick ein Planspiel um Verbrechen als Abfolge von Handgriffen

Man kann ihn auch als Allegorie auf das Funktionieren einer Gesellschaft sehen.

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Wenn ein Mann aus dem Gefängnis entlassen wird, dann hat er zwei Möglichkeiten: Er kann eine neue Geschichte beginnen, oder er kann versuchen, seine alte Geschichte neu zu schreiben. Trojan, der Mann, der in Thomas Arslans Im Schatten im Zentrum steht, entscheidet sich für die zweite Möglichkeit. Er sucht sofort seine alten Verbündeten auf, schwere Jungs auf die eine oder andere Art. Trojan (Misel Matièeviæ) hat noch kaum Anstalten zu einem neuen Leben in Freiheit gemacht, da ist schon wieder die Rede von kriminellen Möglichkeiten, von Uhren, die man erbeuten könnte, oder von einem Geldtransporter, der zu überfallen wäre.

Die Frau, die ihm diese Idee unterbreitet, gehört eigentlich auf die andere Seite: Dora (Karoline Eichhorn) arbeitet bei Gericht, sie ist Pflichtverteidigerin von Männern wie Trojan, und bei ihrer Tätigkeit hat sie ganz offensichtlich Geschmack gefunden an einem Doppelleben. Sie hält Verbindungen in die Halbwelt, distanziert, denn sie gehört dieser Welt nicht an. Für Trojan ist sie eine ideale Partnerin, denn er gehört gar keiner Welt an. Sein ganzes Dasein ist darauf angelegt, keine Spuren zu hinterlassen, keine Bindungen, keine Loyalitäten. Nur alte Schulden - die werden beglichen.

Für Thomas Arslan ist Im Schatten in gewisser Hinsicht eine Abkehr von dem zuletzt verfolgten Prinzip zunehmend reduzierter Geschichten (Der schöne Tag) und eine Rückkehr zu einer an Genrekonstruktionen orientierten Erzählweise. Aber die Interessen bleiben die gleichen: Ihm ist vor allem daran gelegen, eine Stadt zu filmen, durch die sich Menschen bewegen. Alle haben etwas vor, die Vorhaben werden an anonymen Orten besprochen, auf Parkplätzen oder in Hotelzimmern. Nach der Besprechung wird das Vorhaben neu definiert, man trennt sich von Partnern, verhandelt die Minimalbedingungen, wägt die individuellen Optionen ab.

Das alles findet "im Schatten" statt, es sind Vorgänge, auf die niemand achtet, außer der Polizist René (Uwe Bohm), der aber auch stärker an seinen eigenen Optionen interessiert ist als an der Durchsetzung von Recht und Gesetz. Der Coup, auf den Thomas Arslan hinauswill, ist zugleich ganz konkret (wie in allen solchen Fällen hängt die Sache auch hier von einer präzisen Choreografie ab, bei der keine Fehler unterlaufen dürfen und nichts den Plan durcheinanderbringen darf) und auf der anderen Seite eine große Allegorie auf das bis in einzelne Handgriffe hinein arbeitsteilige Funktionieren einer Gesellschaft, die sich in einen legitimen und in einen illegitimen Bereich aufspaltet.

Der legitime spielt bei Arslan überhaupt keine Rolle, stattdessen behandelt er mit dem kühlen Blick eines Forschers das Verbrechen als eine ganz normale Prozedur, die keiner besonderen Rationalität unterliegt, sondern einer offen zutage liegenden allgemeinen. Trojan verkörpert diese Rationalität besser als die meisten seiner Kumpanen, deswegen ist die Frau vom Gericht seine natürliche Partnerin, denn sie ist schließlich eine Expertin für Rekonstruktionen.

Damit wäre auch die Position ganz gut beschrieben, die Thomas Arslan mit Im Schatten gegenüber dem Genre (halb klassischer Kriminalfilm, halb radikal entschleunigter Thriller) einnimmt: Es ist eine Position rationaler Rekonstruktion.

Arslans Geschichte gewinnt erst an einem Störfall die entscheidende Qualität. Bezeichnenderweise ist es der Polizist, der eine Grenze übertritt, jenseits derer sich die Souveränität von Trojan auf eine schwierige Probe gestellt sieht und zwei Möglichkeiten schon wieder ein Luxus wären. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Oktober 2010)

  • 29. 10., Künstlerhaus, 21.00
  • 30. 10., Metro, 11.00
  • Kaum aus dem Gefängnis, plant er den nächsten Coup: Trojan (Misel 
Maticevic) in "Im Schatten".
    foto: viennale

    Kaum aus dem Gefängnis, plant er den nächsten Coup: Trojan (Misel Maticevic) in "Im Schatten".

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