Botenberichte aus dem Innersten der Gesellschaft

27. Oktober 2010, 17:23
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Maria Speth erkundet in Berlin "9 Leben"

Eine junge Frau erzählt von ihrem Leben auf der Straße. Sie war heroinsüchtig und erinnert sich noch genau, wie sehr die Sucht alles andere zweitrangig erscheinen ließ. Ein Gefühl für die Welt der anderen Menschen, ein Gefühl für die eigentlichen, eigenen Bedürfnisse ging völlig verloren. Nach dem Entzug spricht sie mit großer Klarheit über ihre Probleme, zahlreiche Piercings, die ihr Gesicht wie hinter einem Gitterwerk verbergen, zeugen deutlich von ihrer schwierigen Beziehung zur Welt.

Sie ist eine von neun Protagonisten in Maria Speths Dokumentarfilm 9 Leben, in dem Menschen von sich berichten, die man in einer Großstadt wie Berlin jeden Tag trifft, aber in der Regel immer nur für einen Moment beachtet: Sie betteln um einen Euro, sie wollen vielleicht eine Obdachlosenzeitung verkaufen, manchmal erschrickt jemand ein wenig beim Gedanken ans Ausmaß an Hilfe, das viele dieser Leute benötigen.

Maria Speth, die bisher vor allem mit stark stilisierten Spielfilmen hervorgetreten ist (Madonnen), hört in 9 Leben vor allem zu. Ihre Gesprächspartner haben die Zeiten der Verwahrlosung schon hinter sich, sie blicken auf das Dasein auf der Straße zurück und können in der Regel gute Gründe dafür anführen, dass ihnen dieses Leben besser erschien als das Leben zu Hause. Was auf diese Weise vor allem erkennbar wird, in diesen Botenberichten aus dem Innersten der Gesellschaft, ist die Gefährdung, der viele Kinder und Jugendliche durch ihre unmittelbarsten Angehörigen unterliegen.

Die Geschichten von Vernachlässigung und Missbrauch, häufig nur andeutbar in ihrer traumatisierenden Wucht, geben 9 Leben eine Dringlichkeit, die sich ästhetisch noch verstärkt. Denn Maria Speth hat mit dem Kameramann Reinhold Vorschneider ein dezidiert "reines", abstraktes Setting für diesen Film entworfen, in dem sich neben den Gesprächen über die neun Leben auch so etwas wie Kultur ergeben kann - es wird musiziert, fotografiert, das alles in Ergänzung jener ersten kulturellen Äußerung einer (wiederentdeckten) Sorge um sich selbst. (Bert Rebhandl, 28. Oktober 2010)

 

  • 28. 10., Urania, 21.00;
  • 29. 10., Künstlerhaus, 13.30
  • Ein abstraktes Setting, ein Raum für die Reflexion konkreter 
Erfahrungen: "9 Leben".
    foto: viennale

    Ein abstraktes Setting, ein Raum für die Reflexion konkreter Erfahrungen: "9 Leben".

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