To post or not to post

  • "Grenzgenial" oder "braucht kein Mensch": Postings polarisieren
    foto: derstandard.at

    "Grenzgenial" oder "braucht kein Mensch":
    Postings polarisieren

Erfahrungen und Überlegungen von Hans Rauscher zu den Online-Foren

Früher (im Paläozoikum) gab es Leserbriefe. Heute gibt es Postings. Der Unterschied besteht darin, dass ein Posting viel schneller und unkontrollierter erscheint als ein Brief. Einmal vom Leser/User her ist es viel leichter, ein Posting abzufeuern, als einen Leserbrief zu verfassen und auf die Post zu tragen. Vom Medium her: Für Briefe brauchte man eine bewusste Entscheidung - erscheinen lassen oder nicht erscheinen lassen. Obwohl es auch bei Postings Filter gibt - Redakteure und eine auf Schlüsselbegriffe geeichte Software - gehen Postings einfach leichter online. Teils aus technischen Gründen (die schiere Anzahl), teils, weil Postings spontaner verfasst werden, teils, weil man heute mehr Wert auf eine offene, freie Debatte legt. Der allergrößte Teil schreibt anonym.

Das schafft manchmal Probleme. Der Ton vieler Postings stört manche Leser/User (und Journalisten). Da ist was dran. Es gibt so etwas wie eine Debatte über das Posting-Wesen. Deshalb hier einige Erfahrungen und Überlegungen zu Postern und Postings.

Wertvolle Orientierungshilfe

Zugriffszahlen und Postings sind eine wertvolle Orientierungshilfe für Journalisten (Online wie Print), wenn man sich einige Grundlagen vor Augen hält.

In jeder Population sind ein paar Prozent verhaltensoriginell bis verhaltensgestört. Das drückte sich früher auch in den Leserbriefen aus; in jeder europäischen Wahlbevölkerung sind überdies 10-15 Prozent in unterschiedlichem Grad rechtsextrem eingestellt. Diese - einander überschneidenden - Gruppen sind vermutlich in den Internet-Foren überrepräsentiert. Ähnliches gilt von "anti-imperialistischen" Verschwörungstheoretikern etc.
Nicht wenige "Nicks" kehren - wie früher bei Leserbriefschreibern auch - immer wieder. Es gibt liebe und weniger liebe Stammkunden. "Kampfposter", vor allem aus Parteien, sind auch nicht selten.

Was die Leute interessiert

Dennoch besteht die überwiegende Anzahl der Poster aus überdurchschnittlich interessierten, aufgeklärten Bürgern, analog der Leserstruktur bei STANDARD und derStandard.at. Mit etwas Übung und Zeitaufwand stößt man bei "durchscannen" der Postings auf journalistisch interessante und relevante Erkenntnisse. Zum Beispiel darüber, was die Leute interessiert. Die Zugriffs- und Posting-Statistik von derStandard.at bringt teilweise überraschende Ergebnisse: die Raucher-, aber auch die Hundethematik hatte und hat Spitzenwerte. Warum auch nicht, es handelt sich um relevante Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. (Wirtschafts-) Politik hat einen sehr hohen Stellenwert, beim STANDARD vor allem die Themen "gegen rechts", "Integration und Asyl", "Verteilungsgerechtigkeit", "Arbeitsmarkt", "Finanzwelt" usw.

Durchargumentierte Statements und Recherche-Zund

Viele Poster geben durchargumentierte, mit Zahlen und Fakten unterlegte Statements ab. Viele verlinken zu interessanten Websites. Eine Minderheit liefert sogar Recherche-Zunds, denen man besser nachgeht. Diese Hinweise würden wegfallen, sollte man - was manchmal diskutiert wird - die Anonymität aufheben.

Wachsende Rüpelhaftigkeit

Andererseits: nicht wenige Poster werden gegenüber Autoren und/oder dritten Personen ganz schön aggressiv, manchmal auf üble Weise persönlich. Die wachsende Rüpelhaftigkeit, die man auch sonst im Alltagsleben feststellt, wird oft mit dem "Argument" der freien Meinungsäußerung verkleidet. Das wird von manchen schwer ausgehalten. Umgekehrt beschweren sich etliche Poster über "Zensur", wenn sie rassistische, beleidigende oder vom Verbotsgesetz bedrohte Stellungnahmen abgeben und die nicht freigeschaltet werden. Andere, vielleicht die meisten, sind sich nicht im Klaren darüber, dass das Medium, aber auch sie selbst für Leseräußerungen mit klagbarem Inhalt zur Rechenschaft gezogen werden können. Die Anonymität ist ein starker, aber nicht absoluter Schutz.

Neue Interaktivität zwischen Journalist und Leser/User

Eine Möglichkeit, als Journalist damit umzugehen, ist, selbst auf im Ton überzogene, gerade noch tolerierbare Postings zu antworten, notfalls mit angemessener Härte. Viele Poster sind dann angenehm überrascht ("hätte nie gedacht, dass Sie antworten werden"). Das ist eine neue Interaktivität zwischen Journalist und Leser/User.

Man muss also als Medium den - für manche ungewohnten - scharfen Debattenton in den Foren gegen eine drohende Verödung abwägen. Nicht nur die Rüpel, sondern auch die intelligenten Poster werden es sich zweimal überlegen, wenn sie sich relativ umständlich registrieren müssten. Die Spontaneität ginge weitgehend verloren, die "Posting-Profis" würden dominieren.

Die "STANDARD-Community", Print und Online, ist tatsächlich etwas Besonderes. Dumpfes Vorsichhinschimpfen wie in den Foren der Massenzeitungen und zum Teil des ORF ist viel seltener als intelligente, oft witzige Einwürfe.

Optimierung der Kontrolle

Was man tun könnte, ist eine Optimierung der Kontrolle. Das bedeutet für die Journalisten mehr Zeit und Aufmerksamkeit für die Foren, um durchgerutsche Regelverstöße rasch zu entdecken. Die Software muss immer neu justiert werden.

Abschließend eine persönliche Anmerkung: als Journalist mit langer Erfahrung bin ich problematische Leserreaktion gewohnt. Frage nicht, was da zur Waldheim- und Haider-Zeit auch an Leserbriefen daherkam (meist nicht anonym). Man konnte aber aussieben. Das geht mit Postings nicht so leicht, aber unterm Strich ist die Diskussion per Posting viel unmittelbarer, umfangreicher und lebendiger. Die unleugbaren unangenehmen Nebenerscheinungen kann/muss man besser eindämmen. (Hans Rauscher/derStandard.at/Oktober 2010)

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Das wird von manchen schwer ausgehalten. Umgekehrt beschweren sich etliche Poster über "Zensur", wenn sie rassistische, beleidigende oder vom Verbotsgesetz bedrohte Stellungnahmen abgeben und die nicht freigeschaltet werden.

Dieser Satz stimmt einfach nicht.
Einfaches Beispiel: Viele Kommentare von mir, wo ich geschrieben habe, ich werde hin und wieder zensiert, werden zensiert(seltsamerweise nicht immer).
In welche Kategorie fällt so etwas?
Genauso wie Kritik an Artikeln selbst, oft zensiert wird.
Und nochmal der Hinweis, dass ich nach langem Nachfragen, warum ein Beitrag zensiert wurde, die Antwort bekommen habe: "Ihre Kritik ist unberechtigt und wird deswegen nicht veröffentlicht".
Von "unberechtigter" Kritik steht aber seltsamerweise nirgendwo etwas in den Forenregeln(o.ä.)

fällt das dann in die kategorie beleidigend?
ich habe eigentlich relativ wenige postings, die gelöscht wurden.
ich kontrolliere aber auch nicht jedes posting nach...

was ich mich frage: wieso sind manche postings auch in "alle meine postings" gelöscht worden (war das die "frühere" methode?) und manche "nur" nicht mehr verlinkt?

Ja, die Moderation legt Kritik an Artikeln gerne als Beleidigung des Autors aus. Wobei das sehr unterschiedlich gehandhabt wird, bei manchen Artikeln lässt man auch sehr harte Kritik zu. Einer meiner größten Kritikpunkte ist die Willkür. Man kann überhaupt nicht einschätzen, wann Kritik als Beleidigung gesehen wird und wann nicht, weil es nicht nur von der eigenen Wortwahl sondern extrem vom entsprechendem Moderator abhängig ist.

Bei mir sind Postings, wenn gelöscht, ganz gelöscht, also sowohl unter "Alle meine Postings" als auch im Artikel. Zumindest wäre mir nie etwas anderes aufgefallen.

ps habs im zuständigen foprum gefragt, statt hier nach monaten...

Finde den Artikel ganz gut getroffen.
Möchte aber hier darauf hinweisen das die Krone im "freien Wort" und dem "Krone-Forum" sehr wohl nach "politischer Linie" zensuriert! Das hat dann aber mit "freiem Wort" nichts zu tun - ist höchstens Lesertäuschung! Die Krone reagiert leider auch nicht auf "Anfragen wegen Sperre" im Forum - da kommt nur der rechtliche Hinweis "wir können ohne Angabe von Gründen sperren"! Leider Zensur!
Rechts: Es wird leider von "links" jede vernünftige Diskussion mit der Nazikeule verhindert - was dann aber zur Folge hat, das vernünftige Kritiker ihre Meinung nicht diskutieren können - und daher nur Extremisten übrig bleiben! Ich versuche da einen Vergleich mit den Frauenrechten - es wurde eine Männerpartei notwendig??

Bitte nicht nur Rechtsextreme als I dioten hinstellen

JEDE Art von Extremismus ist von zivilisierten Menschen abzulehnen.
Oder würden sie sagen, daß Pol Pot weniger schlimm als der Braunauer war.
Sicher: 3 Mio Tote sind von der reinen Anzahl her weniger, als unser Nationalnarr zu verantworten hatte. Aber dieser Vergleich hinkt gewaltig.
Hätte Pol Pot die gleichen Betätigungsfelder und Möglichkeiten gehabt, die Anzahl an Opfern wäre sicher nicht unterscheidbar gewesen.
Durch einseitige Verurteilung statten wir Leute mit Pseudorechten/Quasilegitimationen aus, die diese niemals bekommen sollten.
Harmloses Beispiel bei uns: seit wir den Radlern einreden, wie arm sie in Wien doch sind, hat sich die Zahl der aggresiven Pedalisten vervielfacht, weil sie sich nun zum Kampf legitiemiert fühlen.

Wer die "Idioten" sind ist ziemlich relativ...

In einer eher links gesinnter Gesellschaft sind die Rechten die Idioten, im
umgekehrten Fall sind es die Linken.

die zensur könnte, oder "muss" eigentlich optimiert werden...(was soll das bringen, wenn ein harmloses post erst 24 stunden später erscheint?)

ansonsten fühl ich mit euch mit, es ist sicher kein leichter job ;-)....

Postings sind cool, oft informativer als der eigentliche Artikel.

Antiimperialisten sind also Verschwörungstheoretiker. Klar.

verklickt...

... nicht nur ich habe mich einmal (vor allem auf den mobilen versionen) mit den [-] und [+] button verklickt. Ich finde daher folgenden Vorschlag recht praktisch:
http://derstandard.at/plink/134... id28015477

oder zumindest eine möglichkeit den fehler zu korregieren.

lg

es wäre nett, wenn sich die standardredaktion dazu durchringen könnte zuzugeben, dass willkürlich zensiert wird.

aber gerade die "fehlende" Zensur ermöglicht dass "alle" Postings veröffenlticht werden.(Außer genannte NoGo's)
Bei Leserbriefe werden viele nicht gedruckt.

Die Redaktion zensiert sicher nicht willkürlich (zumindest hätte ich noch nichts in die Richtung bemerkt), sondern sie zensiert "jedes" Posting. Jedes Posting durchläuft die Vorzensur des Foromaten und dieser arbeitet leider mangelhaft: manchmal lässt er forenwidrige Postings durch, manchmal hindert er forenregelkonforme Postings an der Veröffentlichung, manchmal – wenn Sie ganz besonderes Glück haben – hält er grundlos sämtliche Ihrer Postings zurück.

Ich habe das Gefühl, dass es seit der "Forenqualitätsoffensive" des standard.at schlimmer geworden ist. Man scheint es als besonderes Feature zu betrachten, wenn man den Usern regelmäßig mit dem Foromaten auf die Nerven geht.

es liegt in der natur der sache, dass weder sie noch ich etwas beweisen können. könnte ich zaubern und dokumentieren, welche postings gestern nicht veröffentlicht worden sind, sähe die situation anders aus. von zwei postings, in denen die begriffe "religion" und "religionsähnliche ideologie" vorgekommen sind, ist das erste veröffentlicht worden. auch beim zweiten habe ich nicht einmal angedeutet, an welche ich dabei gedacht habe (es kommen mehrere in frage). trotzdem ist das zweite nicht veröffentlicht worden. ich habe auch nicht gehetzt, sondern bloß darauf hingewiesen, wozu gewisse schreibtischtaten führen können.

Community
21
18.9.2012, 13:37

Warum sollten wir denn willkürlich "zensieren"? Fehler passieren aber - sowohl bei der automatischen als auch bei der manuellen Moderation. Falls Sie Fragen zu Ihren Postings haben, richten Sie diese bitte an foren@derstandard.at

warum? wählen sie sich bitte einen nickname, behalten sie ihn für sich, schreiben sie gegen die blattlinie (unter einhaltung aller forenregeln) und schauen sie, was passiert. zu ihrer frage warum: da müsste ich genauer wissen, wie die kontrolle in der praxis funktioniert. da ich nicht vermute, sondern weiß, dass unfair zensiert wird, gehe ich von den üblichen gründen aus. es gibt menschen, die es nicht verkraften, wenn jemand eine andere meinung hat und in der lage ist, sie zu kommunizieren.

Das kann ich aber nur bestätigen.
Gerade von "nick morgenland" habe ich Antworten auf meine Posts bekommen, die völlig durchargumentiert, weder beleidigend noch in irgendeiner Weise anrüchig waren.

Entweder hat die Veröffentlichung Stunden gedauert, was die Kommunikation mühsam macht und eine Diskussion im Keim ersticken lässt, oder die Posts sind erst gar nicht veröffentlicht worden.

Wenn das nicht willkürlich ist, dann überprüfen sie ihre Forensoftware.

das problem liegt wohl weniger bei der forensoftware sondern bei missbräuchen. so subtil kann keine forensoftware arbeiten.
p.s.: merci beaucoup

d.h.
Da sitzt dann über den Standard Zensoren noch jemand oder mehrere die willkürlich eingreifen können.

Wahrscheinlich ohne dass es die Zensoren überhaupt wissen.

das glaube ich eher nicht. dazu streut das (missbräuchliche) zensurverhalten zu stark. lt. standard arbeitet die gesamte redaktion an der zensur mit.

Genau...., jetzt kommen die Verschwörungstheorien. Vielleicht sind es am ende die Aliens, die heimlich mitmischen? :-)

Wo kommen sie auf einmal her?

Die Aliens? Aus dem All natürlich, woher denn sonst!!!?

Woher soll ich das wissen.
Gute Nacht.

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