Ausgrabung eigener Geschichte

27. Oktober 2010, 17:25
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Die aus Costa Rica stammende Regisseurin Paz Fábrega erzählt in ihrem preisgekrönten Langfilmdebüt von einer zufälligen Begegnung, die für eine junge Frau unerwartete Folgen zeitigt

An einem idyllischen Küstenstreifen am Pazifik macht eine Arbeiterfamilie gemeinsam Urlaub. Man wohnt in einer improvisierten Camperkolonie, die Lebenskosten sind gering. Die drei Söhne und Karina, die kleine Tochter, finden am Strand leicht Beschäftigung und Spielgefährten.

Hoch oben über der Küste sind andere Gäste untergebracht. In einer Hotelanlage, die ansonsten leersteht, hat sich ein junges Upper-Class-Paar eingemietet. Mariana begleitet ihren Mann, der hier ein Grundstück aus Familienbesitz verkaufen soll. Eines Nachts kommt es zwischen Karina und Mariana zu einer unerwarteten Begegnung. Trennendes und Verbindendes geraten dabei durcheinander. Karina erzählt eine Geschichte, die bei Mariana tiefe Beunruhigung auslöst - aber aus Gründen, die womöglich jenseits der gegenwärtigen Realität liegen.

Unabhängig davon hat Mariana fraglos Handlungsbedarf - wenn Karinas Geschichte tatsächlich wahr ist. Wenn sie wahr wäre, dann würde damit aber auch ein soziales Klischee übererfüllt, Mariana könnte in die vorgefertigte Rolle der wohlhabenden und gebildeten Philanthropin schlüpfen und als solche dem misshandelten Unterschichtkind zu Hilfe eilen. Hinter dieser Überfrachtung mit eigener Biografie und gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnissen, gilt es, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Paz Fábrega, Filmemacherin aus Costa Rica, Jahrgang 1979, stellte ihr Langfilmdebüt heuer beim Filmfestival Rotterdam vor und wurde prompt mit einem Tiger Award ausgezeichnet (ein weiterer Preisträger war übrigens Pedro Gonzalez-Rubios Alamar, der diesjährige Abschlussfilm der Viennale). Agua fría de mar erzählt auf eigenwillige Weise von familiären Wunden und von Klassenverhältnissen, vom Kinderglück und dessen Gegenteil. Von Oberflächen und ihrer geschickten Untertunnelung. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 28 Oktober 2010)

  • 29. 10., Urania, 14.00
  • 31. 10., Metro, 13.30
  • Kinderspiele oder Kinderleid: "Agua fría de mar" von Paz Fábrega.
    foto: viennale

    Kinderspiele oder Kinderleid: "Agua fría de mar" von Paz Fábrega.

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