Familienglück gibt's nur auf Super-8

27. Oktober 2010, 17:25
posten

Johannes Hammels entdramatisiertes Familiendrama "Folge mir"

An der Peripherie einer Stadt, am Rande der Industriezone, in einem Haus mit Blick auf den Hafen, an dem der Putz blättert und manchmal das Dach ein bisschen leckt, wohnen Vater, Mutter und zwei Söhne.

Die Familie Blumenthal ist ein labiles Gebilde. Jeder lebt ein bisschen für sich allein. Jeder leidet ein wenig still, auch die Freude lässt sich oft nicht teilen. Manchmal gibt es Ausbrüche, Umschwünge - am wildesten und folgenschwersten im Falle der Mutter, die an manisch-depressiven Zuständen leidet und über einen Riss in der Tapete völlig aus der Fassung geraten kann. Oder auch nicht.

Folge mir heißt der Film. Der Titel bezieht sich auf das Lehrbuch, welches der jüngere Sohn Pius im Religionsunterricht verwendet. Nicht nur in diesen Szenen, wenn die Kamera in die Augen eingeschüchterter, hilfloser, überforderter Kinder blickt, wird die Geschichte vor allem auf der Ebene der Bilder hervorgebracht. Das Unberechenbare des Erzählverlaufs, der beispielsweise die Erfahrungen in der Schule nicht unmittelbar in einen dramatischen Zusammenhang stellt, entspricht auf schöne Weise dem Gegenstand.

Johannes Hammel stellt mit Folge mir seinen zweiten Spielfilm vor. 1992 drehte er die 26-minütige Science-Fiction-Geschichte Schwarze Sonne, es gibt eine Reihe von Kurzfilmen (die auf vergangenen Viennalen zu sehen waren). Nicht zuletzt ist Hammel profilierter Kameramann, vor allem für österreichische Dokumentarfilme tätig - er hat Constantin Wulffs In die Welt fotografiert oder Sasha Pirkers The Future Will Not Be Capitalist (Letzterer war bei dieser Viennale bereits zu sehen).

Folge mir ist auch mit den früheren Found-Footage-Arbeiten Hammels verknüpft. Aus dem Super-8-Homemovie-Fundus tauchen immer wieder kurze Sequenzen auf, manche verwittert, alle in Farbe - im Unterschied zum strengen Schwarzweiß der inszenierten Erzählung. Beides, die Super-8-Sequenzen und die Schwarzweißaufnahmen, rückt die Geschichte in die Vergangenheit und eröffnet einerseits einen eher schwelgerischen Raum, die Kleinfamilienglück-Konserven auf Schmalfilm.

Andererseits hält die Erzählung, die viel vom Alltag, den Zurichtungen, Zuständen und Zumutungen handelt, paradoxerweise einen optimistischen Blick auf die Zukunft präsent, darauf, dass die Dinge auch anders werden könnten. "Solange man träumt, gibt es immer einen Ausweg", heißt es im Zitat von Paul Auster, das Hammel seinem Film voranstellt. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Oktober 2010)

  • 28. 10., Künstlerhaus, 21.00; 1. 11., Urania, 11.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.